Interview zu Unterrichtsmaterialien Tokio 2020

Zu den Unterrichtsmaterialien für Tokio 2020 hat die DOA ein Gespräch mit zwei der verantwortlichen Lehrkräfte und der DOA-Vorsitzenden Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper geführt.

"Olympia ruft - Mach mit!"; Copyright: DOA
"Olympia ruft - Mach mit!"; Copyright: DOA

Die verantwortlichen Lehrkräfte aus den Arbeitskreisen sind Daniel Matthias Barbist (Sekundarstufe) und Margit Lermer (Primarstufe).

Deutsche Olympische Akademie (DOA): Zunächst einmal ganz grundlegend: Wie groß ist die Enttäuschung, dass die Spiele in Tokio 2020 auf das kommende Jahr verschoben wurden?

Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper (GDT): „Die Enttäuschung war bei der gesamten ‚Olympischen Familie‘, vor allem bei den Athlet*innen, riesig. Es gab aber angesichts der COVID 19-Pandemie keine andere verantwortbare Möglichkeit. Für die DOA bedeutet das natürlich auch, dass das ganze Jahr anders läuft als geplant – angefangen bei der Veröffentlichung der Unterrichtsmaterialien, die verschoben werden musste, über neue Formate wie den Olympic Day Digit@l bis hin zu aufwendigen Planungen zur Verschiebung von Veranstaltungen wie dem Deutschen Olympischen Jugendlager, das dieses Jahr mit unseren japanischen Freunden hätte stattfinden sollen.“

Margit Lermer (ML): Mit der Beschäftigung an den Unterrichtsmaterialien waren die Olympischen Spiele Tokio 2020 natürlich sehr präsent, die Vorfreude groß und auch die Projektwoche an der Schule war bereits terminiert. Doch angesichts der massiven Einschränkungen im Schulbetrieb war ich doch erleichtert, dass Tokio um ein Jahr verschoben wurde. Ein Fest der Begegnung und der Gemeinschaft sollte nicht zu einem Ereignis der Distanz und der Anonymität herabgewürdigt werden. Jetzt starten wir 2021 durch – und ich freue mich umso mehr darauf.

Daniel Matthias Barbist (DMB): Die Entscheidung kann ich aus rationalen Gründen nachvollziehen. Da ich aber die einmalige Chance hatte, Olympia in Japan live miterleben zu können, schmerzt mich die Verschiebung natürlich schon. Meine bereits gekauften Tickets habe ich vor vier Wochen zurückgegeben – das war schon ein seltsames Gefühl. Jetzt muss ich mir das Handball-Finale eben im TV ansehen. Die Arbeit an den Materialien hat jetzt beinahe zwei Jahre gedauert – da steckt viel Arbeit und Leidenschaft dahinter.

Was ist für Lehrkräfte das Besondere an den „Olympia ruft: Mach mit!“-Materialien und warum engagieren Sie sich so stark bei deren Erstellung?

ML: Als sportbegeisterte Lehrkraft, die vom ganzheitlichen Lernen überzeugt ist, sind die Materialien natürlich „meine Nische“. Sie erlauben fächerübergreifendes Arbeiten, sprechen unterschiedliche Sinne und Fähigkeiten an und lassen verschiedene methodische Formen möglich werden. Das Ganze in Verbindung mit Sport – das ist meins.

DMB: Mir ist es ein Anliegen, vor allem auch Nicht-Sportlehrer*innen zu ermutigen, olympische Themen im Unterricht zu behandeln. Olympia bietet -gerade für Politik- und Geschichtslehrerunheimlich viele Chancen, aktuelle und kontroverse Themen multiperspektivisch im Unterricht zu behandeln. Man denke nur an die Diskussionen über eine mögliche deutsche Olympiabewerbung oder an das Thema Menschrechte und Sport. Das aktuelle Heft von „Olympia ruft: Mach mit!“ bietet Lehrer*innen viele Möglichkeiten, die Urteilsfähigkeit der Schüler*innen am Beispiel von Tokio 2020 auf unterschiedlichste und kreative Weise zu trainieren – sei es im Rahmen von Planspielen, Talkshows oder Filmanalysen.

Und aus Sicht der DOA: Warum sind die Materialien seit Jahrzehnten eine so wichtige Säule im Arbeitsprogramm?

GDT: Unsere DOA-Unterrichtsmaterialien sind seit vielen Jahren außerordentlich beliebt bei Lehrkräften und Schüler*innen aller Schulstufen und -arten, weil sie sowohl Einblicke in die Olympische Bewegung als auch in die Geschichte und Kultur des jeweiligen Landes bieten. Das Team, das diese Materialien erarbeitet, besitzt große Kompetenzen und vermittelt detailliertes Wissen – und das ist im Sinne einer ganzheitlichen Bildung im Sport von zentraler Bedeutung.

Wo liegen die Herausforderungen, wenn es darum geht, olympische Themen als Unterrichtsentwürfe aufzubereiten?

ML: Zunächst sind Ideen gefragt. Wie setze ich meine Themenbereiche um? Was macht den Kindern Spaß und was ist zielführend? Wo ist die Nische der Olympischen Erziehung in der Schule? Wie kann Aktionismus und Oberflächlichkeit in der Betrachtungsweise verhindert werden? Verliere ich den roten Faden, der durch die Kapitel, durch die Materialien führen soll? Kommen alle Altersstufen zum Zuge? Gerade in der Primarstufe ist die Spanne zwischen den Erst-Lesern und den 12-Jährigen sehr groß. Die Antwort auf all diese Fragen sind für mich bei der Konzeption der Kapitel stets Herausforderung, aber auch Leitlinie.

DMB: Die Lehrpläne lassen häufig nur wenig Freiräume – inhaltlich, aber auch zeitlich. Die besondere Herausforderung besteht also darin, olympische Themen so aufzubereiten, dass sie sich in bestehende thematische Strukturen sinnvoll und nachvollziehbar integrieren lassen. Die Relevanz olympischer Themen auch für Fächer abseits des Sportunterrichts attraktiv zu machen, ist herausfordernd – aber eben auch spannend!

GDT: Neben diesen Aspekten aus der Praxis kommt oft erschwerend hinzu, dass mit olympischen Themen nicht immer positive Assoziationen verbunden sind. Die kritischen Aspekte wollen wir auch gar nicht leugnen – uns geht es aber um die Vermittlung der Olympischen Werte, um Fair Play, Respekt, Toleranz und die Verständigung zwischen Menschen unabhängig von ihrer Herkunft, ihrem Aller, ihrer Kultur, ihrer Behinderung und ihrer Hautfarbe. Das in Unterrichtsentwürfe umzusetzen ist sicher nicht ganz einfach – heute aber auch wichtiger denn je. Jede der „Olympia ruft: Mach mit!“-Broschüren hat ihren eigenen Charakter, der ganz zentral vom Gastgeberland und der Olympiastadt bestimmt wird.

Was war an der Thematik Tokio 2020 besonders reizvoll?

DMB: Tokio 2020 zeigte sich 2016 während der Schlussfeier in Rio de Janeiro als modern, technisch innovativ und kreativ-unkonventionell. Der japanische Premierminister trat beispielsweise als Super Mario auf.

ML: Bei der Ausarbeitung des Themenbereichs „Gastgeberland und Olympiastadt Tokio“, konnte ich die ganz spezielle Faszination erleben, die von diesem Land und speziell von dieser Stadt ausgeht. Vieles war mir neu und am Anfang auch fremd. Aber je mehr ich in diese Kultur eingetaucht bin, desto mehr fand ich Gefallen daran. Jetzt gibt es in meinem Bücherregal eine ganze Sammlung von Literatur zu Japan und Tokio – und ich habe mein Faible für japanische Bilderbücher entdeckt.

Welche Highlights in der aktuellen Broschüre stechen für Sie besonders heraus?

DMB: Besonders freue ich mich auf die Rückmeldungen zu meinem Entwurf eines Planspiels zum Olympiabewerbungsprozess 2020. Aus eigener Erfahrung weiß ich, zu welchen kreativen Höchstformen Schüler im Rahmen solcher kompetitiven Simulationen auflaufen können.

ML: Bei der Primarstufe ist das für mich der Olympische Fünfkampf. Die einzelnen Disziplinen sind so ideenreich konzipiert, sprechen unterschiedliche Sporttypen an, fördern Fairplay und Gemeinschaft und machen richtig Spaß. Meine Sportklasse durfte die Übungen schon ausprobieren. Die Kinder waren voll und ganz begeistert – und ich nicht weniger!

GDT: Es ist immer schwierig, ein besonderes Highlight hervorzuheben bei all den vielen Themen und Aspekten, die in beiden Broschüren so kompetent und auch liebevoll aufbereitet sind. Aber ganz besonders wichtig und zeitgemäß ist sicherlich auch das Kapitel zur Nachhaltigkeit – ein Thema, das bei diesen „Recovery Games“ sicher eine große Rolle spielen wird.

Aus der Schulpraxis gedacht: Wie und in welchem Kontext können die Unterrichtsmaterialien „Olympia ruft: Mach mit!“ sinnvoll zum Einsatz kommen?

DMB: Mir war es während der Konzeptionierung der Materialien wichtig, darauf zu achten, dass meine Stunden im Regelunterricht eingesetzt werden können – sei es in Bezug auf den Lehrplan oder in Bezug auf die inhaltliche Nachvollziehbarkeit und Umsetzbarkeit der Stundenvorschläge. Ermuntern möchte ich vor allem meine Kolleg*innen der Geisteswissenschaften, einige der Unterrichtsvorschläge selbst mit den Schüler*innen auszuprobieren. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Schüler*innen für solche Thematiken offen sind.

ML: Zum einen hoffe ich, dass viele Lehrkräfte in den Materialien stöbern und sich die Themen und Inhalte heraussuchen, die für sie persönlich und ihre Klasse passen. Zum anderen wünsche ich mir, dass sich noch mehr Schulen auf den Weg machen und eine olympische Woche im Sinne eines umfassenden Projektunterrichts, vielleicht sogar mit festlichem Rahmen, gestalten. Wenn Olympische Erziehung ein langfristiges Anliegen wird, kann Schule den Auftrag erfüllen, ein vielfältiger Erfahrungsraum für Leben und Lernen zu sein.

(Quelle: Deutsche Olympische Akademie, DOA)


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