Neue Tektonik des Weltsports?

Was bedeutet die Verlagerung des Sports auf der politischen Weltbühne von staatlichen Institutionen in Non-Governmental Organizations, fragt sich Autor Hans-Jürgen Schulke.

Der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon (l.) wurde von IOC-Präsident Thomas Bach (r.) als Vorsitzender der IOC-Ethikkommission eingesetzt. Foto: picutre-alliance
Der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon (l.) wurde von IOC-Präsident Thomas Bach (r.) als Vorsitzender der IOC-Ethikkommission eingesetzt. Foto: picutre-alliance

Der Sport – von Land zu Land mit unterschiedlichen Akzenten – organisiert sich grundsätzlich in drei kommunizierenden Röhren: Hier der selbstorganisierte Vereins- und Verbandssport, dort der die sportliche Infrastruktur wie Schulsport sichernde staatliche Sport, schließlich der in Events und Freizeitangeboten tätige kommerzielle Sport. Diese Tektonik hat sich auch weltweit konstituiert: im IOC, der UNO bzw. kontinental der EU, in mittlerweile weltweit agierenden Konzernen und Agenturen.

Sie ist immer in Bewegung, erfährt Verschiebungen durch politische, wirtschaftliche, kulturelle, mediale und nicht zuletzt sportliche Interessen und Impulse. Dabei hat es der über keine legislative, mediale und militärische Gewalt verfügende Sport nicht leicht sich zu behaupten – sein Gewicht ist die Popularität, sein Feld die Diplomatie. Gelegentlich verschiebt sich die Tektonik so stark, dass es zu heftigen Eruptionen kommt – der verdienstvolle FIFA e.V. ist mittlerweile in Teilen seines Führungspersonals von der US-amerikanischen Justizbehörde vereinnahmt.

Öffentlich kaum bemerkt hat sich überraschend eine im Ergebnis nicht absehbare Verschiebung der Kräfte vollzogen.  Der neue UN-Generalsekretär Guterres hat entschieden, nach fast 20 Jahren das „UN-Office on Sport for Development and Peace“ (UNOSDP) zu schließen. Es war die letzten acht Jahre vom ehemaligen Werder-Manager und KMK-Präsidenten Willi Lemke geleitet worden. Der umtriebige Sportpolitiker hatte dem Büro Aufmerksamkeit, zahlreiche Initiativen und ein breites Netzwerk verschafft. Einer seiner größten Erfolge war die positive Wahrnehmung des Sports in der UNO – Auftritte des IOC-Präsidenten vor der UN-Versammlung oder des UN-Generalsekretärs vor dem IOC sind lebendige Erinnerung. Regelmäßige Kontakte und Vereinbarungen waren die Folge.

Mit dem turnusmäßigen Ende der Amtszeit von Lemke und Antritt von Guterres durfte man Überlegungen erwarten, ob nicht der diplomatisch wie auch pädagogisch und gesundheitlich immer bedeutender werdende Sport stabiler – tatsächlich wurde die Position des UN-Sonderbeauftragten bisher vom Herkunftsland des Stelleninhabers finanziert  – in der UNO verfasst werden könnte. Wie wäre es, ein von allen Mitgliedsstaaten getragenes und akzeptiertes multilaterales Konstrukt zu schaffen, das Sporttreiben insbesondere in ärmeren Ländern fördert, es wo möglich mit Gesundheit und Erziehung verbindet, nicht zuletzt die friedenstiftenden Potenziale aktiviert. Die UNESCO wie das Kinder- und das Flüchtlingshilfswerk könnten als Blaupause dienen.

Tatsächlich gab es beim Zusammentreffen zwischen IOC-Präsident Bach und Guterres ein ganz anderes Ergebnis. Letzterer verzichtete auf eigenständige sportpolitische Strukturen der UNO und quasi im Handstreich wurden die Aktivitäten des UNOSDP vom IOC übernommen. Selbst das zuständige Komitee des Europarats EPAS zeigte sich irritiert. Begründung der Volte: Das IOC scheint mit seiner weltumspannenden Organisation administrativ besser aufgestellt, versteht sich nicht mehr nur als Eventagentur zur Umsetzung und Vermarktung Olympischer Spiele sondern als Anwalt aller Bereiche des Sports (Breiten- und Behindertensport, Frauensport, Sport in Entwicklungsländern, Olympische Erziehung, Sportwissenschaft etc.). Das Portfolio an Aufgaben ist bemerkenswert.

Zweifellos ist diese freundliche Übernahme eine Stärkung des IOC. Es wirkt, als würde es hoheitliche Aufgaben übernehmen. Eine große Anerkennung für eine Organisation, die zuletzt häufiger in der Kritik stand und sich mit der Abnahme ihres Premiumprodukts schwer tut. Und zweifellos passt dazu auch der Schachzug des IOC-Präsidenten, den früheren UN-Generalsekretär Ban-Ki-Moon als Vorsitzenden der wichtigen IOC-Ethikkommission zu gewinnen.

Was aber bedeutet die Verlagerung des Sports auf der politischen Weltbühne von staatlichen Institutionen in Non-Governmental Organizations (NGO) langfristig für die Sportentwicklung? Es könnte auch ein Pyrrhussieg sein, denn für die sportliche Grundversorgung der Weltbevölkerung bedarf es verbindlicher gesetzlicher Verordnungen, flächendeckender Infrastruktur, systematische Ausbildung und finanzieller Ressourcen – fraglich, ob das legislativ und exekutiv machtlose IOC das allein auf diplomatischem Weg erreicht. In Deutschland wäre das kaum denkbar, hier hat sich der Interessenausgleich zwischen den drei Organisationstypen bewährt.

Lachender Dritter könnte in der globalisierten Welt mächtige Unternehmen sein. Schon beim Freihandelsabkommen TTIP blieb die Autonomie (sprich auch Steuerbefreiung) des Verbandssports weitgehend ungeklärt. Mit dem grenzenlos wachsenden eSport entsteht eine virtuelle Form sportlich-unterhaltsamer Betätigung, die bisher außerhalb des Einflusses der Sportverbände liegt.

Schon jetzt haben international agierende Medienkonzerne und Eventagenturen aus den USA, Großbritannien, China und arabischen Staaten Sportveranstaltungen in die eigene Hand genommen, bei den Global Playern der digitalen Wirtschaft wie Google, Amazon und Baidu ist zum Sport 4.0 Goldgräberstimmung erkennbar.

Ein Sport, der kein oder ein zu spät reagierendes Regulativ mehr durch internationale politische Instanzen erhält, wird schwerlich seine Traditionen und Werte geltend machen können. Die neue Tektonik des Weltsports liefert noch keinen sicheren Halt. Man darf gespannt sein, wer als Gewinner aus dem Umbruch hervorgeht – und sollte wachsam bleiben.

(Autor: Prof. Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon (l.) wurde von IOC-Präsident Thomas Bach (r.) als Vorsitzender der IOC-Ethikkommission eingesetzt. Foto: picutre-alliance
    Der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon (l.) wurde von IOC-Präsident Thomas Bach (r.) als Vorsitzender der IOC-Ethikkommission eingesetzt. Foto: picutre-alliance

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