Und am Ende muss eine NULL stehen!

Auch im Sportverein können gemeinsam Einsparziele zum Wohle des Klimas verfolgt werden, sagt Autor Dr. Franz Brümmer.

Gut fürs Klima: Der autofreie Sonntag in Hamburg 2008 wurde auch zu sportlichen Aktivitäten genutzt. Foto: picture-alliance
Gut fürs Klima: Der autofreie Sonntag in Hamburg 2008 wurde auch zu sportlichen Aktivitäten genutzt. Foto: picture-alliance

Eine Null? Im Sport? Das klingt nicht sehr ehrgeizig und nach unbedingtem Siegeswillen! Eine Null ist im Sport ja meist mit einer Niederlage, höchstens mit einem Unentschieden verbunden. Doch im Zusammenhang mit Treibhausgasemissionen wäre das ein Sieg!

Nun der Reihe nach. Mir fallen wenige Themen ein, deren gnadenlose Dringlichkeit so überdeutlich ist. Und erst recht wenige, die trotzdem durch medialen Dauerbeschuss, intensives politisches Händeringen und auch auf Andere zeigen oft, ja zu oft, zu einem diffusen Etwas werden. Das Gefühl, diffus zu driften, müsste aber gar nicht sein, es gibt einen konkreten Plan mit konkreten Vorgaben, dem sich alle verpflichtet haben: Die verbindlichen Klimaziele 2030 der EU! Diese sehen eine Senkung der Treibhausgasemission um mindestens 40 Prozent, eine Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien um mindestens 27 Prozent und eine Steigerung der Energieeffizienz um mindestens 27 Prozent vor! Konkreter als gedacht, nicht wahr? Und wenn wir ehrlich auf unsere eigenen Lebensstile schauen, sind sie auch fast beklemmend ambitioniert. 40 Prozent CO2 -Emission senken in elf Jahren – und das ausnahmslos durch Jede und Jeden von uns.

Und dann lesen wir das: „Porsche hat seinen CO2-Ausstoß seit 2014 um 75 Prozent gesenkt.“ In nur fünf Jahren!? Vielleicht gibt es in Ihrem Kopf einen ähnlichen Schlagabtausch: Was, wie – Porsche? Ja, die Schlagzeile kann missverstanden werden: Hier ist die Produktion gemeint und nicht die Fahremissionen des Cayennes an der Ampel neben mir! Ist aber trotzdem stark! Darf der Produzent von Luxuskarossen sich solch hehrer Worte wie Nachhaltigkeit überhaupt bedienen? Na klar! Und im Übrigen: Der Begriff Nachhaltigkeit ist mittlerweile auch etwas verbraucht und manchmal nur noch eine Worthülse! Pah, ja die können es sich halt auch leisten! Wir doch auch! Wir können uns allerhand leisten! Aber Klimaschutz: Den müssen wir uns sogar leisten! Die Anpassung an die Folgen des Klimawandels leisten wir uns zum Beispiel im Hochwasserschutz.

Also los – wo stehen wir im Sport eigentlich gerade? Sport ist gesund und sehr viele treiben regelmäßig Sport. Das ist gut und zu begrüßen! Sportler*innen reisen angeblich viel und brauchen Sportstätten, die ziemlich energieintensive Gebäude sind. Das ist selbstverständlich von Sport zu Sport sehr unterschiedlich. Natursport hat weniger Emissionen bei den Gebäuden, aber vielleicht mehr beim Reisen. Deshalb versuchen wir hier das, wogegen wir uns zumindest im Natursport immer wehren: eine „unvollständige Gesamtschau“.

Wir müssen unser Handeln konsequent durchdenken und vor allem zu Ende denken! Den Ökocheck bei Sportanlagen, initiiert vom Landessportbund Hessen, gibt es seit mehr als 20 Jahren! Hier werden Vereine zum Wasserverbrauch, zur Hallenheizanlage und zum Beleuchtungssystem mit möglichen Einsparpotenzialen beraten. Zur Finanzierung gibt es Sportstätten-, Drittmittel und sportinterne Förderung. Und inzwischen eine umfassende Klimaschutz-Beratung in vielen Landessportbünden. Vom Landessportverband Baden-Württemberg gibt es mit dem Leitfaden Sport und Nachhaltigkeit eine tolle Sammlung, die zeigt, wie es in der Vereinsorganisation, bei Veranstaltungen und im Sportumfeld auch mit weniger Emission und fair für die Natur zugehen kann.

Die N!-Charta SPORT ermuntert Sportvereine, sich selbst Nachhaltigkeitsziele zu geben, und diese mit entsprechenden Maßnahmen zu erreichen. Beim Mobilitätsverhalten im Sport kommt man nicht umhin, etwas nachdenkliche Betroffenheit zu wecken. Bei den Gebäuden kann der einzelne Sportaktive noch auf Politik und Verbände verweisen – aber spätestens bei der Mobilität muss er sich selbst in die Verantwortung nehmen. Der Flugverkehrsaufwand hat in Deutschland von 1991 bis 2017 um 199 Prozent zugenommen, der Individualverkehrsaufwand mit dem PKW um 33 Prozent. Laut Lufthansa wird sich die Zahl der Flugpassagiere bis zum Jahr 2040 verdoppeln. So erschreckend das ist, bleiben wir am Boden: Die meisten Fahrkilometer im Personenverkehrsaufwand entfielen laut BMVI in Deutschland 2017 mit 43 Prozent auf die Urlaubs- und Freizeitmobilität. Die Zahlen betreffen natürlich nicht nur Fahrten zum Sport. Wie hoch deren Anteil ist, kann sich jeder in einer ehrlichen Rechenaufgabe selbst fragen.

Um eine Annäherung zu versuchen und Sie mit all den Zahlen nicht allein zu lassen: Es gab 2005 eine Studie Sport und Mobilität in Baden-Württemberg, laut derer 40 Prozent der Sportaktiven zu ihrer Sportstätte mit dem Pkw fahren – mit einer Gesamt-Jahresleistung von 6,6 Milliarden Personen-Kilometern. In Baden-Württemberg vor 14 Jahren waren das damit rund 660 km, die Sportler*innen pro Jahr zu ihrer Sportstätte zurücklegten. Und jeder von uns weiß, dass das Nicht-Alltägliche, nämlich der Urlaub, die Wochenendfahrt in die Berge, noch obendrauf kommt. Wollen wir auf unseren „Sportausstoß an CO2“ den Richtwert von minus 40 Prozent der Klimaziele 2030 anwenden?

Oder vielleicht sogar den der Produktion bei Porsche (minus 75 Prozent)? Und wenn wir schon beim Rechnen und Überdenken unseres Verhaltens sind: Was müsste eigentlich jede und jeder Einzelne von uns tun, um bei eben diesem Sportausstoß sogar ein „zero impact“ – das sind im Sinne der gängigen Prognosen rund eine Tonne CO2 – stehen zu haben? Also eine Null! Verändern, Verzichten, Verbieten! – Und am Ende muss eine NULL stehen!

Verändern, Verzichten, Verbieten! Denn: Um das bei der UN-Klimakonferenz in Paris 2015 gesteckte Ziel, die Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius zu begrenzen, erreichen zu können, muss die Welt die Nettotreibhausgasemissionen zwischen 2045 und 2060 auf null zurückfahren. Und das wird nur über einen Mix aus Veränderung des eigenen Lebensstils, auf Manches zu verzichten und mit Verboten klappen können. Um der Null im Sport näher zu kommen, beginnen wir doch alle damit, den eigenen CO2 -Abdruck feststellen. Das gibt einen guten Zwischenwert, wo wir eigentlich stehen und welche Aktivitäten die Hauptverursacher sind.

Damit lassen sich dann leichter konkrete Einsparziele festlegen und dann konsequent an deren Umsetzung und dem Einsparen arbeiten und damit einen klimafreundliche(re)n Lebensstil generieren. Welch’ eine Aufgabe und Herausforderung für unsere Zukunft! Nehmen wir sie an! Auch im Sportverein können gemeinsam Einsparziele verfolgt werden. Gerne auch durchaus etwas ambitioniertere! Und wir sind ja doch ganz schön viele im Sport! Deshalb gilt hier ganz im Sinne Stefan Zweigs: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Schritte tun, können das Gesicht der Welt verändern.“ Pardon, MÜSSEN!

(Autor: Prof. Dr. Franz Brümmer war bis zum vorigen Wochenende Präsident des Verbandes Deutscher Sporttaucher. Sein Kommentar erschien zuvor im jüngsten Infodienst SPORT SCHÜTZT UMWELT.)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Gut fürs Klima: Der autofreie Sonntag in Hamburg 2008 wurde auch zu sportlichen Aktivitäten genutzt. Foto: picture-alliance
    Radfahrer fahren am autofreien Sonntag eine Brücker hinunter. Foto: picture-alliance

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