Plädoyer für eine Modernisierung der Sportstättenarchitektur

Das Problem der heutigen Sportraumarchitektur ist, auf die Individualisierung der Menschen eine räumliche Antwort zu finden, sagt Autor Prof. Dr. Robin Kähler.

Sei den 1920er Jahren haben sich die Sportstätten nicht grundlegend verändert. Foto: LSB NRW
Sei den 1920er Jahren haben sich die Sportstätten nicht grundlegend verändert. Foto: LSB NRW

Seit den 1920er Jahren haben sich in Deutschland die regelgerechten Sportstätten nicht mehr grundlegend verändert. Die letzte große Innovation haben die Architekten des Weimarer Bauhauses bewirkt, die sich mit ihren sachlichen, einfachen, funktionalen, demokratischen und preisbewussten Normbauten, auch für den Sport, von den überladenen und herrschaftsbezogenen Kaiserreichbauten des 19. Jahrhunderts verabschiedeten und hiermit eine Kulturwende einleiteten. Die Neuorientierung in der Architektur traf fast zeitgleich auf eine Sportbewegung, die sich einfache, funktionale, normgerechte Sportbauten für ihre Wettkampfsportarten wünschte und benötigte. Das geschah vor fast einhundert Jahren!

Was damals einer völligen Neuausrichtung in der Kultur der Sportraumarchitektur gleich kam, bedeutet heute, unter sehr veränderten gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen, aber eine echte Herausforderung. Denn die damalige positive Normung und funktionale Sachlichkeit der Sportstätten ermöglichten zwar preiswerte Sportstätten und trugen hierdurch wesentlich mit dazu bei, dass das Sporttreiben in den regelgerechten Sportarten einen enormen Aufschwung erfuhr. Die gewollte Vereinheitlichung der Raumstrukturen der Sportstätten legte aber den darin sportaktiven Menschen selbst enge Regeln auf und verpflichtete sie, sich den immer gleichen Raumstrukturen anzupassen und ihre Bewegungen darauf auszurichten. Die genormten Sportstätten bestimmten damit indirekt die Bewegungs- und Raumerfahrungen und das Bewusstsein der Menschen. Man stelle sich nur vor, seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts würden die Menschen in Häusern mit den immer gleichen Raummaßen leben, rechteckig, zwischen 5 und 9 m hoch, oft fensterlos und ohne individuelle Raumgestaltung.

Vor dem Hintergrund des mittlerweile gewandelten Sportverhaltens der Mehrzahl der sporttreibenden Menschen, der neuen Lerninhalte für den Sportunterricht seit den 1980er Jahren, der dynamischen Entwicklung von neuen Sport- und Bewegungsformen und der Gesundheitsprobleme vieler Menschen ist die Vorherrschaft der Normbauten, bis auf die Spezialsportstätten für den Wettkampfsport, nicht mehr zeitgemäß. Das Problem der heutigen Sportraumarchitektur ist, auf die Individualisierung der Menschen eine räumliche Antwort zu finden. Die Normierung der Sportarten und die Wünsche der Menschen, ihre eigenen Sport- und Bewegungsformen in hierfür angemessenen Räumen zu leben, müssen in Einklang gebracht werden.

Der gesellschaftliche Auftrag, sich mit einer Weiterentwicklung der Sportstätten auseinanderzusetzen, stützt sich aber auch aus anderen Zwängen. Zumindest in den Städten und Gemein-den, deren Bevölkerung deutlich wachsen, wird der Raum knapp und kostbar. Wohnungen, Schulen und Straßen müssen gebaut werden, es ziehen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen in die Städte, die Bevölkerung wird älter, die Vielfalt der Lebenskonzepte nimmt zu. Der Druck auf die Umnutzung bisher sportlich nutzbarer Grün- und Freiräume wächst und veraltete Sportanlagen wecken Begehrlichkeiten der Stadtplaner, diese umzuwandeln. Die ungebunden sportlich aktiven Menschen, die Raum suchen für ihren informellen Sport, schauen tagsüber auf schwach genutzte, sanierungsbedürftige und geschlossene Sportstätten. Die Themen Umwandlung, Multifunktionalität, Modernisierung, Zugänglichkeit, Neubestimmung und -gestaltung bestehender Anlagen liegen auf den Tischen der Stadt- und Sportplaner. Ich habe das in allen meinen kommunalen Sportentwicklungsplanungen der letzten Jahre erlebt.

In den schwach besiedelten, ländlichen Räumen ist die Situation eher umgekehrt: Leerstände, zurückgehendes Vereinswesen, Finanzmangel und schlechte Lebens- und Arbeitsbedingungen für die Menschen drängen den Sport an den Rand der wichtigen Themen. Dort ist die Frage, was mit den vorhandenen Sportstätten zukünftig geschieht, wer sie pflegt und überhaupt noch nutzt und nicht, welche Anlagen sollten neu gebaut werden.

Wir brauchen daher eine neue, grundlegende Diskussion über die Neuausrichtung des Sportstätten- und -raumbedarfs, über Formen und Inhalte zukünftiger Sportanlagen der Kommune- vielleicht auch der Vereine. Derzeit planen alle größeren Kommunen, deren Bevölkerung spürbar und nachhaltig wächst, neue Schulen und neue Sportanlagen. Diese werden wieder 30 bis 40 Jahre stehen. Damit nicht wieder alles standardisierte Normbauten werden, sollten jetzt neue Sportbaurichtlinien ausgearbeitet, staatliche Sportstättenförderungen überprüft und am Bedarf orientiert geplant und gebaut werden. Geld, neue kreative Ideen, technisches Know-how und engagierte Menschen sind vorhanden: Bauen wir jetzt unsere Zukunft im Sport.

(Autor: Prof. Dr. Robin Kähler ist Vorsitzender der Internationalen Vereinigung für Sport- und Frei-zeiteinrichtungen (IAKS), Sektion Deutschland. Der Experte für Sportentwicklungsplanung, Sportstättenplanung und Freiraumplanung ist zugleich Sprecher der Kommission Sport und Raum in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs). Als Hochschullehrer leitete er zuletzt den Arbeitsbereich Sportökonomie/Sportsoziologie am Institut für Sportwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Sei den 1920er Jahren haben sich die Sportstätten nicht grundlegend verändert. Foto: LSB NRW
    Innenansicht einer Sporthalle Foto: LSB NRW

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