Lokomotive der Integration

Im Hamburger Osten arbeitet der TSV Wandsetal voller Freude und Energie mit Asylsuchenden – sie nennen es „besporten“.

Einige der Flüchtlinge beim TSV Wandsetal sind bereits Vereinsmitglieder geworden (Quelle: TSV Wandsetal/Rehmer)
Einige der Flüchtlinge beim TSV Wandsetal sind bereits Vereinsmitglieder geworden (Quelle: TSV Wandsetal/Rehmer)

Wenn es stimmt, dass Integration nicht nur die Migranten verändert, sondern auch die aufnehmende Gesellschaft, dann müssen sich Maria Ali, Jürgen Meins und Steve-Alexander Eichfuss wie Profiteure des Wandels vorkommen. Die drei Protagonisten des TSV Wandsetal mit ihren ganz verschiedenen persönlichen Hintergründen verströmen im Gespräch eine derart ansteckende Begeisterung für ihre Arbeit mit Asylsuchenden, dass man das große Thema dieser Zeit plötzlich nicht mehr nur als Problem, sondern vor allem als Chance betrachtet. „Das liegt an unserer positiven Energie!“, sagt der Vorsitzende Meins fröhlich.

Lösungsorientiert sind sie beim TSV Wandsetal in Sachen Sport mit Asylsuchenden schon länger als andere – das ist inzwischen ihr Wettbewerbsvorteil. Schon vor knapp drei Jahren boten Meins und seine Mitstreiter den Asylsuchenden in der Erstaufnahme-Einrichtung Litzowstraße kostenlose Unterstützung und Teilhabe am TSV-Sportangebot an. Davon erfuhr der Hamburger Sportbund (HSB) und fragte bei Meins nach, ob er eine „völlig neue Art der Kooperation“ interessant fände. Seitdem ist der TSV offizieller Partner des HSB und des Landesbetriebs für Erziehung und Beratung bei der Betreuung Asylsuchender. „Wir haben in Hamburg keine Konkurrenz“, sagt der 66 Jahre alte Meins selbstbewusst, „wir machen das ja schon viel länger als die meisten anderen Vereine.“

Sehr früh hatten die Wandsetaler verstanden, dass eine Beschäftigung hilft, wenn man fremd in ein Land kommt und wenig zu tun hat. „Die wollen gar nicht isoliert sein und rumsitzen, sondern aktiv sein, sich austoben. Das geht im Sportverein, und bei uns knüpfen sie auch erste, wichtige Außenkontakte, wenn wir sie besporten“, sagt Maria Ali.

Zweimal schon wurde der TSV Wandsetal für seine Integrationsarbeit ausgezeichnet, zuletzt gar mit einer Prämie der Europäischen Union, nachdem der DOSB ihn wegen seiner fruchtbaren Flüchtlingsarbeit nominiert hatte. Staatsministerin Aydan Özöguz (SPD) besuchte die Wandsetaler 2015 und lobte deren richtungsweisende Aktivitäten.

Inzwischen kommen Zuwanderer aus ganz Hamburg zum TSV. Mundpropaganda. Etwa 40 Asylsuchende sind derzeit Vereinsmitglied, auch unbegleitete Jugendliche dürfen auf den Sportanlagen im schönen Eichtalpark kicken. Die Sache läuft wie geschmiert, und es gibt Lob von beiden Seiten. „Der HSB ist eine große Hilfe“, sagt Meins. Er denkt da auch an Maria Ali. Die 32 Jahre alte Deutsche mit afghanischen Wurzeln hat sich beim HSB zur „Sportbotschafterin“ ausbilden lassen. In 60 „Lerneinheiten“ über zehn Tage hat sie von der richtigen Ansprache, kulturellen Unterschieden bis zum Konfliktmanagement einiges gelernt. Die ausgebildete Fitnessmanagerin - ihre Eltern flohen einst aus Kabul – betreut beim TSV eine internationale Sport-Gruppe muslimischer Frauen und Mädchen und ist Mädchen für alles in Sachen Integration. „Ein Lächeln öffnet Türen“, sagt sie, „noch besser ist aber, die Sprachen zu sprechen.“ Türkisch hat sie sich selbst beigebracht, sechs andere Sprachen kann sie auch. Männlichen Asylsuchenden begegnet sie angstfrei-respektvoll, niemals naiv. Immer selbstbewusst.

Beim HSB schätzt man TSV. Mit viel Elan hat der Sportbund vergangenes Jahr das Projekt „Willkommen im Sport – Sport und Bewegungsangebote für Flüchtlinge“ aufgelegt. 2015 hat Hamburg mehr als 22.000 Asylsuchende aufgenommen. „Als Stadtstaat mit relativ wenig Platz haben wir ein besonderes Interesse, die Situation schnell zu lösen“, sagt HSB-Geschäftsführer Ralph Lehnert. Ihm ist die Freiwilligkeit wichtig. Er sagt: „Wir wollen keinen Verein missionieren, sondern die unterstützen, die es wollen.“

Maria Ali wird am 1. Juni als Unterkunftsmanagerin in einer zentralen Erstaufnahmestelle des Hamburger Betriebs „Fördern und Wohnen“ arbeiten. Steve-Alexander Eichfuss, ausgebildeter Volljurist,  streckt die Fühler nach anderen Sportarten aus – Ringen etwa, Nationalsport in Afghanistan. In der freien Zeit hilft der 34 Jahre alte Anwalt Asylsuchenden in Rechtsfragen. Und Jürgen Meins freut sich gerade über Vereinsmitglied Edris Sultari aus Afghanistan. Der vor fünf Monaten geflohene Mann hat gerade einen Mini-Job beim TSV Wandsetal angenommen. Er hilft dem Platzwart. Als Asylsuchender über den Sport in den Beruf. Eigenes Geld.  Verantwortung. So geht Integration.

(Quelle: DOSB/Text: Frank Heike)


  • Einige der Flüchtlinge beim TSV Wandsetal sind bereits Vereinsmitglieder geworden (Quelle: TSV Wandsetal/Rehmer)
    Einige der Flüchtlinge beim TSV Wandsetal sind bereits Vereinsmitglieder geworden (Quelle: TSV Wandsetal/Rehmer)

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