Same Procedure – Ein Blick zurück nach vorn

PyeongChang, der russische Dopingskandal, die Fußball-WM oder eGaming - Autor Andreas Höfer lässt das Sportjahr 2018 noch einmal Revue passieren.

Abschlussfeier der Olympischen Spiele in PyeongChang. Foto: picture-alliance
Abschlussfeier der Olympischen Spiele in PyeongChang. Foto: picture-alliance

Wir Menschen sind ja bekanntlich nur ganz bei uns selbst, wenn wir spielen. Eben dies haben wir immer schon gewusst und vielfach auch am eigenen Leib erfahren, doch wenn eine Geistesgröße vom Kaliber eines Friedrich Schiller den einleuchtenden Sachverhalt als eine bahnbrechende Erkenntnis im Kanon literarischer Merksätze verewigt hat, dann dürfte der Gedanke wohl zutreffend, jedenfalls nicht vollends aus der Luft gegriffen sein. Auch wenn, selbstredend, sich die Welt, auch die des Spielens und Sportelns, seit des Meisters „Briefen zur ästhetischen Erziehung“ vor weit mehr als 200 Jahren sehr grundlegend verändert hat. Dies mag man Entwicklung oder Fortschritt, Moderne oder Postmoderne nennen, doch so oder so ist und bleibt jede Errungenschaft mit Risiken und Nebenwirkungen verbunden. Mit einem sportlichen Gruß ans Phrasenschwein ließe sich notieren, dass jede noch so glänzende Medaille eben auch eine Kehrseite aufweist.

Wenn wir in diesem oder auch in einem anderen Sinne am Ende eines Jahres wieder einmal den Blick zurück nach vorn über unser aller schönster Nebensache schweifen lassen, dann sehen wir, wie immer betroffen, den Vorhang zu und viele Fragen offen. Selbst wenn wir natürlich auch mancherlei Antworten erhalten haben, die im Übrigen, so der ewige Kreislauf der Dinge, neue Fragen aufwerfen. So ist uns unlängst zum Beispiel bis auf Weiteres klar geworden, dass der Sport in seiner elektronischen Spielart – kurz „E“, sprich „I“ – zwar immer mehr, wenn auch nur im übertragenen Sinne die Massen „bewegt“, längst riesige Hallen mit ebenso begeisterten wie friedfertigen, zudem selbst hochaktiven Fans zu füllen vermag, in Ligen und Turnieren, gar sogenannten Weltmeisterschaften gut dotierte Sieger und Verlierer ermittelt, verbandliche Strukturen etabliert und sich, mindestens nominell, dem Kampf gegen Doping verschrieben hat, doch eigentlich und trotz allem gar kein Sport ist, jedenfalls nicht so, sondern „Gaming“ genannt und wenn nicht mit Missachtung, so doch nicht mit Anerkennung behandelt werden sollte.

In diesem Sinne hat der Deutsche Olympische Sportbund der im Herbst gegründeten nationalen Interessenvertretung der E-Sportler, alias Gamer, die Erteilung eines dachverbandlichen Gütesiegels, namentlich eine Aufwertung zu einem, sagen wir, „Verband mit besonderen Aufgaben“, freundlich, aber bestimmt verweigert. Ob das Thema damit final abgeräumt ist, bleibt allerdings abzuwarten.

Schließlich mag man sich an eine Diskussion erinnert fühlen, die vor Jahren, inzwischen schon Jahrzehnten, um die zunächst als Mucki-Buden diffamierten Fitness-Studios entbrannte, als diese dem bis dahin weitgehend gemeinnützig „vereinten“ Monopol auf organisierte Bewegung auf kommerzieller Schiene Konkurrenz machten, bevor die Vereine die Not zu einer Tugend erhoben und den neuen Trend als lukrative Option erfolgreich in ihr traditionelles Profil integrierten. Einen im Prinzip ähnlichen Ansatz haben im Blick auf die elektronisch Bewegten der FC Schalke 04 und der VfL Wolfsburg und, dem Beispiel folgend, inzwischen weitere namhafte Vereine beschritten, so dass man gespannt sein darf, in welche Richtung sich die Gamer im Spannungsfeld von Tradition und Innovation bewegen werden.

Dies ist, zugegeben, nur eine von vielen und wohl mitnichten die drängendste oder spannendste Frage, die wir aus diesem ins nächste Sport-Jahr mitnehmen werden, wenn auch ein beredtes Beispiel dafür, wie sehr sich der Sport als wunderbarer und wunderbar menschlicher Zeitvertreib eben auch als Folie oder Projektionsfläche gesellschaftlicher Befindlichkeiten ausnimmt. Eben dies verleiht ihm Gewicht und Bedeutung, aber auch ein Potenzial und eine Verantwortung, die ihn aus der Sphäre eines L’art pour l’art, eines zweckfreien Spielens erhebt. Und so versteht sich auch der jahresendzeitliche Reflex, jenseits des Momentums, der so andauernden wie flüchtigen Faszination des Aktuellen sich an das Gewesene zu erinnern, es einzuordnen und zu bewerten.

Auch wenn – oder gerade weil – Orte und Namen, Siege und Niederlagen, Rekorde und Medaillen immer schneller, höher, stärker aus dem kollektiven oder individuellen Gedächtnis zu entschwinden scheinen, um den Annalen und Archiven überantwortet zu werden. Schließlich ist – nach dem Spiel ist vor demselben – Platz für neue Reize vonnöten. Nichts sei älter, als die Zeitung von gestern, sagte man früher, vor Facebook und Twitter und Co., als sich die Halbwertszeit von Nachrichten noch nach Tagen bemaß und das Spiel des Jahres tatsächlich exzeptionell war und nicht dreimal die Woche stattfand.

Allein vor diesem Hintergrund sind und bleiben die Olympischen Spiele sowie ihr paralympisches Pendant im wahrsten Sinne eine Ausnahmeerscheinung, schon weil sie so vergleichsweise selten stattfinden – und wenigstens dies lässt sich ja auch von der globalen Meisterschaft in unser aller Kernsportart behaupten. Was beide Großsportfeste seit jeher zudem noch verbindet, ist das Ausmaß politischer Implikationen, welch selbige sich insbesondere vom jeweiligen Austragungsort ableiten. So standen, wie lange nicht mehr, mit Korea und Russland zwei politisch aufgeladene Länder im Fokus, die sich im Kontext des Sports auf je ganz unterschiedliche Weise als Projektionsflächen von Hoffnung und Skepsis darstellten.

Im Blick auf den Schauplatz der Fußball-WM war Zweiteres am Platze, hatte sich doch Putins schöne neue Welt des Sports auf eine Weise selbst diskreditiert, die Ausschluss und Boykott in Rede stellte. So war investigativ zur Gewissheit geworden, was man zuvor vielleicht nicht so genau wissen wollte, dass nämlich die Winterspiele von Sotschi von Staats wegen auf dummdreiste Weise zu einer Art Pharmageddon umfunktioniert worden waren. Die quälende Diskussion um eine angemessene Strafe wird ebenfalls nicht als Highlight des Sportjahres in Erinnerung bleiben, wie auch der missliche Umstand, dass der Delinquent zwar in PyeongChang draußen vor der olympischen Tür bleiben musste, sich aber anschließend in großem Stil wieder als weltmeisterlicher Gastgeber in Szene setzen durfte.

Wollen wir aber das Kind nicht mit dem Bade ausschütten, müssen mindestens bemerkenswerte Winterspiele ihre verdiente Würdigung erfahren. Zwar ist längst nicht ausgemacht, ob und inwieweit die schönen Tage von PyeongChang tatsächlich einer Annäherung der sich seit Jahrzehnten formal im Kriegszustand befindenden Staaten nachhaltig und wirksam Vorschub zu leisten vermochten, doch ein starkes Symbol war es schon, als beide Koreas beim „Einmarsch“ als vereinte „Nation“ auftraten und sich dann die Damen beim Eishockey mit vereinten Kräften bemühten, olympischen Lorbeer fürs geteilte Vaterland zu erwerben. Dem guten Zweck tat es keinerlei Abbruch, dass der sportliche Ertrag bescheiden blieb, sowie der Umstand nicht ins Gewicht fiel, dass grenzübergreifende Teams eigentlich gar nicht den olympischen Regeln entsprechen.

Und von ebenso untergeordneter Bedeutung ist die Frage, ob die Olympischen Spiele beziehungsweise deren Sachwalter, das IOC, den Friedensnobelpreis verdient hat, so wie es in den 1930er Jahren Pierre de Coubertin schon einmal für sich und das von ihm gegründete Komitee reklamierte. Und auch nur am Rande sei ein Gedanke daran verschwendet, dass sich seinerzeit ja auch München nach Kräften um den Zuschlag für die Ausrichtung besagter Friedensspiele bemühte. Schließlich muss es vor dem Hintergrund des olympisch inspirierten Tauwetters nachgerade als eine glückliche Fügung erscheinen, dass die Münchner Bewerbung trotz überzeugender Argumente nicht zum Tragen kam.

Umso mehr aber schmerzt noch immer die Wunde, dass man die betreffenden Bürgerinnen und Bürger vor Ort nicht zu einem zweiten Anlauf hat mitnehmen können. So wird in gut drei Jahren Peking, und eben nicht München, das Privileg genießen, als erste Stadt nach den Sommerspielen auch die Winterspiele beherbergen zu dürfen. Und wenn man verfolgt, dass es offenbar immer schwieriger wird, ebenso geeignete wie willige Ausrichter für Olympia auf Schnee und Eis zu finden, dann darf die diesbezügliche Enthaltsamkeit durchaus auch mal wieder in Frage gestellt werden. Im Übrigen stehen die Bewerber ja auch fürs große Sommerfest derzeit nicht gerade Schlange – doch dies ist wohl ein Thema für den nächsten oder übernächsten Jahresrückblick.

Für hier und heute bliebe diesbezüglich noch zu konstatieren, dass es immerhin bewiesen wurde, dass Deutschland noch gewinnen kann. Ja, auch im Fußball! Zum Beispiel gegen die Türkei. Diese nämlich ging im September zum vierten Mal leer aus, im Rennen um die Reputation einer internationalen Gastgeberrolle, so dass 2024 zwar nicht die Welt, aber doch immerhin Europa zu Gast bei deutschen Freunden sein wird. Diesen Sieg nehmen wir gerne als Verpflichtung mit, so wie wir uns seit dem 13. November mindestens ebenso sehr darüber freuen, dass wir bereits ein Jahr zuvor, also im Sommer 2023, hierzulande, und zwar in Berlin, das größte inklusive Sportfest für Menschen mit geistiger und mehrfacher Behinderung, die Special Olympics World Games erleben dürfen.

Aber nicht erst bei dieser Gelegenheit sollte sich zeigen, dass des großen Friedrichs schillernde Erkenntnis von der menschlichen Dimension des Spielens auch den humanen Wert des Sports beschreibt. In diesem Sinne dürfen wir Bewegung und Begegnung als Ausdruck unserer Menschlichkeit genießen, aber auch hegen und pflegen – selbst wenn dies wie ein Vorsatz für das neue Sport-Jahr klingt.

(Autor: Dr. Andreas Höfer ist Direktor des Deutschen Sport & Olympia Museums in Köln)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.

 

 


  • Abschlussfeier der Olympischen Spiele in PyeongChang. Foto: picture-alliance
    Abschlussfeier der Olympischen Spiele in PyeongChang. Foto: picture-alliance

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