Nach der Krise ist vor der Krise

Die aktuelle Ausgabe "Sport schützt Umwelt" legt den Fokus auf Sport, Gesellschaft, Gesundheit und Umwelt. In einer dreiteiligen Serie kommen verschiedene Akteure zu Wort.

Möglichkeiten und Erfahrungen einer konsequenten nachhaltigen Ausrichtung unserer Gesellschaft müssen ergriffen werden. Foto: picture-alliance
Möglichkeiten und Erfahrungen einer konsequenten nachhaltigen Ausrichtung unserer Gesellschaft müssen ergriffen werden. Foto: picture-alliance

Im dritten und letzten Teil beschäftigt sich Professor Dr. Franz Brümmer, der Vorsitzende des Kuratoriums Sport und Natur, mit den enormen Auswirkungen der Pandemie auf alle Bereiche der Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. 

Die Covid-19-Pandemie hat enorme Auswirkungen auf alle Bereiche unserer Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Ebenso hart trifft es den organisierten Sport und das ebenso weltweit. Die Verschiebung der Olympischen und Paralympischen Spiele 2020 in Tokio auf das Jahr 2021 verdeutlicht dieses Ausmaß eindrücklich. Aber es sind auch die unzähligen Sportveranstaltungen, die ausfallen; der Trainings- und Wettkampfbetrieb in den Sportvereinen in Deutschland findet derzeit eigentlich nicht mehr statt. Auch die nun beschlossenen Lockerungen für den Breitensport stellen die Vereine vor große Herausforderungen beispielsweise in Bezug auf die Distanzregeln.

Vor welchen Herausforderungen steht der Sport, stehen Sportlerinnen und Sportler und welche Perspektiven eröffnet uns die Zukunft in und nach der schweren Krise durch das Corona-Virus SARS-CoV-2? Die allermeisten von uns haben eine derartige gesamtgesellschaftliche Herausforderung noch nicht erlebt. Die Bundeskanzlerin beschrieb dies so: „Es geht um Leben und Tod, um die Kapazitäten des Gesundheitswesens, um Schutz der Risikogruppen.“ Der Alltag ist aus den Angeln gehoben und ich erinnere mich oft an den Satz, von dessen Unwahrheit ich als Sportler und Klimaschützer wusste: „Ich allein kann ja nichts tun“. Genau das stimmt nicht! Es macht schlicht die Welt aus, ob jeder Einzelne mitmacht und Verantwortung übernimmt oder nicht. Das haben die vergangenen Monate gezeigt. Der größte Teil der Bevölkerung nimmt die Einschränkung der Freiheit des Einzelnen durch besondere Regeln hin, ist besonnen und abgewogen. Sportverbände haben hier in vorbildlicher Weise das „Einfrieren“ des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland zur Eindämmung der Corona-Infektionen unterstützt und alle Sportaktiven eindringlich zur Einhaltung der Infektionsschutzregeln angehalten. Darüber hinaus haben Natursportverbände mit Sportarten, die bei Unfällen größere Such- und Rettungsaktionen sowie Krankenhausbehandlungen auslösen könnten, aus Rücksicht auf die grenzwertige Belastung der Gesundheitseinrichtungen die Sportausübung im Rahmen ihrer rechtlichen Möglichkeiten unterbunden, bis hin zu einem deutschlandweiten Flugverbot durch den Gleitschirmflugverband. Sicher ist es uns Sportaktiven leichter gefallen, denn Regeln sind uns doch aus dem Sport bekannt! Und fairer Sport – hält sich an Regeln!

Die Corona-Krise, deren Herkunft und unser Lebensstil

Schon lange vor Corona wussten wir, dass die allermeisten unserer Lebensstile mit einer nachhaltigen Lebensweise, die für eine gesunde Weltgemeinschaft und für unseren blauen Planeten zuträglich ist, nichts, aber auch gar nichts zu tun haben. Corona ist eine Pandemie, die mit der (Zer-) Störung von Ökosystemen zusammenhängt: eine menschengemachte Zoonose (vom Tier zum Menschen und vom Menschen zum Tier übertragbare Infektionskrankheiten), wie Ebola, SARS, Nipah und viele andere. Die Störung von Ökosystemen lässt die natürlichen Lebensräume (ver-)schwinden und bringt die Tiere in unsere Nähe. Die Folgen sind dann unter Umständen Epidemien und Pandemien. Nun folgt zwar ein weltweites Verbot von Wildtiermärkten. Menschen, die diesen Handel treiben, machen das aber meist aus Armut. Und unsere Art und Weise, Tiere in Massen zu halten oder Lebensmitteln wegzuwerfen, sollte uns verbieten, zu sehr auf andere zu zeigen. Corona zeigt uns erneut, dass wir verlässliche und gute Information brauchen, dass Zusammenhänge meist komplexer sind als gedacht, dass wir schnell, ehrlich und klar sagen, was Sache ist und entsprechend konsequent handeln müssen.

Klima- und Biodiversitätskrise – war da was?

Zurück zu den zerstörten Ökosystemen und dem menschlichen Handeln. Das Meereis der Arktis schmilzt rasant. Die Klimaveränderung wird einen deutlichen Anstieg der Zahl der Klimaflüchtlinge zur Folge haben. Brände und Schädlingsbefall in den Wäldern nehmen zu. Die Fläche des Amazonasregenwaldes schrumpft rasend schnell. Und wer war noch mal Greta Thunberg? Warum gingen Zehntausende von Jugendlichen im Frühjahr 2019 auf die Straße? Gemeinsam mit den Klimaforschern wiesen sie unmissverständlich – wie jetzt die Virologen – auf eine globale Katastrophe hin. Al Gore nannte den Klimawandel schon 1992 einen weltweiten Virus. Und schon vom Erdüberlastungstag gehört?

Deutschland und viele andere Staaten haben in der Corona-Krise bewiesen, wie handlungsstark sie sind. Für unser aller Gesundheit und Verletzlichkeit wird ein großer Teil der Wirtschaft lahmgelegt und Wachstum hintenangestellt. Wir sehen die Maßnahmen zum Lockdown ein und nehmen die Einschränkungen hin. Einschränkungen im Flugverkehr oder bei besonders emissionsstarken PKW waren vor einem halben Jahr noch ein inakzeptabler Freiheitsentzug und ein Kohleausstieg eine Gefahr für Arbeitsplätze. Nach den ersten vier Wochen der Corona-Pandemie waren plötzlich Delfine in Venedigs Kanälen zu sehen und wieder gut atembare Luft in Mega-Städten vorhanden. Es gab keinen Fluglärm und der schöne blaue Himmel war überall. Aber bitte nicht blenden lassen: Corona ist keine Reha für die Umwelt und rettet auch definitiv nicht das Klima! Aber wir haben eine sehr wertvolle Erfahrung gemacht: die Politik kann und hat schnell und effizient gehandelt. Sie hat auf Wissenschaftler gehört, sie hat entschieden und Maßnahmen umgesetzt!

Bei der Covid-19-Infektion ist vieles noch nicht vollständig bekannt. Wissenschaftler* innen lernen hier täglich dazu. Von unserer „Grünen Lunge“ dem Wald wissen wir es genauer: Dieser liegt längst auf der Intensivstation, sieht sich multiplen „Seuchen“ ausgesetzt und immer noch nicht hören wir auf die entsprechenden wissenschaftlichen Erkenntnisse und steuern um. So droht gerade jetzt im Zuge der CoronaKrise die Diskussion über den zu hohen Ausstoß von Kohlendioxid einfach abgewürgt zu werden, auch gerade durch die Forderung nach generellen PKW-Kaufprämien. Wir können uns aber für den Wald interessieren und sogar versuchen, Waldgesetze oder Waldstrategien des Bundes mit zu beeinflussen. Und wir können gegen Prämien für Technologien von Vorgestern sein und grundsätzlich überdenken, ob schneller Konsum beim Gesundwerden und vor allem beim Gesundbleiben hilft. Klima und Corona-Krise – größer könnte doch der Unterschied in den Maßnahmen zur Bekämpfung nicht sein! Selbst die düstersten Prognosen für die CoronaPandemie sind um ein Vielfaches weniger tödlich als ein ungebremstes Klimachaos. Bei Covid-19 herrscht der Ausnahmezustand, bei der Klimafrage tut sich seit Jahrzehnten so gut wie nichts. Die Suche nach den Antworten für diesen doch seltsamen Kontrast muss genutzt werden, um die Klimaveränderung genauso konsequent und handlungsstark zu bekämpfen. 

Nachdenken, Umdenken und Umsetzen

Und was folgt nach der Corona-Krise? Dann wenn das Schlimmste überstanden ist? Es ist unschwer zu erahnen, wie die Diskussion quasi reflexartig verlaufen wird: Es gebe doch Wichtigeres zu tun, als in klimaschonende Technologien und die Artenvielfalt steigernde Maßnahmen zu investieren. Die Nachhaltigkeit und deren Implementierung in allen Lebensbereichen darf aber nicht zu einer Luxusdiskussion in besseren Zeiten verkommen. Möglichkeiten und Erfahrungen einer konsequenten nachhaltigen Ausrichtung unserer Gesellschaft müssen ergriffen werden. Bekannt sind sie ja. Und dass ein schnelles Handeln möglich wird, hat uns die Corona-Krise gezeigt.

Es gilt also nachzudenken! Dann wird uns deutlich, in welche schwierige Situation wir den Planeten Erde und uns selbst manövriert haben und wie dringend ein Umdenken und Umsteuern ist, wie notwendig, unausweichlich, ja alternativlos es ist. Wie die Welt nach der Corona-Krise wird, liegt in unserer Hand. Sicher ist, dass die klassischen Argumente, warum etwas nicht gehe, revidiert wurden. Und die Corona-Krise hat wohl bereits jetzt eine neue Nachdenklichkeit in Bezug auf Lebensstile erzeugt. Und wurde nicht gerade die Mobilität als großes Freiheitsversprechen entzaubert? Radikale Entschleunigung all der Facetten des Wirtschaftens ist möglich – bis hin zur Einsicht, auch sich selbst nicht herunter zu wirtschaften, um resilient zu bleiben. Das Lokale hat einen neuen Wert, wir können auch virtuell kommunizieren, wir können dadurch auf viele Geschäftsreisen mit dem Flugzeug verzichten und intelligente Technik einsetzen.

Ein Beispiel gefällig? Die Firma Bosch hat sich, anstatt weiter auf die Automobilindustrie zu setzen, in der Krise umorientiert und produziert Masken, Desinfektionsmittel und unterstützt andere Unternehmen beim Bau von Beatmungsgeräten. Trotz der überaus schwierigen Lage wird das Unternehmen an seinem Beitrag zum Klimaschutzziel festhalten: Bis Ende 2020 wird Bosch an allen 400 Standorten weltweit CO2 -neutral produzieren. In Deutschland hat Bosch dies schon geschafft! Diese umfangreiche Erfahrung wird nun genutzt und weitergegeben durch die Neugründung von Bosch Climate Solutions, bei der Energieeffizienz-Projekte und regenerative Energien das Geschäftsmodell sind! Das kann der Sport doch auch! Investieren wir doch entschlossen in zukunftssichere und -sichernde und gleichzeitig nachhaltige Technologien. Bauen wir eine konsequent ökologische Sportinfrastruktur auf. Nutzen wir klug und maßvoll neueste Technologien. Und fördern wir bei unseren Millionen Mitgliedern die Einsicht, dass bestimmte Notwendigkeiten gerade auch nach der Corona-Krise unumgänglich sind. Dies hat nichts mit weniger Freiheit zu tun, denn wie sagte es einst der in Stuttgart geborene Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel: „Freiheit ist die Einsicht in die Notwendigkeit“.

Auch im Sport wird öffentlich – zwar noch leise – ein Umdenken gefordert: Im Profifußball möge der Mensch nicht weiterhin auf der Strecke bleiben, man müsse die Finanzierung anders aufstellen, den internationalen Sportbetrieb anders organisieren. Ein Blick in die Nachhaltigkeitscharta Sport (N!-Charta Sport) in BadenWürttemberg zeigt weitere Möglichkeiten auf. Denn wir dürfen es uns auch nicht zu einfach machen und es bei dem reflexartigen Ruf nach Geld belassen. Geld ist sicherlich wichtig, um kurzfristig durch die Krise zu kommen, aber es muss einhergehen mit einer Neuausrichtung des Sports und der Organisation des Sports. Nutzen wir das ökologische und organisatorische Know-how im Sport und all die neuen Erfahrungen und ergreifen wir in der Krise die Chance! Es wird kein zweites Mal geben! Unser sportlicher Neustart nach der Corona-Krise muss noch mehr unter ökologischen und resilienten Vorzeichen stehen und gelingen. Denn: Wer jetzt schläft und die Chance in der Krise verpasst, wacht dereinst in heißen Zeiten auf! Zu heiß fürs Sporttreiben.

(Quelle: DOSB/Sport schützt Umwelt Ausgabe 132)


  • Möglichkeiten und Erfahrungen einer konsequenten nachhaltigen Ausrichtung unserer Gesellschaft müssen ergriffen werden. Foto: picture-alliance
    Zwei Fahrradfahrerinnen auf einem Radweg vor einem Windrad Foto: picture-alliance

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