Sport und Sportabzeichen sind wichtiger Ausgleich und Prävention

Professor Martin Halle (56) ist Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der TU München. Mit seinem Team betreut er mehr als 10.000 Patienten pro Jahr, vom „Couch-Potato“ bis zum Olympiasieger.

Professor Martin Halle (Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der TU München) (Foto: Peter von Felbert)
Professor Martin Halle (Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der TU München) (Foto: Peter von Felbert)

Der Facharzt für Sportmedizin, Kardiologie und Innere Medizin zählt zu den bekanntesten Präventivmedizinern Deutschlands. Er ist davon überzeugt, dass Bewegung und Sport die beste Prävention vor gesundheitlichen Problemen insbesondere im Bereich der Herz-Kreislauf- und Krebserkrankungen sind. In diesem Zusammenhang ist er ein großer Fan des Deutschen Sportabzeichens – eben weil es viele Menschen zu gesunder sportlicher Aktivität animieren kann.

Im Interview mit der Medienmannschaft spricht er über die Bedeutung von Sport für die Gesundheit und die wichtige Rolle des Sportabzeichens vor diesem Hintergrund.

Herr Professor Halle, haben Sie selbst das Sportabzeichen abgelegt?
Ich bewege mich nach Möglichkeit täglich. Das Sportabzeichen habe ich auch einmal abgelegt, das ist allerdings schon Jahre her.

Was war Ihr Antrieb?
Damals einfach, weil es Spaß gemacht hat. Das war auf der Insel Langeoog in den Sommerferien. Mein Beispiel zeigt aber auch, dass Angebote in den Ferien für den Sport sehr sinnvoll sind.

Sport gilt allgemein als gesund – warum eigentlich?
Wir verstehen immer mehr, dass während körperlicher Bewegung und Sport Mechanismen im Körper angesprochen werden, die vielfältig sind und auf Gesunderhaltung ausgerichtet sind. Vor allen Dingen die Muskulatur ist nicht alleine ein Organ, welches Gelenke hin und her bewegt, sondern ist ein zentrales Organ, welches Informationen an unterschiedliche Organe im Körper weiterleitet, wie Leber, Fettgewebe für den Stoffwechsel ebenso wie Herz und Gefäße zur Regeneration wie auch für das Gehirn und seiner Regeneration. So kann man sich erklären, dass durch körperliche Bewegung positive Mechanismen im ganzen Körper über die Muskulatur vermittelt werden. Das bedeutet aber auch, dass Muskulatur aktiviert werden muss, damit diese Mechanismen angestoßen werden. Das ist vor allen Dingen bei einem Ausdauer- und bei einem Krafttraining gegeben. So wissen wir, dass Diabetes, Atherosklerose, Herzinfarkt und Schlaganfall genauso positiv beeinflusst werden wie Demenzerkrankung oder Krebserkrankungen wie bei Brust- und Darmkrebs.

Es heißt seit dem Altertum, in einem gesunden Körper stecke auch ein gesunder Geist – ist das richtig?
Die Mechanismen, die jetzt erst gerade von der Wissenschaft aufgedeckt werden, nämlich dass Muskulatur auch für die Gesunderhaltung der Gehirnfunktion verantwortlich ist, verdeutlichen diesen Zusammenhang eindrücklich. Zum anderen ist es so, dass sich während körperlicher Aktivität auch die Hirnleistung bessert. Des Weiteren wird den Risikofaktoren von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorgebeugt, es kommt es zu einer besseren Blutdruck- und Blutzuckereinstellung, sodass dadurch auch weniger Gefäßveränderungen auftreten und vor allen Dingen gerade die Hirngefäße weniger durch Atherosklerose belastet sind. Auch dies ist einer der wesentlichen Gründe, warum körperlich Aktive eine bessere Gehirnfunktion über viele Jahre, selbst bis ins hohe Alter, halten können.

Wie wichtig ist Sport für die Leistungsfähigkeit in Schule, Job …?
Eine gute Grundfitness und regelmäßige vielfältige sportliche Aktivität ist für sitzende Tätigkeit wie in der Schule oder im Büro von zentraler Bedeutung. Rückenschmerzen treten weniger auf, auch Belastungen durch Stress können besser bewältigt werden. Der Ausgleich für das Gehirn durch körperliche Aktivität ist extrem wichtig.

Fachleute beklagen einen zunehmenden Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen. Manche können nicht einmal mehr Purzelbäume oder Rückwärtslaufen. Haben Sie auch so etwas beobachtet? Wie kann das Sportabzeichen da evtl. gegenwirken?
Ich bin absolut davon überzeugt, dass wir unsere Kinder in allen Situationen zu mehr Aktivität motivieren sollten. Das bedeutet auch, dass in der Schule das Sitzen auf einem Stuhl nicht zur Regel werden darf, ebenso auch nicht das Sitzen auf einem Stuhl im Restaurant. Auch müssen Kinder jeden Tag mindestens 3-4 Stunden draußen an der frischen Luft toben. Ein inaktives Verhalten, welches auch von Erwachsenen und z.B. der Schule vorgegeben wird, ist kein dem natürlichen Drang von Kindern entsprechendes und grundsätzlich falsch. Auch das Verständnis, dass eine 3. Sportstunde mindestens so wichtig ist wie eine weitere Mathematikstunde ist bei Lehrern, Eltern und Politik häufig noch nicht angekommen.

Wie wichtig ist es für das Sportabzeichen, auch Trendsport aufzugreifen? Wie z.B. Nordic Walking, Klettern oder Stand up Paddling (SuP)?
Die neuen Sportarten sind unbedingt zu integrieren. Es geht nicht nur allein um Turnvater Jahn oder Leichtathletik, sondern vor allen Dingen auch um ein erweitertes Bewegungsspektrum. Gerade Klettern und SuP sind durch Kraft und Koordination geprägt. Auch die Geschicklichkeit, die ebenfalls abzufragen ist, wird hierbei gefördert. Das Deutsche Sportabzeichen kann das Ergebnis eines Prozesses darstellen, nämlich dass sportliche Betätigung und Training z.B. mit einem Sportabzeichnen belohnt wird.

Bleiben Sportler tatsächlich statistisch länger „jung“ und fit. Also leistungsfähiger im Alter?
Sportler sind eindeutig länger und bis ins höhere Alter körperlich leistungsfähiger. Ab dem 45. Lebensjahr sieht man eindeutig, dass bei der nichtsporttreibenden Bevölkerung die körperliche Leistungsfähigkeit drastisch abnimmt. Mit zunehmendem Alter werden diese Unterschiede immer deutlicher.

Aus Sicht des Mediziners: Warum ist das Sportabzeichen wichtig für die einzelnen Altersklassen - vom Kind bis ins hohe Alter?
Mit dem Sportabzeichen sollen und müssen unterschiedliche Kompetenzen abgefragt werden. Bei Kindern ist vor allen Dingen die Kombination aus Ausdauer und Koordination von Bedeutung, Kraftkomponenten spielen eher eine untergeordnete Rolle. Beim älteren Menschen sehe ich gerade die Kraftkomponente und die Koordination als wichtige Teilelemente an. So muss auch das Sportabzeichen altersorientiert ausgerichtet sein.

Sind in diesem Zusammenhang die unterschiedlichen Leistungsanforderungen beim Sportabzeichen richtig angepasst?
Ich denke schon.

Wie wichtig ist es für die Motivation, eine Auszeichnung zu bekommen?
Ohne Motivation geht gar nichts. Deshalb ist eine Auszeichnung immer zu begrüßen. Heute postet man diese auch bei Facebook und in anderen sozialen Medien.

Manche Menschen scheuen dagegen Prüfungssituationen – schreckt man die mit den Leistungsanforderungen beim Sportabzeichen nicht ab?
Es mag sehr wohl sein, dass dieses auch den ein oder anderen abgeschreckt. Auf der anderen Seite ist es auch eine besondere Motivation für viele Menschen. Mit dem Sportabzeichen kann man nicht jeden erreichen. Die Prüfung ist nun einmal auch eines der Charakteristika. Die Form wie die Daten erhoben werden, ist sicherlich wichtig. Dies muss nicht ausschließlich eine Prüfungssituation sein.

Wo zieht man die persönliche Grenze, wie weit darf man sich quälen, zumal es sich ja nicht um Spitzen-, sondern um Breitensport handelt?
Die Beantwortung ist nicht ganz einfach, denn es handelt sich hier ja auch um Menschen die im mittleren Alter oder sogar höheren Alter das Sportabzeichen ablegen. Da können natürlich auch schon Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder andere Risikofaktoren vorliegen. Auch orthopädische Erkrankungen sind nicht selten. Somit muss schon jeder auch selber dafür sorgen, dass sie oder er gesund und ohne Risiko in diese Herausforderung geht. Eine Untersuchung beim Hausarzt oder eine sportmedizinische Untersuchung halte ich deshalb für sehr sinnvoll. Dieses sollte aber nicht vor dem Sportabzeichen sondern vor dem Beginn des Trainings überhaupt durchgeführt werden, gerade für diejenigen, die über viele Jahre nicht mehr Sport getrieben haben. Für die soll der Sport ja auch gerade ein Ziel und eine große Motivation sein.

(Quelle: Andreas Hardt, Medienmannschaft)


  • Professor Martin Halle (Ärztlicher Direktor des Zentrums für Prävention und Sportmedizin an der TU München) (Foto: Peter von Felbert)
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