Nationalsozialismus im Sport

DFB-Chef Dr. Theo Zwanziger klärt über den gefährlichsten Rechtsaußen im Sport auf...

Rechte Tendenzen werden (zu) spät erkannt

Podiumsdiskussion in Ingelheim mit DFB Präsident Dr. Theo Zwanziger 

Der Angriff über rechts außen kommt meistens aus dem Nichts. Oder, wie es Dr. Theo Zwanziger mit den Worten des früheren Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer sagte: “Das Böse kommt oft in der Maske des Guten.“ Der Präsident des Deutschen Fußball Bundes (DFB) war Hauptredner einer Podiumsdiskussion in Ingelheim, zu der der Verein „Rheinhessen gegen Rechts“ unter dem Titel „Rechtsextremismus im Sport“ geladen hatte.

Neonazis sind längst nicht mehr nur an rasierten Schädeln und Springerstiefeln zu erkennen.  Oft geben sich die späteren Täter vorerst als nette, verständnisvolle Trainer und Betreuer aus, die erst nach einer gewissen Zeit ihr wahres Gesicht zeigen. „Wenn ich Neonazi wäre“ , sagte Zwanziger , „wüsste ich, wo ich hingehen müsste: in die Sportvereine. Dort ist Gemeinschaft und Spaß, und dort wird jede Hilfe benötigt.“

Viele Extremisten nutzen diese Konstellation aus, um Kontakt zu jungen Menschen zu bekommen und braunes Gedankengut zu verbreiten. „Bedauerlicherweise kommt das im Sport immer wieder vor“, bestätigte Harald Strutz, der Präsident des Fußball-Bundesligisten FSV Mainz 05. „Dabei ist doch grade im Fußball Multi-Kulti Trumpf.“ Rechtsextreme Störungen sind im Ansatz schwer auszumachen. „Die harten Fälle werden oft nicht erkannt“, berichtete Angelika Ribler. „Das sind auf den ersten Blick gute, engagierte Trainer.“

Die Referentin für Jugend- und Sportpolitik der Sportjugend berät hessische Vereine bei rechtsextremen und rassistischen Vorfällen. Ihre Erfahrung: Allzu häufig wird das Thema verharmlost. „Viele Vereine denken, dass sie das Problem nicht haben.“ Doch genau darin liegt das Übel, erklärt DFB-Chef Theo Zwanziger: „Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung sind schleichendes Gift. Es ist ein Thema, und es kann ein Thema sein – schon morgen.“

Der DFB als größter Sportverband der Welt geht seit Jahren mit Kampagnen und Aktionen gegen Rechtsextremismus in Sport vor. So wurde 2005 der Julius-Hirsch-Preis ins Leben gerufen. Die Auszeichnung ist nach dem 1943 in Auschwitz ermordeten deutschen Nationalspieler jüdischen Glaubens benannt, und wird an Einzelpersonen, Initiativen und Vereine verliehen, die sich in besonderem Maße für Toleranz und gegen Fremdenfeindlichkeit einsetzen. Ehrenpreisträgerin im vergangenen Jahr war Angelika Ribler.

Sie rät Sportvereinen, klare Grenzen gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung zu setzen, sei es in der Haus- und Sportplatzordnung oder in der Vereinssatzung. „Hier sollten Nicht-Aufnahmen und Ausschluss wegen rechtsextremer Vorfälle klar geregelt sein.“

Riblers Pendant in Rheinland-Pfalz ist das Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus, in dem auch der Landessportbund mit seiner Sportjugend vertreten ist. Dieses Netzwerk berät, bietet aber auch konkrete Aussteigerprogramme wie „(R)AUSweg“ an.

Die Sportjugend des LSB stärkt darüber hinaus durch Anti-Agressions-Trainings und gezielten Bewegungsangeboten die Konfliktfähigkeit von Kindern und Jugendlichen. „So möchten wir Kinder, die zu Hause nicht gesagt bekommen, was richtig und was falsch ist, dazu ermutigen „Nein!“ zu sagen, zu Diskriminierung und unfairem Verhalten“, erklärte Dr. Ohle Wrogemann von der LSB-Sportjugend. Ein wichtiger Baustein sei das Projekt „Integration durch Sport“, das Menschen mit Migrationshintergrund und sozial benachteiligte Bürger in den Vereinssport integriert.

Als bestes Beispiel für gelungene Integration, führt DFB-Boss Zwanziger die deutsche Fußball-Nationalmannschaft an, mit Mesut Özil, Sami Khedira oder Cacau. Auf diese Entwicklung ist der 66-Jährige mächtig stolz, und dies will er sich nicht kaputt machen lassen, von den „Gegnern der Demokratie“, wie er die Rechtsextremen nennt. „Wir wollen doch ein Land in Vielfalt, nicht in Einfalt und Dummheit.“ Bedenklich ist nur, das es immer noch solch schockierende Fälle gibt, wie sie Angelika Ribler betreut. So lädt ein junger Mann in Hessen regelmäßig zu „Gaskammer-Partys“ ein und verbreitet rechtsextremes Gedankengut.

Des Weiteren berichtete Ribler von einem Fußballer, der stets die Nummer 88 auf dem Rücken tragen wollte. „Die 8 steht für den achten Buchstaben im Alphabet. 88 steht also für HH – für Heil Hitler“. Als besagter Spieler dann auf Bitten seines Vereins auf die Rückennummer 28 auswich, atmeten die Klubverantwortlichen auf. „Doch die 28“, so Ribler, „steht für B und H, für Blood and Honour, Blut und Ehre, eine rechtsextremistische Parole.“ Hinter scheinbar harmlosen Symbolen verbergen sich häufig gefährliche Tendenzen. Und dort gelte es auch im Sport anzusetzen, forderte DFB-Chef Zwanziger mit Verweis auf das Bonhoeffer-Zitat: „Wir müssen die Rechtsextremen demaskieren.“



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