Neusser TC Stadtwald feiert einen „Festtag für die Inklusion“

Praktisch seit der Gründung des Tennisvereins des Neusser TC Stadtwald vor bald 35 Jahren haben sich sämtliche Mitglieder dem Thema Inklusion verschrieben.

Christoph Schmitz (r.), der Aktivensprecher von Special Olympics Nordrhein-Westfalen zusammen mit Andreas Radke (2. v.r.) ließ er sich von Hermann Müller fürs Tennisspielen beim Neusser TC Stadtwald begeistern.
Christoph Schmitz (r.), der Aktivensprecher von Special Olympics Nordrhein-Westfalen zusammen mit Andreas Radke (2. v.r.) ließ er sich von Hermann Müller fürs Tennisspielen beim Neusser TC Stadtwald begeistern.

Die imponierende Konstanz in der Inklusionsarbeit des Klubs verdeutlichte im September auf der NTC-Anlage die schon 25. Auflage des alljährlichen Benefiz-Turniers für und mit Menschen mit geistiger Behinderung.

„Jedes Jubiläum ist ein Festtag, und wir sind sehr stolz, dass wir ein solches Jubiläum feiern können“, sagte Vereins-Geschäftsführer Herbert Pesch: „Einen Festtag feiert aber auch die Inklusion, denn der lange Bestand des Turniers ist auch ein Zeichen für den enormen Rückhalt für unser Konzept bei unseren Mitgliedern und für das Wohlbefinden unserer Aktiven mit Handicaps in unserer Gemeinschaft. Würde alleine nur einer dieser beiden Aspekte fehlen, würde es dieses Turnier schon lange nicht mehr geben.“

Unified-Teams gewinnen an Bedeutung

Peschs Klub ist der Entwicklung durch seinen vorbildlichen Einsatz für die Inklusion bereits zu Zeiten, als der Begriff noch längst nicht in nennenswerter Weise auf der Agenda des Sports und der Gesellschaft stand, schon immer auch ein wenig voraus gewesen. Die Umstellung der Zählweise bei Spielen mit Beteiligung von Menschen mit geistiger Behinderung vom herkömmlichen „15, 30, 40 –Spiel“ auf „1, 2,3 – Spiel“ gehörte einst wie auch die „Siegerehrung ohne Gewinner“ für jeden Teilnehmer noch zu den leichteren und auch einleuchtenden Aufgaben; die Austragung schon des ersten Benefiz-Turniers 1990 im sogenannten „Unified Team“-Modus hingegen hatte geradezu innovativen Charakter: Denn erst in der allerjüngsten Vergangenheit gewann die buchstäbliche Vereinigung von Sportlern mit und ohne Behinderung zu einem Team (im Tennis ein Doppel) an Bedeutung und brachte der Inklusion im und durch Sport einen spürbaren Fortschritt.

„Es ist immer ein Erlebnis, zusammen mit nicht behinderten Spielern zu spielen. Das bringt sehr viel“, fasst Christoph Schmitz seine Erfahrungen mit den modifizierten Regeln zusammen. Der 31-Jährige ist einer der behinderten Aktiven im NTC und hat im Laufe der Jahre durch den Sport seine Fähigkeiten verbessert, Grenzen zu erfahren und auszuweiten, sowie Hemmungen in Gegenwart nicht-behinderter Mitspieler abgelegt. Mit deutlich gesteigertem Selbstbewusstsein hat der Neusser mittlerweile beim nordrhein-westfälischen Landesverband der Geistig-Behinderten-Sportorganisation Special Olympics die Aufgaben des Athletensprechers übernommen und absolviert im Alltag eine Ausbildung in der Altenpflege.

Mr. Tennis, Hermann Müller, als treibende Kraft

Für Aufschlag, Returns und Volleys beim TC Stadtwald ließen sich Schmitz oder seine Freunde Tanja und Andreas von Hermann Müller begeistern. Der Pensionär engagiert sich seit einer Zufallsbegegnung bei einem Neusser Straßenfest zu Beginn der 80er Jahre für Menschen mit geistiger Behinderung im Tennis-Sport und avancierte in seinem Klub für viele Jahre zur treibenden Kraft der Inklusionsarbeit.

Müller qualifizierte sich für den Erwerb sämtlicher notwendiger Tennislehrer- und Übungsleiter-Lizenzen, etablierte im Verein über die grundsätzlichen Spielangebote für die Mitglieder mit geistiger Behinderung hinaus regelmäßige Trainingsstunden im Wochenrhythmus und nimmt mit seinen Schützlingen an zahlreichen Turnieren auch über Deutschlands Grenzen hinaus teil. In der Special-Olympics-Bewegung erwarb sich der heute 76-Jährige sowohl auf nationaler Ebene, wo Müller bis 2012 über zehn Jahre als Tennis-Koordinator tätig war, als auch international den Ruf als „Mr. Tennis“.

Auf sein Engagement ist auch die Austragung der landesweiten Special Olympics NRW Tennis Spiele zurückzuführen. Müller: „Für die Aktiven mit geistiger Behinderung ist neben der grundsätzlichen Bedeutung von Sport auch der Wettkampf sehr wichtig.  Die Erfahrung, im Vergleich bestehen zu können, ist für sie von unschätzbarem Wert.“

Erster Tennis-Stützpunkt von Special Olympics NRW

Schauplatz des diesjährigen Turniers mit Beteiligung auch aus anderen Bundesländern und dem Ausland ist wie schon bei allen 15 vorherigen Auflagen – beinahe schon natürlich – die Anlage des TC Stadtwald in Neuss gewesen. Mit  „Spiritus rector“ Müller und dem Organisationsteam um den TC-Vorsitzenden Wolfgang Mußmann an der Spitze stellt sich dabei wahrhaftig stets der ganze Klub mitsamt angeschlossener Gastronomie in den Dienst der „Specials“, sorgt für Unterkünfte, überlässt den Turnierteilnehmern mit geistiger Behinderung für ein ganzes Wochenende alle sonst heiß begehrten Courts, kreiert attraktive Rahmenprogramme und feiert mit den Aktiven. Die Ernennung des Vereins zum ersten Tennis-Stützpunkt von Special Olympics NRW war für den Klub eine Ehre, eine Überraschung indes konnte die Auszeichnung nicht wirklich mehr sein.

Für das reibungslose Miteinander im TC Stadtwald von Mitgliedern mit und ohne Einschränkungen, das vielerorts aus verschiedensten Gründen nicht immer leicht fällt, hat Pesch eine denkbar einfach Erklärung: „Alle unsere Mitglieder kennen es praktisch gar nicht anders, weil Inklusion bei uns von Anfang an gelebt worden ist. Die Kinder unserer Mitglieder wachsen damit auf, und neue Mitglieder wissen vor ihrem Eintritt, dass wir uns auf diese Weise engagieren. Manche sind auch nur deswegen eingetreten, weil unsere Mitglieder mit Behinderung aktiv am Vereinsleben teilnehmen – ob auf dem Platz, bei Klubmeisterschaften, Feiern oder Versammlungen. Sie gehören schlicht und einfach dazu.“

TC Stadtwald als Ansporn zu weiteren Bemühungen

Ein Vereinsleben wie beim NTC Stadtwald steht exemplarisch für viele Ziele des DOSB im Themenfeld Inklusion. Vergleichbare Entwicklungen und Strukturen strebt auch die Arbeitsgruppe Inklusion unter Leitung von Prof. Gudrun Doll-Tepper, DOSB-Vizepräsidentin Bildung und Olympische Erziehung, bei der Erarbeitung eines Strategiekonzeptes zur Entwicklung konkreter Maßnahmen und Aktivitäten an. Gelegenheiten zu Informationen und Austausch über das Thema Inklusion bietet darüber hinaus seit längerer Zeit bereits eine vom DOSB geschaffene undefinedOnline-Plattform.

Ansporn zu weiteren Bemühungen, Menschen mit Behinderungen gerade auch durch den Sport am gesellschaftlichen teilhaben zu lassen, ist das Beispiel TC Stadtwald in jedem Fall. Durch sein großes Engagement ist das Ansehen in Neuss für den Verein, der 2013 mit 14 Klubs hauptsächlich aus anderen Sportarten wie sogar Voltigieren auf Kreisebene das „Netzwerk Inklusion“ gegründet hat, auch sehr hoch. Zum Jubiläum des Benefiz-Turniers folgten Bürgermeister-Stellvertreter Jörg Geerlings und Landrat Hans-Jürgen Petrauschke für den Rhein-Kreis Neuss der Einladung des NTC-Vorsitzenden Mußmann allzu gerne. „Das Turnier leistet einen wichtigen Beitrag, dass durch die gemeinsame Anstrengung von Menschen mit und ohne Behinderung gegenseitige Berührungsängste abgebaut werden“, sagte Geerlings und bekam von Petrauschke Unterstützung: „Jeder Teilnehmer ist ein Sieger.“

Zu den Gewinnern gehörte beim Silber-Jubiläum am Stadtwald allerdings auch der Verein Lebenshilfe Neuss. Eine Tombola und der gesamte Verzehr in der Gastronomie sowie an der Kaffee-Kuchen-Bar erbrachten einen Erlös von über 3.000 Euro zugunsten der Arbeit für und mit geistig behinderten Einwohnern in Neuss.

(Quelle: DOSB)


  • Christoph Schmitz (r.), der Aktivensprecher von Special Olympics Nordrhein-Westfalen zusammen mit Andreas Radke (2. v.r.) ließ er sich von Hermann Müller fürs Tennisspielen beim Neusser TC Stadtwald begeistern.
    Christoph Schmitz (r.), der Aktivensprecher von Special Olympics Nordrhein-Westfalen zusammen mit Andreas Radke (2. v.r.) ließ er sich von Hermann Müller fürs Tennisspielen beim Neusser TC Stadtwald begeistern.
  • Hermann Müller ist „Mr. Tennis“ beim Neusser TC Stadtwald. Er engagiert sich seit Beginn der 1980er Jahre für Menschen mit geistiger Behinderung im Tennis. (Foto: Neusser TC Stadtwald)
    Hermann Müller ist „Mr. Tennis“ beim Neusser TC Stadtwald. Er engagiert sich seit Beginn der 1980er Jahre für Menschen mit geistiger Behinderung im Tennis. (Foto: Neusser TC Stadtwald)

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