Sport und Satire - feindliche Brüder ?

 

Viele Vorkommnisse und Ereignisse sind nicht mehr parodierbar

 

"Wiedervereinigung ungültig: Kohl war gedopt!" Wenn der Sport schon eine Rolle spielt, dann

nur noch durch ein Wortspiel mit Doping. Das ist verräterisch und seltsam: wie wenig der Sport, der eine solch gewaltige Rolle in unserem Leben spielt, in einem Satire-Magazin wie "Titanic" repräsentiert ist. Zu begutachten in einer Jubiläums-Wanderausstellung, die zur Zeit in saarländischen St. Ingbert gastiert.

Der kritische Beobachter hat den Eindruck: Der moderne Sport ist gar nicht mehr parodierbar. Er ist schon Satire pur. Wer will den Streit um Fernsehgelder, das Pokern um Transfer-Millionen, die Verhandlungen um Spielergehälter noch überhöhen. Das geht nicht mehr. Hier kann jeder nur den Rat geben: Satiriker, Hände weg vom Show-Sport! Ihr könnt euch nur blamieren. Auch wenn bei der Vergabe von Fußball-Weltmeisterschaften durch die Ankündigung lächerlicher Werbegeschenke doch noch mal ein Versuch unternommen wurde, kommerzielle Interessen zu entlarven.

Man muss nicht alles, was in "Titanic" stand, besonders gut finden. Wenn Kohl über den "Häßler-Bubb" schwadroniert, ist das nur noch ein bescheidener Lacherfolg. Wenn unter der Schlagzeile "Wir rufen die Jugend der Welt" der amerikanische Präsident Jimmy Carter und der damalige sowjetische Generalsekretär Leonid Breschnew sich in einer Bildmontage begegnen, wirkt das auch im Nachinhein durch die Verfremdung nur noch mäßig: Carter, der sich beim Jogging übernommen hat und einen Schwächeanfall erlitt - und auf der anderen Seite Breschnew, der, von der Krankheit gezeichnet, sich beim Aufstehen stützen lassen muss. Mit dem Kommentar versehen: "Schritt für Schritt kommen sie sich näher, seht die Jugend der Welt: Wir sind gespannt, wer eher ... auf die Schnauze fällt." Legendäre "Titanic"-Titel wie der von der 17-jährigen Zonen-Gaby mit "Meine erste Banane" kann der Sport nicht beitragen. Aber warum?

Vielleicht ist das Verhältnis von Satire und Sport ähnlich zu sehen wie das Verhältnis von Sport und Literatur. Literaturpapst Marcel Reich-Ranicki hat einmal behauptet: "Der Sport und die Literatur sind nahe Verwandte, die sich zu sehr ähneln, um sich aufrichtig lieben zu können. Vielmehr wetteifern sie miteinander und bekämpfen sich insgeheim. Es sind im Grunde feindliche Brüder."

Sind der Sport und die Satire ebenfalls feindliche Brüder? Es sieht auf jeden Fall so aus. Das betrifft natürlich nur den kommerzialisierten und den vom Doping verseuchten Sport. Übrigens ist Marcel Reich-Ranicki auch in "Titanic" ein Thema. Er tritt auf als "Unser Lautester". So wird er in "Das Dicke Buch Titanic" (dem Katalog) dargestellt. An dieser Stelle wird auch Eckhard Henscheid, einer der Pioniere von "Titanic", zitiert. In einem FAZ-Fragebogen beantwortet er die Frage "Welche militärische Leistung bewundern Sie am meisten?" Antwort: "Beckenbauers Sechserabwehrreihe gegen Holland (2:1)." Vielleicht war das doch noch richtiger Fußball.
Manfred Lehnen


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