„Sportvereine geben Kindern das Gefühl sozialer Anerkennung“

Fünf Fragen an Prof. Dr. Werner Schmidt Sportpädagoge an der Universität Duisburg-Essen, den Herausgeber des Zweiten Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts.

Kindheit und Bewegung war der Schwerpunkt des zweiten Kinder- und Jugendsportberichts. Copyright: picutre-alliance
Kindheit und Bewegung war der Schwerpunkt des zweiten Kinder- und Jugendsportberichts. Copyright: picutre-alliance

DOSB PRESSE: Vor rund drei Monaten wurde der Zweite Deutsche Kinder- und Jugendsport-bericht mit dem Schwerpunkt „Kindheit“ in Anwesenheit von Bundesinnenminister Dr. Wolfgang Schäuble und dem Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes, Dr. Michael Vesper, in Essen der Öffentlichkeit vorgestellt. Der Bericht, der fünf Jahre nach seinem Vorgänger wiederum auf Anregung und mit finanzieller Unterstützung der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung zustande kam, enthält auf 520 Seiten insgesamt 24 Aufsätze zu fünf unterschiedlichen Themenkomplexen von „Kindheit und Bewegung, Spiel und Sport“. Herr Prof. Dr. Werner Schmidt, welche Reaktionen gibt es seitdem in der Öffentlichkeit bzw. von Entscheidungsträgern des Sports?

SCHMIDT: Das Thema Kindheit und Bewegung scheint für die Medien wegen der vielen positiven Effekte (z. B. Gesundheit, Selbstwertgefühl, soziale Integration, bessere Lernvoraussetzungen) von großem Interesse zu sein. Die Politik (z. B. Sportministerkonferenz, Landtage) scheint immer mehr die Bedeutung der frühen Jahre anzuerkennen. Für die Entscheidungsträger des Sports dürfte es wichtig sein, die Verwobenheit von Bewegung und Sport mit sozial-, gesundheits- und bildungspolitischen Maßnahmen insgesamt zu verdeutlichen.

DOSB PRESSE: Wie kam es dazu, diesmal den Schwerpunkt auf „Kindheit“ zu legen, und welche Ergebnisse haben Sie dabei am meisten überrascht?

SCHMIDT: Internationale Vergleichsstudien haben gezeigt, dass Deutschland einen großen Nachholbedarf im Bereich der frühkindlichen Förderung bis zum Alter von sechs Jahren und danach im Primarbereich hat. Unsere Studien zeigen, welche positiven Effekte das Bewegungs-Angebot vor allem für die Jüngsten ab drei bis vier Jahren hat. Dies gilt über die motorische Entwicklung hinaus auch für die Sprachentwicklung, verstärkte Aufmerksamkeit und Konzentration als elementare Lernvoraussetzung sowie das individuelle Wohlbefinden in der Gruppe.

DOSB PRESSE: Betrachtet man die Beiträge im Band summarisch, dann könnte man auch dieses Fazit ziehen: „Kinder müssen sich mehr bewegen, weil Bewegung gut für ihre Entwicklung ist … von Bewegung können Kinder nie genug bekommen“: Wie sollten denn „qualitativ hochwertige“ Bewegungsangebote für Kinder aussehen?

SCHMIDT: Insgesamt scheint die komplexe Betrachtung der Lebens- und Bewegungswelten immer wichtiger zu werden. Wir müssen gleichzeitig schauen auf das Straßenspiel, die Spielplatzangebote, die Verkehrswege, den Schulhof als Bewegungsraum, die bewegte Rhythmisierung des Schulalltages und die qualifizierte Sportausbildung in Schule und Verein.

DOSB PRESSE: Ihr Bericht enthält auch Befunde zur Bedeutung des Sportvereins im Kindesalter: Auf welche Ergebnisse können Sportvereine stolz sein, welche sind eher als Mahnung und somit als Ansporn für einen „besseren“ Sport mit Kindern zu sehen?

SCHMIDT: Allein dem Sportverein gelingt es - im Gegensatz zu anderen Institutionen - Kindern das Gefühl von sozialer Anerkennung, Integration, Gruppenzugehörigkeit und individuellem Wohlbefinden zu vermitteln. Kinder schätzen die hohe soziale Kompetenz von Übungsleitern und Sportlehrern besonders positiv ein. Frühe Dropouts dokumentieren andererseits, dass der institutionalisierte Sport zu früh zu viel Wert auf Wettkampforientierung und sportartspezifische Ausbildung setzt. Die Weiterentwicklung der Curricula in Richtung vielseitiger Angebote sieht der Bericht als die wesentliche Innovations- und Zukunftsfrage für die Vereine an.

DOSB PRESSE: Der Bericht schließt auf den letzten beiden Seiten mit knappen „Handlungsempfehlungen“: Welche Forderungen richten Sie ganz konkret an wen?

SCHMIDT: Die Ergebnisse sind eindeutig. Deshalb müssen im Hinblick auf die Verbesserung der Angebote primär die Entscheidungsträger erreicht werden: Seien es die Kommunen im Hinblick auf Bewegungskindergärten und Qualifizierung von Erzieherinnen und Erziehern im Bewegungsbereich, die Ministerien hinsichtlich Bewegter Grundschulen und Ganztagesangeboten sowie die Sportfachverbände hinsichtlich der Weiterentwicklung der Curricula.

Werner Schmidt (Hrsg., unter Mitarbeit von Renate Zimmer & Klaus Völker): Zweiter Deutscher Kinder- und Jugendsportbericht. Schwerpunkt: Kindheit. Schorndorf 2008: Hofmann. 520 S.; Euro 39,90.


  • Kindheit und Bewegung war der Schwerpunkt des zweiten Kinder- und Jugendsportberichts. Copyright: picutre-alliance
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