Kreuz und quer fahren ist tabu!

Gibt es genug Platz in den deutschen Wäldern und Bergen für Wanderer und Radfahrer?

Toleranz, Eigenverantwortung und Rücksichtnahme ist gefragt in einer Natur, die bei schönem Wetter beachtlichem Nutzungsdruck ausgesetzt ist.
Toleranz, Eigenverantwortung und Rücksichtnahme ist gefragt in einer Natur, die bei schönem Wetter beachtlichem Nutzungsdruck ausgesetzt ist.

Bestimmt, findet Hanspeter Mair vom Deutschen Alpenverein (DAV). Aber Radfahr-Rambos schaden dem Image der Sportart. Respekt und Fairness wünscht sich Hanspeter Mair vom Deutschen Alpenverein in den Wäldern und Bergen. Der Sportjournalist Frank Heike hat mit dem Leiter des DAV-Geschäftsbereichs Alpine Raumordnung über das Miteinander von Wanderern und Mountainbikern gesprochen.

Ein einziges Mal hat sich Hanspeter Mair so richtig aufgeregt. Und das ist auch schon viele Jahre her. Beim Wandern. Ein Mountainbike-Fahrer näherte sich ihm und seiner Frau in den Bergen von hinten. Das sei kein geeigneter Weg fürs MTB, sagte Mair ihm freundlich. Der Radler drängelte sich vorbei, murmelte noch etwas und fuhr querfeldein über eine Wiese davon. „Seine Haltung war: ‚Ha, jetzt komme ich‘“, erinnert sich Mair. Und weiter auf bayrisch: „Des haut mi auf!“

Es regt ihn also auf, den erfahrenen Alpinisten vom Deutschen Alpenverein (DAV). Mair ist 60 Jahre alt und verantwortet den Geschäftsbereich Alpine Raumordnung. Dazu gehören die Ressorts „Hütten und Wege“ sowie „Naturschutz und Kartografie“.

Da Mair vor vielen Jahren vom Bergsteiger und Wanderer auch zum begeisterten Mountainbiker geworden ist, kann er wie kaum ein Zweiter beide Seiten beurteilen. Deswegen hält er nichts davon, den Schwarzen Peter zu verteilen. Er sagt: „Zusammentreffen wie das Geschilderte führen dazu, dass man sagt: ‚Diese Mountainbiker!‘ Dabei werden alle über einen Kamm geschoren. Und das ist natürlich ungerecht. Denn die allermeisten Mountainbiker*innen verhalten sich in den Wäldern und Bergen vorbildlich.“

Und doch hat Mair einen Verdrängungswettbewerb in der Natur ausgemacht. Immer mehr Menschen verbringen ihre Freizeit in den Bergen. Das führe zu Spannungen. Probleme müsste es deswegen nicht grundsätzlich geben, denn das Zusammentreffen ist reguliert: „Bei der Begegnung zwischen Wanderern und Mountainbikern hat der Fußgänger Vorrang. Das regelt das bayerische Naturschutzgesetz in Art. 28 Abs.1 Satz 2. Mountainbiker dürfen auf Forstwegen, Almstraßen und geeigneten Wegen fahren, so ist es festgelegt. Jedoch gilt auch das Rücksichtnahmegebot für Mountainbiker und Wanderer. Wenn Wanderer und Mountainbiker Rücksicht aufeinander nehmen würden, gibt es wenige bis gar keine Probleme. Dazu gehört dann auch, auf schmalen Wegen stehenzubleiben, und den Wanderern Vorrang zu geben oder als Wandergruppe auf einem breiten Weg hintereinander anstatt nebeneinander zu gehen.“

Respekt und Fairness wünscht sich Mair in den Wäldern und Bergen. Und es sei auch nicht so, dass jeden Montag bei der Arbeit die neuesten Auseinandersetzungen zwischen Mountainbikern und Wanderern vom Wochenende diskutiert würden. „Es gibt nicht viele Zwischenfälle“, sagt er, „die entnehme ich manchmal der Zeitung.“ Aber was Hanspeter Mair sicher weiß, ist Folgendes: „Es sind leider im freien Gelände immer welche unter den Mountainbikern, die in Rambo-Manier unterwegs sind. Sie verhalten sich egozentrisch, fahren, dass die Fetzen fliegen. Das sind zwar wenige, aber diejenigen, die das Bild des Mountainbikers in den Bergen extrem schädigen. Dabei ist Mountainbiken ein unheimlich schöner Sport, wenn jeder das eigene Tun reflektiert und friedliche Koexistenz vorlebt.“

Über 1,3 Millionen Mitglieder hat der DAV. Nicht ganz die Hälfte davon sind Mountainbiker. Die erreiche man mit den Mitteln der Verbandsarbeit, sagt Mair. Aber: „Diese 500.000 bis 600.000 Radler sind nur zehn Prozent derjenigen, die mit dem MTB überhaupt unterwegs sind. Das heißt, dass wir als DAV 90 Prozent nicht erreichen.“

In Bayern gibt es ein liberales Betretungsrecht, das auch für Radfahrer gilt. Allerdings nur auf Wegen. Wanderer und Wanderinnen dürfen sich überall hinbewegen, auch abseits der Wege. Die Mountainbiker*innen nicht.

Streit zwischen Fußgängern und Radfahrern ist kein rein bayrisches Problem. Auch in Baden-Württemberg gibt es Vorfälle. Gerade in den städtischen Naherholungsgebieten rund um Stuttgart kommt es zu Wortgefechten zwischen Mountainbikern und Spaziergängern oder Wanderern. Hinzu kommen Forstbesitzer, die sich über Mountainbiker aufregen. Häufig finden Auseinandersetzungen zwischen den Parteien den Weg in die Zeitung – wenn in Wäldern etwa kaum sichtbare Drähte zwischen Bäumen auf Kopfhöhe der Radler gespannt worden sind. Wer das macht, bleibt im Dunklen. Klar ist nur, welche Gefährdung für Radfahrer*innen so etwas bedeutet. Abschreckung? Eher versuchte Körperverletzung. Im Norden Deutschlands sind Spannungen zwischen Mountainbikern und Wanderern oder Spaziergängern hingegen fast gänzlich unbekannt, was auch mit dem unterschiedlichen Landschaftsprofil zusammenhängen kann.

Den Zorn der Förster kann Mair verstehen. „Es ist leider nicht so bekannt, aber der Forst denkt in Generationen. In Schonungen fährt man nicht hinein, und in Wäldern darf man nicht ohne Genehmigung der Grundstückseigentümer*innen querfeldein Strecken anlegen oder Sprungschanzen bauen, um den Kick zu bekommen. Wenn man eine Fichte anfährt, wird sie dauerhaft geschädigt. Also heißt es: Nein, da dürft ihr nicht fahren.“ und weiter: „Niemand will auf Forstautobahnen fahren, wo es nur hoch und runtergeht.“ Es sei vollkommen klar, dass dem ‚Nein‘, das Mountainbiker im Wald und am Berg ständig hören, etwas entgegengesetzt werden muss, meint Mair: „Das nennen wir Lenkung. Wir müssen Angebote schaffen, interessante Wege, besondere Strecken.“

Er meint, dass egal wo – ob im Stadt-Wald oder den Alpen – Strecken geöffnet werden müssen, wenn andere nicht genutzt werden sollen. „Wenn wir Angebote schaffen, gibt es weniger Ärger. Für diese Angebote, und für vernünftiges Verhalten in der Natur, müssen dann alle werben: Der DAV, Hüttenbesitzer, Hoteliers, Tourismusverbände, Fahrradverleiher, andere MTB-Verbände und die Fahrradindustrie.“

Mair ist zuversichtlich, dass vielfältige, neue Angebote selbst in engen Naherholungsgebieten den Druck auf die Natur verringern können. Selbst dann, wenn ein neuer „Akteur“ auftritt, besser: aufgetreten ist. Er sagt: „Ich habe den Eindruck, dass sich gerade die Wanderer und Mountainbike-Fahrer derzeit gegen Pedelec-Fahrer solidarisieren. Der Pedelec-Fahrer wird am Berg etwas schief angeschaut.  Weil er nicht allein seiner Muskelkraft vertraut.“ Mair lacht und gibt zu, dass man den „Pedelecern“ genau so viel Toleranz entgegenbringen müsse wie allen anderen Erholungssuchenden in der Natur: „Er bewegt sich schließlich auch.“ Und das bringt Mair – bei allem Problembewusstsein und kritischem Blick auf die Nutzergruppe – auch noch in die Diskussion ein: „Grundsätzlich ist es doch schön, dass sich so viele Menschen zu Fuß oder auf dem Rad bewegen. Denn im Alltag sitzen wir ja nur herum.“ Alles halb so wild also?

Wie es sich für einen richtigen Bayern gehört, kann Hanspeter Mair dem Thema abschließend auch eine humoristische Seite abgewinnen: „Die Mountainbiker sollen auf Wegen bleiben. Beim Wanderer darf es auch mal querfeldein sei.“ Und augenzwinkernd fügt er an: „Aber die wirklich Schlimmen sind die Schwammerl-Sucher! Die gehen wirklich überall hin.“ Zum Glück, aus seiner Sicht, ist die Pilz-Saison ja längst vorbei.

Rücksichtnahme gefragt

Wenn Grundbesitzer, Mountainbiker und Wanderer aufeinandertreffen, kann es eng werden im Wald und am Berg. Normalerweise verläuft alles friedlich. Mountainbiker*innen fahren auf den ausgewiesenen und erlaubten Wegen, Wanderer nehmen genauso Rücksicht wie Radler, niemand benimmt sich daneben. In den allermeisten Fällen gibt es ein faires Miteinander von Mountainbikern und Wanderern. Toleranz herrscht vor, Eigenverantwortung und Rücksichtnahme in einer Natur, die gerade bei schönem Wetter einen beträchtlichen Druck durch Erholungssuchende aushalten muss.

Aber manchmal gibt es Ärger. Wenn es eng wird und Mountainbiker auf engen Pfaden an Spaziergängern vorbeipreschen, wenn sich Spaziergänger*innen provozierend Radlern in den Weg stellen. Auch Mountainbiker, die abseits der Wege downhill durch Schonungen fahren oder sich riskante Trails bauen, wo es nicht erlaubt ist, gibt es. Das ärgert dann insbesondere die Forstbesitzer. Denn es kommt insbesondere in Baden-Württemberg und Bayern durch nicht offiziell ausgewiesene herausfordernde Mountainbike-Strecken zu Problemanzeigen. Man liest davon in den Tageszeitungen; rund um Stuttgart zum Beispiel gibt es abschreckende Beispiele aus dem Wald, wenn plötzlich Seile auf Kopfhöhe an Strecken zwischen Bäumen gespannt sind, auf denen Mountainbiker unterwegs sind.

Pilotprojekte in Bayern

Ein positives Beispiel für das Miteinander der Gruppen kommt vom Deutschen Alpenverein (DAV). Der DAV kennt das Problem der Spannungen zwischen Grundbesitzern, Mountainbikern und Wanderern und will es nachhaltig lösen. Weil knapp die Hälfte der Mitglieder im DAV auch mit dem Rad im Gebirge unterwegs sei, sieht sich der DAV in der Verantwortung, zu einem friedlichen Miteinander beizutragen. In zwei Pilotregionen (Bad Tölz-Wolfratshausen und Oberallgäu) werden schon seit 2018 modellhafte Mountainbike-Konzeptionen erarbeitet, umgesetzt und evaluiert, um ein harmonisches Miteinander in der Natur zu erreichen. Dazu gehören neben konkreten Wegkonzepten und entsprechenden Beschilderungen auch Handlungsleitfäden. Bis September 2021 fördert das Bayerische Staatsministerium für Umwelt und Verbraucherschutz nun das Projekt „Bergsport Mountainbike – nachhaltig in die Zukunft“ mit insgesamt 250.000 Euro. 108.000 Euro kommen vom DAV. Der DAV hat einen Projektmitarbeiter eingestellt, der auch Daten zu grundlegenden und drängenden Fragestellungen erheben soll, sowie zusätzlich eine halbe Stelle für allgemeine Aufgaben im Bereich Mountainbike eingerichtet. Über bloße Infrastrukturmaßnahmen hinaus soll ein Anstoß für eine nachhaltige Umweltbildung erfolgen. Dabei sei das Ziel, insbesondere Kinder und Jugendliche für einen respektvollen Umgang mit der Natur und anderen Nutzergruppen zu gewinnen. Wichtig ist dem DAV, dass alle Beteiligten eingebunden werden.

Link zum Projekt „Bergsport Mountainbike – nachhaltig in die Zukunft“:
https://www.alpenverein.de/der-dav/presse/presse-aktuell/umweltministerium-foerdert-mtb-projekt-des-dav_aid_32207.html 

Der Artikel erscheint als sechster Beitrag der gemeinsamen Artikelreihe "Sport im Wald" des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) und des Deutschen Forstwirtschaftsrates (DFWR)

Der Nachdruck ist – mit Angabe der Quelle (DOSB) und mit Verweis auf www.waldsportbewegt.de – gestattet und ausdrücklich erwünscht.

(Quelle: Frank Heike)


  • Toleranz, Eigenverantwortung und Rücksichtnahme ist gefragt in einer Natur, die bei schönem Wetter beachtlichem Nutzungsdruck ausgesetzt ist.
    Foto: Chris Pfanzelt Photography

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