Ja wo laufen sie denn?

DOSB-Gastautor Hans-Jürgen Schulke, Professor für Medienmanagement in Hamburg, beobachtet eine zunehmende Zahl an "Lauflüstlingen" in Deutschland.

Immer mehr Menschen haben Lust auf Laufen in der Natur. Foto: picture-alliance
Immer mehr Menschen haben Lust auf Laufen in der Natur. Foto: picture-alliance

Bei der Fußballweltmeisterschaft lief Thomas Müller in einem Spiel elektronisch überwacht und vermessen 14 km. Er sprang dabei in die Höhe, überwand daniederliegende Gebeine, sprintete über zertretenen Rasen, stieß sich gelegentlich den Kopf und trug sieche Mitspieler zur Rekonvaleszenz. Sein fortlaufendes Gewerbe verrichtete er temporär in der Nationalmannschaft, inzwischen wieder in einem bayerischen Sportverein.

Thomas Müller ist kein Vorbild. Mindestens nicht für die Zigtausende Fußwerker, die sich in diesem Sommer bei Tough Mudder, Strongmen oder Urbanathlon laufend über originelle Hindernisse fortbewegen. Sie nutzen holsteinische Gutshöfe mit waldreicher Umgebung (ja, auch den von Vicky Leandros), den Nürburgring mit langen Anstiegen, den Hamburger Hafenrand mit steilem Geesthang und manch andere von Natur aus hinderliche Strecke. Einsam sind sie dabei nicht – zumeist wird in freundschaftlichen Gruppen gelaufen (gegenseitige Hilfestellung erwünscht), die Zeit nicht vermessen, die abendliche Feier mit dem unüberhörbaren Austausch der Erlebnisse sind festes Ritual – Wacken für Wanderer.

Die Streckenlänge kommt der von Thomas Müller nahe, der Verdienst nicht. Da wird schon mal ein Hunderter an Startgeld gezahlt, Spesen kommen hinzu - für die Steuererklärung bleibt das irrelevant -, eine Erwähnung in der Öffentlichkeit unterbleibt und wird auch nicht gesucht. Dennoch nimmt die Zahl der gehemmten Lauflüstlinge seit Jahren zu. In Deutschland wird wohl bald die Hunderttausender Grenze überlaufen. Schon haben Veranstalter nach wenigen Tagen die Anmeldelisten geschlossen. In den USA soll ihre Zahl die der Marathonis übertroffen haben, ein martialischer Hintergrund ist dort unverkennbar.

Was also ist das Mysterium für den Auflauf menschlicher Lemminge? Der Gewinn der Dauerläufer ist schnell addiert: Stolz auf die Bewältigung einer herausfordernden körperlichen Aufgabe ohne spezielle Bewegungstechnik, fröhliches Gruppenerlebnis, ein Wiederentdecken der Natur, spontane Entscheidung zur Teilnahme, Zeitmessung und Siegerlisten nur bei Bedarf. Kein Zufall, dass nicht wenige der Aktiven den Lauf als willkommenen Kurzurlaub aus den gut  bedachten Fitnessstudios empfinden, Firmengruppen das als selbstorganisiertes Incentiv nutzen. Sporthistorisch sind  diese hinderlichen Leibesübungen übrigens identisch mit den Läufen der Schüler und Studenten, die Turnbruder Jahn mit seinen Freunden vor 200 Jahren auf dem ersten Turnplatz in der Berliner Hasenheide über naturnahes Gerät organisierte – das Reck als Baumast.

Während sich aus dem vereinten Turnen mit heute über 90. 000 Sportvereinen die größte Mitgliederorganisation in Deutschland entwickelte, sind die derzeit beliebten Hindernisläufe ohne Vorlauf und Vorbild fest in der Hand von verdienstvollen Agenturen. An den Sportverbänden sind sie vorbeigelaufen, gleichwohl Leichtathletikverband, Turnerbund und Fünfkämpfer einiges dazu beitragen, vielleicht bald der DFB mit Fußballgolf. In den Landessportbünden könnten die Fäden zusammenlaufen.

So sind die ausdauernden Hindernisläufer ein Fragezeichen für die Sportorganisationen, die zukünftig neue Motive, Märkte, Mitgliedschaften und Moneten gemeinnützig verknüpfen wollen. Dazu gehört auch Mut – und das richtige Management von Tradition, Kompetenz, Qualifikation und Kommunikation. Das gilt auch für die wachsende Zahl an Firmenläufen, die mitunter schon fünfstellige Läufersummen ausweisen und in ihrer Mischung von maßvoller Ausdauer und hemmungsloser Fröhlichkeit wirksame betriebliche Gesundheitsförderung darstellen. Eine interessante Perspektive für den Betriebssport.

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Immer mehr Menschen haben Lust auf Laufen in der Natur. Foto: picture-alliance
    Immer mehr Menschen haben Lust auf Laufen in der Natur. Foto: picture-alliance

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