„Sportwissenschaft ohne Sport ist nicht denkbar - Sport ohne Sportwissenschaft aber auch nicht“

Die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) ist der Berufsverband der Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler in Deutschland. Als Sportverband mit besonderen Aufgaben ist die dvs auch Mitgliedsorganisation des DOSB.

In der Mitgliederversammlung im Rahmen des 19. dvs-Hochschultages Mitte September 2009 in Münster wählte die dvs die Leipziger Hochschullehrerin Prof. Dr. Dorothee Alfermann als neue Präsidentin. Der ehemalige dvs-Präsident Prof. Dr. Bernd Strauß hatte nach drei Amtszeiten nicht mehr kandidiert. Der 50-jährige Sportwissenschaftler und Diplom-Psychologe Strauß, der am Institut für Sportwissenschaft der Westfälischen Wilhelms Universität Münster lehrt und forscht und zu dessen Arbeitsgebieten Expertise im Sport und auch soziale Prozesse im Sport bzw. das Zuschauerverhalten gehören, beantwortete für die DOSB PRESSE die folgenden vier Fragen:

DOSB PRESSE: Welche persönliche Bilanz ziehen Sie als dvs-Präsident nach sechs Jahren Amtszeit?

Strauß: Ein ganz wesentliches Ziel mit der Übernahme des Amtes im Jahre 2003 war, die öffentliche Wahrnehmung der dvs zu stärken. Dies gilt natürlich für den sportpolitischen Raum genauso wie für den organisierten Sport, den Bereich der Wissenschaften und der medialen Öffentlichkeit. Wichtig für mich war immer deutlich zu machen, dass die dvs das Sprachrohr der Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler ist und dass die Sportwissenschaft, inhaltlich wie strukturell, ein nicht mehr wegzudenkender Partner des Sports ist. Ein wichtiges Projekt, das mich alle drei Amtszeiten begleitet hat, war die Zeitschrift "Sportwissenschaft", die nun im renommierten Springer Verlag gemeinsam vom DOSB, BISp und der dvs herausgegeben wird. Mein Fazit am Ende lautet: Sportwissenschaft ohne Sport ist nicht denkbar - Sport ohne Sportwissenschaft aber auch nicht!

DOSB PRESSE: Welche gemeinsamen Arbeitsfelder gibt es gegenwärtig zwischen dem DOSB und der dvs?

Strauß: Wir haben gemeinsam einige Projekte auf den Weg gebracht, in denen wir hervorragend zusammenarbeiten. Ich denke da natürlich aktuell an das Memorandum zum Schulsport, das DOSB, dvs und DSLV gerade verabschiedet haben. Dies gilt aber auch für das gemeinsame Memorandum zur Entwicklung der Sportwissenschaft aus dem Jahr 2005 und natürlich einige weitere gemeinsame Vorhaben. Aber ich denke, diese institutionalisierte Zusammenarbeit könnte weiter intensiviert werden. Die DOSB-Vizepräsidentin, meine Berliner Kollegin Prof. Dr. Gudrun Doll-Tepper und ich haben während des Hochschultages in Münster einen gemeinsamen Workshop organisiert, in dem wir weitere Felder der Zusammenarbeit herausgearbeitet und deutlich gemacht haben, dass eine Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen dvs und DOSB höchst wünschenswert ist. Dies wird dem Sport und der Sportwissenschaft in gleichem Maße zugute kommen.

DOSB PRESSE: Das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) wurde in diesen Tagen durch Pressemeldungen und -berichte deutlich kritisiert. Wie stehen sie dazu?

Strauß: Der humane Leistungssport zeichnet sich durch fairen Wettbewerb aus. Dies gilt für die Sportwissenschaft und ihre Leistungen genauso. Nur der Wettbewerb zwischen sportwissenschaftlichen Institutionen und nicht die Monopolisierung auf einen oder nur wenige Standorte wird dem deutschen Leistungssport helfen und ein Einschwingen in die Mittelmäßigkeit verhindern. Da unterscheiden sich Leistungssport und Sportwissenschaft nicht. Die deutsche Sportwissenschaft und der deutsche Sport benötigt für diese Steuerung des Wettbewerbs und der Verbindung zwischen dem organisierten Sport, der Sportpolitik und der Wissenschaft  ein nach allen Seiten starkes, unabhängiges Bundesinstitut, mit mehr Forschungsmitteln versehen, und mit mehr Kompetenzen ausgestattet, auch innerhalb des wissenschaftlichen Verbundsystem Leistungssport. Ich teile aber die Kritik des Wissenschaftsrates aus dem Jahre 2006 am Bundesinstitut in großen Teilen und bin sehr dankbar, dass mit dem Gutachten des Wissenschaftsrates eine klare Orientierungslinie, übrigens nicht nur  für das BISp und das BMI, sondern auch für den organisierten Sport und die Tätigkeit der Sportwissenschaftler gegeben wurde. Auch diese haben aus dem Gutachten zu lernen und sich zu optimieren. Der Wissenschaftsrat wird es im nächsten Jahr zu beurteilen haben, ob diese Anstrengungen reichen. Die Sportwissenschaft an allen sportwissenschaftlichen Standorten um ihrer selbst willen wäre gut beraten, konstruktiv daran mitzuarbeiten, dass das Bundesinstitut in diesem Prozess sich neu aufstellen kann, begonnene Reformen konsequent weiter, und stärker als bisher vorantreibt und damit letztlich gestärkt wird. Ganz sicher aber leisten die jetzigen Presseberichte und Pressemeldungen von Wettbewerbern keinen Beitrag zu einer fairen Beurteilung des Bundesinstituts.

DOSB PRESSE: Muss man sich um die Zukunft der Sportwissenschaft, die als Wissenschaftsdisziplin mit Lehre und Forschung derzeit an rund 60 Universitäten und Pädagogischen Hochschulen in Deutschland angesiedelt ist, eigentlich Sorgen machen?

Strauß: Sorgen im Ganzen nicht, aber es wird für die einzelnen Standorte darauf ankommen, sich um universitären Wettbewerb der einzelnen Fächer und Universitäten zu behaupten. Zu glauben, das Fach Sportwissenschaft hätte an den Universitäten ein Sonderrolle und sei nicht antastbar, ist grundlegend falsch. Es wird für die einzelnen sportwissenschaftlichen Standorte notwendig sein, entsprechende Profile zu entwickeln, die sich eng an der strategischen Aus-richtung der jeweiligen Universität ausrichten müssen. Jedes Institut ist gut beraten, einen solchen zukunftsgerichteten Prozess einzuleiten. Dann kann es auch gelingen, wie einige Beispiele zeigen, die Sportwissenschaft nicht nur zu festigen, sondern sogar weiter auszubauen.



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