Stichwort: Fit für 100

Drei Fragen an Prof. Dr. Heinz Mechling, Fachgebiet Sport und Altern, von der Deutschen Sporthochschule Köln.

"Das 4. Alter stellt eine bisher vernachlässigte Zielgruppe dar", sagt Prof. Dr. Heinz Mechling von der DSH Köln. Copyright: picture-alliance/dpa
"Das 4. Alter stellt eine bisher vernachlässigte Zielgruppe dar", sagt Prof. Dr. Heinz Mechling von der DSH Köln. Copyright: picture-alliance/dpa

DOSB PRESSE: Das Projekt klingt wie eine unerhörte Herausforderung: "Fit für 100" - Bewegungsangebote für Hochaltrige. Gibt es denn so viele Hochaltrige, die für ein solches Modellprojekt in Frage kamen? 

MECHLING: Das Projekt klingt nicht nur wie eine unerhörte Herausforderung, sondern das Projekt und die Zahl der Hochaltrigen sind eine Herausforderung. Das Thema Langlebigkeit ist in der Mitte unserer Gesellschaft angekommen. Es stellt eine der zentralen Herausforderungen bei der gesundheitlichen Versorgung und Betreuung älterer Menschen dar. So ist die Gruppe der 80-jährigen die am schnellsten wachsende Altersgruppe in Deutschland. Aus wissenschaftlicher Sicht wird ab diesem Alter von Hochaltrigen oder auch vom „4. Alter“ gesprochen. So wird z.B. die Zahl der 100-jährigen in Deutschland von heute ca. 8.000 bis zum Jahre 2025 auf ca. 45.000 steigen. Bei dieser Entwicklung müssen die Möglichkeiten und Grenzen selbständiger Lebensführung im Alter neu ausgelotet werden. Gezielte Beratungsangebote und effektive Interventionsmaßnahmen besitzen hierbei eine Schlüsselfunktion. Im Hinblick auf Bewegungs- und Trainingsangebote stellt „das 4. Alter“ eine bisher vernachlässigte Zielgruppe dar. Für diese Zielgruppe muss – wie in unserem Projekt angestrebt – das zentrale Ziel sein, die individuelle Kompetenz und Selbständigkeit über einen möglichst langen Zeitraum zu stärken und zu erhalten.

DOSB PRESSE: Welche konkreten Ergebnisse mit Nachwirkungseffekt hat Ihr Modellprojekt erbracht? 

MECHLING: Nach der ersten Projektphase, die neun Modellstandorte in Nordrhein-Westfalen umfasste, liegen nun konkrete Ergebnisse vor. Der Leitgedanke des Projektes besteht darin, einen Beitrag zum Erhalt der Selbständigkeit, Sicherheit und Lebensqualität hochaltriger und/oder dementer Personen zu leisten. Die Ergebnisse belegen umfassend die durch Bewegungs- und Trainingsaktivitäten ausgelösten körperlichen, geistigen und sozialen Effekte. So konnten Kraft, Koordination und Beweglichkeit erheblich verbessert werden. Dies wiederum trägt dazu bei, dass beim Aufstehen, Stehen und Gehen erhebliche Fortschritte erzielt wurden. Diese Leistungen sind ein wesentlicher Beitrag zur Sturzprävention. Die psychisch-kognitive Leistungsfähigkeit und die Bewältigung von Alltagsfunktionen konnten stabilisiert und in Einzelfällen sogar verbessert werden. Besonders hervorzuheben sind allerdings die psychischen und sozialen Effekte. So schätzten die Teilnehmenden ihr Kraftempfinden, ihre Leistungsfähigkeit, ihre Alltagsbewältigung und das Gefühl, glücklich zu sein, höher ein und begrüßen insbesondere die neuen Formen der gegenseitigen Kontaktaufnahme und der sozialen Aktivitäten. 

DOSB PRESSE: Bewegungsangebote für Hochaltrige als eine Chance für verbesserte Lebensqualität - das ist die eine Seite. Doch in unserer Gesellschaft muß sich ja alles rechnen. Welche ökonomischen Vorteile bringen solche Bewegungsangebote? 

MECHLING: Modellrechnungen in unserem Projekt haben ergeben, dass für eine Übungsgruppe jährliche Personalkosten von 3.000 € anfallen. Dieser Betrag amortisiert sich bereits, wenn fünf Teilnehmer mit Pflegestufe 1 einen Monat länger ambulant anstatt stationär versorgt werden. Weitere Effekte durch die Entlastung von Pflegepersonal und mögliche Einsparungen durch reduzierte Sturzgefahren sind dabei noch nicht berücksichtigt. Diese Erkenntnisse müssten aus meiner Sicht in der neuen Pflegegesetzgebung berücksichtigt werden.


  • "Das 4. Alter stellt eine bisher vernachlässigte Zielgruppe dar", sagt Prof. Dr. Heinz Mechling von der DSH Köln. Copyright: picture-alliance/dpa
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