„Ich bewerte diese Entwicklung ganz anders“ (Teil 3)

Ein Interview mit Ulf Tippelt, dem Leiter des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft, zu 30 Jahren Mauerfall.

Ulf Tippelt leitet das  Institut für Angewandte Trainingswissenschaft. Foto: picture-alliance
Ulf Tippelt leitet das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft. Foto: picture-alliance

Herr Tippelt, die jüngsten Wahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen hatten eine übereinstimmende Aussage: Massive Unzufriedenheit über die Lebensbedingungen 30 Jahre nach Mauerfall. Hat der Sport die Vereinigung besser hinbekommen als andere Bereiche?

ULF TIPPELT: Der Sport ist Bestandteil der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung. Er ist abhängig von den großen Unterschieden zwischen Stadt und Land, von den Stärken und Schwächen der Regionen, die sich im Osten immer mehr ausgeprägt haben. Der Breitensport ist an die jeweilige kommunale Situation gebunden, abhängig vom Grad der Arbeitslosigkeit und den persönlichen Perspektiven. Es gibt den Trend, dass Jugend wegzieht, dass Menschen wegziehen, weil sie keine Chance auf berufliches Fortkommen sehen oder Arbeitslosigkeit entgehen wollen.

Die letzten Erhebungen zeigen, dass in den fünf neuen Bundesländern nur 15,73 Prozent der Bevölkerung im Sport organisiert ist, verglichen mit 30,08 Prozent in den alten Bundesländern. Ein beträchtlicher Unterschied mit starker Aussagekraft.

Ich bewerte diese Entwicklung ganz anders. Ich bewundere sie sogar. Denn man muss den Ausgangspunkt betrachten. Nach der Vereinigung sind die Zahlen ständig gestiegen, und das mit einer Dynamik, die noch anhält. Die westdeutschen Zahlen sind nicht erreichbar, weil dort vor allem die ländlichen Regionen im Vergleich zu den östlichen viel stärker sind, mit starken, gewachsenen Vereinen und privater Unterstützung. Im Osten gibt es eine starke Wanderungsbewegung, hin zu den Ballungsräumen Leipzig, Dresden und Chemnitz.

Der „Goldene Plan Ost“ war nach der Vereinigung dazu gedacht, über 15 Jahre die marode Infrastruktur des Sports zu verbessern, mit einer gewissen Entsprechung zum „Goldenen Plan“ des Sports in der Bundesrepublik, der sich mit seinen vielen Milliarden als segensreich erwiesen hat.

Die Wirkungen des Plans für Ostdeutschland waren sehr begrenzt, einfach weil der Mitteleinsatz sehr viel geringer war. Und diese öffentlichen Mittel konzentrierten sich vor allem auf Zentren. Grundsätzlich muss man sagen, dass es im Osten im Gegensatz zum Westen neben öffentlichem Mitteleinsatz wesentlich weniger Sponsoring und Mäzenatentum gab und gibt. Auch als Folge einer Deindustrialisierung. Die Marketingentscheidungen westlicher Firmen, die im Osten tätig wurden, aber im Westen getroffen wurden, begrenzten sich weiterhin auf den Westen. Das wirkte sich auch auf den Spitzensport aus.

Dennoch scheint es, dass es dem Spitzensport in den östlichen Ländern vergleichbar besser geht als dem Sport in der Breite.

Das liegt an der beachtlichen Unterstützung der fünf Landessportbünde durch die öffentlichen Hände, und auch für die zahlreichen Stützpunkte. Allein Sachsen verfügt über 20 Bundesstützpunkte. Nach der Wende wurden die Strukturen des DTSB der DDR schnell abgewickelt. Geblieben sind aber auch Strukturen, Erfahrungen und Wissen, unter welchen Bedingungen man auch ohne Doping und Zwangsmaßnahmen erfolgreich im Sport sein kann. Angeleitet wird das inzwischen von einer nachfolgenden Expertengeneration.

Als Chef des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig gehören Sie zu den herausragenden Experten in Deutschland, die im Osten sozialisiert sind. Betrachtet man den Querschnitt der Verbände, einschließlich des DOSB, dann wird der vereinte deutsche Sport ganz überwiegend von Westdeutschen angeführt.

Das würde ich als altes Denken bezeichnen. Gute Führung ist keine Frage der Herkunft. Sie ist nicht mehr entscheidend.

Und wie hält es der Sport, vor allem der Sport des Ostens, mit der AfD? Wie sollte er es halten?

Meine ganz persönliche Meinung ist, er sollte nicht von vorneherein ausgrenzen. Wer im Sport mitarbeiten will, als engagiertes Mitglied, der sollte willkommen sein. Der Sport sollte nicht spaltend wirken. Doch er muss natürlich auch Grenzen ziehen. Wer solche Grenzen überschreitet, der schadet dem Sport. Der hat im Sport nicht zu suchen. 

Ulf Tippelt

Der promovierte Sportwissenschaftler Ulf Tippelt, geboren 1963 in Ebersbach in Sachsen, war von 1991 bis 2015 Generalsekretär des Landessportbundes Sachsen (LSB), mit einer Unterbrechung von 2009 bis 2011 als Leistungssportdirektor des DOSB. Im  April 2015 wurde Tippelt Direktor des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaften in Leipzig. 

(Quelle: DOSB/Das Gespräch führte Günter Deister)                                                                                  

 

 


  • Ulf Tippelt leitet das  Institut für Angewandte Trainingswissenschaft. Foto: picture-alliance
    Ulf Tippelt vor einem Schild mit der Aufschrift IAT. Foto: picture-alliance

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