Sport muss fester Bestandteil des Berufsschulunterrichts sein

 

Stellungnahme des Deutschen Sportbundes zur aktuellen Situation

 

Die prekäre Situation des Schulsports in den Berufsschulen ist seit Jahren ein Dauerbrenner im

Bereich des organisierten Sports und in den bildungspolitischen Gremien. In Zusammenarbeit mit dem Bundesverband der Lehrer an Wirtschaftsschulen will der Deutsche Sportbund (DSB) diese Problematik erneut thematisieren. Dazu hat die Präsidialkommission Schulsport eine Stellungnahme erarbeitet, mit der sich das DSB-Präsidium in seiner letzten Sitzung beschäftigte. Das Präsidium stimmte der Stellungnahme, die wir nachfolgend im Wortlaut veröffentlichen, einstimmig zu:

Die Situation des Sportunterrichts an Berufsschulen stellt sich nach vielen Jahren der Problemdarstellung leider immer noch sehr problematisch und unverbessert dar. Die seitens des DSB erstellten Forderungen für einen qualitativen Schulsport, die im Zweiten Aktionsprogramm für den Schulsport (1985) und der aus einer Anhörung zum Schulsport stammenden Resolution (1997) sowie einem Orientierungsrahmen (2000) verankert sind, sind bis heute noch immer gültig. Sie sind grundsätzlich auf alle Schulformen zu beziehen, also auch auf den Sportunterricht in den beruflichen Schulen.

Allerdings ist der besondere Aspekt der Berufsschule in ihrer Eigenart und Einzigartigkeit als Teilzeitschule in einem dualen System, in dem die Ausbildung in Betrieb und Schule parallel verläuft, eingehender zu betrachten. Trotz aller bestehenden Probleme muss der Sport auch an beruflichen Schulen einen unbestrittenen und unaustauschbaren Platz als verbindlicher Teil des ganzheitlichen Bildungsangebots einnehmen.

Vorrangiges Ziel des Sportunterrichts an beruflichen Schulen sollte es sein, zumal diese Phase der schulischen Ausbildung die letzte Möglichkeit darstellt, das Interesse der jungen Erwachsenen am Sport über die Schulzeit hinaus lebendig zu erhalten und Sport als Lebensinhalt näher zu bringen, die Bewegungs-, Gesundheits- und Sozialkompetenz zu vertiefen. Da diese die Grundlagen für berufliche Tätigkeiten bilden und darüber hinaus die erforderliche Arbeits- und Lernkompetenz entwickeln.

Den Anforderungen der Arbeitgeber entsprechend kann der Schulsport in der Berufsschule einen Beitrag zur Entwicklung von sozialem Verhalten leisten, weil er in vielen Situationen zugleich Lerngelegenheiten zum Umgang mit Regeln, zum organisierten und mit anderen abgestimmten Handeln, zu Kooperationen, zu Achtung von Mit- und Gegenspielern, zu fairem Verhalten sowie solidarischem Handeln bietet. Wobei soziales Lernen vor allem in einer "individualisierenden" und sich weiter differenzierenden Gesellschaft an besonderer Bedeutung gewinnt. Kompetenzen wie Teamgeist, Spontanität, Leistungsbereitschaft und Konzentrationsfähigkeit, die im Schulsport gesammelt und ausgebaut werden können, spielen in der beruflichen Ausbildung und der späteren Arbeitswelt eine entscheidende Rolle. Diese Werte werden durch den Schulsport ausgebildet und gefördert. Deshalb erscheint es relevant, auch den Ausbildungsbetrieben den Wert des Sports für die Schülerinnen und Schüler an den Berufsschulen zu verdeutlichen.

Darüber hinaus sollte der Schulsport an berufsbildenden Schulen aber auch auf berufseinsteigende und berufsbezogene Anforderungen und Belastungen kompensatorisch und präventiv wirken. Von daher darf sich Sport an beruflichen Schulen nicht im planmäßigen Unterricht erschöpfen. Sportliche Aktivitäten haben nur einen Sinn, wenn sie kontinuierlich betrieben werden. Deshalb muss - vor allem bei Blockunterricht – außerunterrichtlicher Schulsport (z.B. Pausensport, Arbeitsgemeinschaften, Förderkurse, Wettbewerbe) angeboten werden. Ergänzend zu dem Sportangebot der Berufsschule sollte den Jugendlichen auch die Gelegenheit zur Sportausübung im Betrieb ("aktive Pause") eingeräumt werden.

Eine Verlagerung oder Delegierung des Sportunterrichts von der Berufsschule in die Vereine oder außerschulische Einrichtungen, wie dies in Hamburg erprobt wurde, ist aus Sicht des DSB abzulehnen. Da gerade diejenigen Schülerinnen und Schüler, die unzureichende Bewegungserfahrungen oder motorische Leistungsschwächen besitzen und deren Freizeitinteressen häufig nicht auf dem Gebiet des Sports liegen, auf dem Weg von der Schule in den Verein verloren gehen werden.

Nach dem Auslaufen des umstrittenen und letztlich als erfolglos zu bezeichnenden Gutscheinvertrages des "Bündnisses für Ausbildung", mit dem beabsichtigt wurde, den Sportunterricht in der Berufsschule "stufenweise durch Angebote des Vereinssports" zu ersetzen, kann glücklicherweise vom 1. August 2002 an im dualen Ausbildungssystem der Berufsschulen in Hamburg wieder Sportunterricht angeboten werden. Hierzu müssten allerdings didaktische Konzepte mit neuen Formen und neuer Kreativität entwickelt werden. Darüber hinaus müssten evtl. auch letzte Hindernisse bei Handwerks- und Handelskammer ausgeräumt werden. Und nicht zuletzt sollten im außerschulischen Bereich bereits bestehende Kooperationsprogramme (‚Schule und Verein’) auch den Bereich der Berufschulen erfassen und sich dort etablieren.

Um jedoch zukünftig eine Verbesserung der Voraussetzungen des Berufsschulsports - vor allem im Teilzeitbereich - bewirken zu können, sollten alle für die Erziehung der Heranwachsenden verantwortlichen Institutionen und Partner, wie Lehrer, Eltern, Parlamente, Schulverwaltung, Schulträger, politische Parteien, Gewerkschaften, Arbeitgeber-organisationen, Ausbildungsbetriebe, Ärzte, Hochschulen und Kirchen ihren bestmöglichen Beitrag leisten, um die Jugend über die Schulzeit hinaus für den Sport zu gewinnen sowie im Sport und über den Sport zu erziehen.

Von daher ist es für die zukünftige Qualitätssicherung des Schulsports im dualen System der Berufsausbildung wesentlich,

; den Sport an allen beruflichen Schulen als Pflichtfach zu sichern bzw. zu verankern
; das Stundensoll (auch durch kurzfristige Übergangsregelungen) des Schulsport zu erfüllen
; Richtlinien/Lehrpläne im Hinblick auf die spezifische Situation der Jugendlichen in den Berufsschulen zu entwickeln bzw. vorhandene zu überarbeiten
; das Studienfach Sport im Rahmen des Lehramts für berufliche Schulen in allen Ländern einzurichten
; die Lehrerfortbildung- und -weiterbildung zu intensivieren
; die sportwissenschaftliche Forschung über den Berufsschulsport zu forcieren
; dem Bau der erforderlichen Sportstätten an beruflichen Schulen - eventuell im Rahmen von Sonderprogrammen - Vorrang einzuräumen, da der zeitliche Umfang und die Wirksamkeit des Schulsports von einem nach Umfang, Qualität und Standort auszureichenden Sportstättenangebot abhängt
; die Diskussion über den Berufsschulsport in die Öffentlichkeit zu tragen
; den Berufsschulsport auch in die geplante "Untersuchung der aktuellen Situation des Schulsports in Deutschland" einzubeziehen

Schulsport bzw. Sportunterricht als fester Bestandteil der Bildung muss künftig auch an beruflichen Schulen sichergestellt und noch besser ausgestaltet werden. Ein regelmäßiger Sportunterricht ist aus den genannten Gründen auch für die berufsbildenden Schulen unverzichtbar.


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