Herausforderung Peking

„Klima“,"Nachhaltigkeit" und „Peking“ – das sind die Schlüsselbegriffe des Beitrags von Prof. Dr. Franz Brümmer, der in der aktuellen Ausgabe des Informationsdienstes "Sport schützt Umwelt", der gerade erschienen ist.

IOC-Umweltkonferenz mit Smog.
IOC-Umweltkonferenz mit Smog.

Die Wertigkeit des Themas „Sport und Um­welt“ nimmt im internationalen Kontext einen immer bedeu­tenderen Stellenwert ein. Das IOC be­trachtet schon seit ei­nigen Jahren Umwelt, neben Sport und Kultur, als dritte Säule der olym­pischen Bewe­gung. Olympische Spiele sind aber nicht nur für die Wett­kämpfe von enormer Bedeu­tung. Olympische Spiele sind in ihrer heutigen Dimension mit enormen Zuschauer­zahlen, Warenbewegungen und Energie­bedarf und nicht zuletzt Investi­tionen mit weit­reichenden öko­nomischen Ver­­flechtungen und mit städ­tebaulichen Infrastruktur­pro­jekten, verbunden. Es geht also um weit mehr als um den Bau von Sportstätten und die Wettkämpfe selbst.

Olym­pische Spiele verknüp­fen Sport, Ökonomie und Ökologie, beein­flussen die wei­tere Ent­wicklung der Aus­richterstadt und die Lebens­bedingungen sowie das Ge­staltungspotenzial weit über die Spiele hinaus. Derartige Großereignisse stellen immer Weichen in einer Stadt; sie sind bedeutungsvoll für zu­künftige Generationen! Des­halb war es nur konsequent, wenn 1999 das Internationale Olympische Komi­tee (IOC) ein eigenes Konzept zur Nachhaltigkeit der olym­pischen Bewegung, die Olym­pic Movements AGENDA 21, ent­wickelte. 

Luftverschmutzung besorgniserregend

Knapp ein Jahr vor der Eröff­nung der Olympischen Spiele in Peking fand im Oktober die 7. IOC-Weltkonferenz für Sport und Umwelt in Peking statt. Die Konferenz war von A bis Z perfekt organisiert und vermittelte überzeugend, dass an einer erfolgreichen Durch­führung und Organisation der Spiele keine Zweifel bestehen können. Doch wie sieht es mit den Vorbereitungen hinsicht­lich des Umweltprogramms aus? Wie „grün“, wie öko­logisch, wie nachhaltig wer­den die Olympischen Spiele 2008 von Peking?  

Als Bewertungsgrundlage die­nen die Vorortbesichtigungen, die Konferenzbeiträge und Diskus­sionen und der aktuelle Bericht der UNEP (Beijing 2008 Olympic Games - An Environmental Review). Die Umsetzung des angekün­digten und sehr anspruchs­vollen Umweltpro­gramms ist sehr beeindru­ckend, ent­spricht einem ho­hen tech­nischen Standard und um­fasst ein Gesamtvo­lumen von 12 Mrd. US-Dollar! Die viel­fältigen Anwendungsfelder dieses Programms beziehen sich u. a. auf Müllvermeidung und -Management, Staubver­meidung bei den Großbau­stellen, ÖPNV, Wassermana­gement (Recycling, wasser­durchlässige Steine), Aus­weisung und Neugestaltung grüner Naherholungsgebiete (Grünbrücken), Energieeffizi­enz (einschl. Verwendung von Biomasse), Solar-, Photovol­taik- und Windtechnologie, Schutz der Biodiversität (Ver­legung von Laufstrecken we­gen bedrohter Tierart), Um­weltbildung in und mit Schulen (Wasserspartag; 550 „Olympic Model Schools“), Nachnutzung der Sportinfra­struktur (als Kindergarten) bis hin zum Appell, bei den offi­ziellen Empfängen auf den Verzehr bedrohter Tierarten (Haifischflossen) zu verzich­ten. 

Eindeutig kritisch zu bewerten sind die Luftverschmutzung, der Ausgleich von Treibhausgas-Emissionen und der Bereich des ÖPNV. Besorgniserregend ist insbesondere der Faktor Luft­verschmutzung, obwohl die Zahl der Tage mit „blauem Himmel“ (entsprechend dem Nationalen Standard) in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen ist (um 18% auf 241 Tage im Jahr 2006). Trotz erheblicher Anstrengungen (wie Verlagerung von Schwer­industrie, Umstellung von Kohle auf Gas, Modernisierung von Kfz-Motoren (Gas, EURO III Kat etc.), deutliche Verringerung von SO2 etc.) besteht umfassender weiterer Handlungsbedarf. Von Bedeu­tung sind insbeson­dere Fein­staub Partikel (PM10), deren Konzentration z. T. 100% über WHO-Grenzwerten liegen und gesundheitsgefährdend sind. Wäh­rend der Konferenz lag ein sehr dichter Smog über der Stadt, Autobahnen und Flug­hafen wurden teilweise ge­schlossen, die Behörden em­pfahlen alten Menschen und Kindern, in den Häusern zu bleiben. Die Sicht­weite betrug teilweise deutlich unter 100 Meter! Der Unterschied zwischen den beeindruckenden umwelt­politischen Leistungen einerseits und der Luftver­schmutzung hätte größer nicht sein können!  

Deutlicher Perspektivenwechsel zu ganzheitlichen Nachhaltigkeitsprogrammatik

In einigen Vorträgen wurde deutlich kritisiert, dass für eine wahrnehmbare Verbesserung der Luftverschmutzung 5 Jahre zu spät angefangen wurde. Darüber hinaus erschwert die geographische Lage und v.a. die wirtschaft­liche Dynamik Pekings mit zweistelligen Wachstums­raten das Gesamt­bild: In Peking werden täglich 1.000 Autos neu zugelassen. Es gibt zudem ein gigantisches Bauvolumen, welches mit 4.000 Baustellen, zahlreichen großformatigen Pro­jekten und über 10 Mio. qm etwa so groß ist wie das gesamte Bauvolumen in der EU - mit erheblichen Staubemissionen. Zu hinterfragen sind auch die verschiedentlich angedeuteten „Re­location“-Maßnahmen: Fest steht, dass für die umfangreichen Bauvorhaben, Bürgerinnen und Bürger Pekings in mehr als geringfügigem Umfang umge­siedelt wurden. Dimensionen und Details hier­zu wurden jedoch bei der Konferenz nicht in bewer­tungsfähiger Tiefe dar­gestellt. Wenn „Nachhaltigkeit“ sich richtigerweise nicht nur auf die Umwelt bezieht, sondern auch auf ökonomische und soziale Dimension, dann besteht hier weiterhin Klärungsbedarf. 

Deutlich wurde auf der Pekinger Konferenz aber der Perspektivenwechsel: Von einzelnen Umweltschutzmaßnah­men zu einer ganzheitlichen Nachhaltigkeitsprogrammatik, die neben einer Wahrnehmung und Umsetzung im Sinne der Agenda 21, auch die frühzeitige und umfassende Beteiligung von NGOs (in Peking u.a. Greenpeace, WWF, Green Olympic Village) in eine aktive Kooperation einfordert und einen Zeitraum von 50 Jahren und mehr betrachtet.  Sport ist, das wurde wohl selten so klar wie an den Konferenz­tagen in Peking, ein sehr geeignetes, vielleicht sogar das ideale Bildungs- und Kommuni­kationsmedium für die Anliegen von Nachhaltigkeit und Umwelt­schutz!

Prof. Dr. Franz Brümmer ist Mitglied im Präsidialausschuss des DOSB und Präsident des Verbandes Deutscher Sporttaucher.


  • IOC-Umweltkonferenz mit Smog.
    IOC-Umweltkonferenz mit Smog.

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