Vereine: Raum für Demokratie

Sportvereine sind mehr denn je eine starke Säule der gelebten Demokratie. Die Frankfurter Tagung zur Gestaltung der sozialen Räume durch und in Vereinen hat das deutlich gemacht.

Vereine sind traditionell demokratisch und international, solidarisch wie selbsttätig. Foto: LSB NRW
Vereine sind traditionell demokratisch und international, solidarisch wie selbsttätig. Foto: LSB NRW

Für viele Menschen ist sportliche Aktivität ein Glücksmoment, kostengünstiges wie rezeptfreies Aphrodisiakum in zunehmend durchrationalisierten Welten. Wohltuende somatische Sensationen und soziale Stabilität produzieren Endorphine und Entlastung von manchen Unbilden des Alltags. Immer mehr Mitbürger entdecken die Vielfalt seiner Möglichkeiten, finden Orte bewegungsfreudiger Umsetzung. Aber keineswegs alle.

Auch deswegen, weil das Gemeinsame in räumlichen Dimensionen belastet wird. Lauter Verkehr und wohnliche Verdichtung mögen noch sportlich bewältigt werden. Individualistische Ansprüche von Anwohnern sind vielleicht tolerant zu umgehen. Ausgrenzungen von Mitmenschen aus anderen Regionen, Religionen, Rethoriken und Rassen sind hingegen mit dem Geist des Sports nicht mehr zu ertragen. Räume sind eben nicht nur gegenständliche Architektur, sondern auch soziale Kommunikation, politisches Handeln und persönliche Empathie. Hass und Herabsetzung insbesondere im Netz nicht.

Nicht zufällig haben sich deshalb in der jüngeren Vergangenheit diverse Organisationen mit der Frage nach sozialen Räumen des Sports beschäftigt. Schon vor einem Jahr thematisierte die zuständige Kommission der dvs „Sport für den Menschen – sozial verantwortliche Interventionen im Raum“. Die professoralen Initiatoren Balz und Bindel fassen im gerade veröffentlichten Tagungsbericht zusammen: „Soziale Verantwortung wird im Kontext von Sport und seiner räumlichen Inszenierung konzeptionell vermehrt mitgedacht“. Ökologisch wie organisatorisch formuliert: Sportvereine bilden keine sozialen Biotope.

Wohl wahr, wie die Liste aktueller Veranstaltungen zeigt. Sie reicht vom Sport in ländlichen Räumen in einer Fachtagung durch den DOSB, der Sportwissenschaftliche Hochschultag der dvs machte es zum Generalthema, das Projekt „Fitness-Locations: Kommunen in Bewegung“ von einer Krankenkasse und Deutschem Turner-Bund eröffnet flächendeckend attraktive Bewegungsangebote  oder der Deutsche Alpenverein betont beim 150jährigen Jubiläum die ökologische Dimension wanderbarer Naturräume. Experten diskutieren den offenen digitalen Sportstättenatlas und die Berliner Erklärung der LSB fordert mehr sportliche Infrastruktur und soziale Nachhaltigkeit. International suchen TAFISA und ISCA in der „Active City“ überall neue Bewegungsplätze.

„Sozialer Raum“ ist auch und zunehmend Politikfeld für die Sportvereine. In ihnen werden gesellschaftliche Konflikte ausgetragen und sie müssen dazu Stellung beziehen. Neu gegründete Kampfsportvereine, verunglimpfender Kommentar eines Vereinspräsidenten, antisemitische Gesten in Stadien, Unterstützungen von Kriegshandlungen in ihren Heimatländern durch prominente Profis sind noch Vorboten, die umgehend klare Antworten von Vereinen, Funktionären, Sportlern und in Choreografien gefunden haben. Dennoch: Bislang demokratisch Selbstverständliches wird vor allem in digitalen Medien bezweifelt.

Derartige Fragwürdigkeiten hat in der vergangenen Woche das seit 2018 bei der Deutschen Sportjugend angesiedelte Netzwerk „Sport und Politik für Fairness, Respekt und Menschenwürde“ offensiv aufgegriffen. In ihm kooperieren u.a. Sportverbände, Ministerien, der Städte- und Gemeindebund, das Bündnis für Demokratie und Toleranz sowie Zusammenarbeit durch Toleranz. Knapp 80 Experten aus Wissenschaft, Verwaltung, organisiertem Sport und Akteuren vor Ort diskutierten intensiv, wie Vereine ihre Aktivitäten im sozialen Raum und als sozialer Raum demokratiefördernd gestalten könnten. Breit und offen wurden Anforderungen, Hindernisse und Lösungen erörtert, Vernetzung der Vereine im regionalen Leben verdeutlicht, Spielräume von Haupt- und Ehrenamt gewogen, das Selbstverständnis als politischer Akteur in der Kommune geschärft.

Eine grundlegende Frage stand im Raum: Muss die Stärkung der Demokratie in die Vereine hineingetragen werden, ergibt sich eine weitere Aufgabe neben Integration, Inklusion, Gesundheitsförderung und Ganztagsbetreuung? Schnell wurde deutlich: Vereine sind traditionell demokratisch und international, solidarisch wie selbsttätig. Ihre Wurzeln liegen im Jahn`schen Turnen und im Olympischen Sport. Auch die begannen in sozialen Räumen.

Auf dem ersten Turnplatz in der Berliner Hasenheide war 1811 – komplett im Gegensatz zu allen streng hierarchischen Organisationen – die Offenheit für alle, die Gleichberechtigung in der Gestaltung der Praxis, die gegenseitige Hilfestellung, die Freiheit der Meinung in der Turnordnung verankert. In den Vereinsgesetzen 1848 und 1949 wurde das als Grundrecht kodifiziert. Der sportliche Wettkampf in der Arena verlangte zuerst Fairness und gleiche Regeln für alle, führte zu respektvoller Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturen und Regionen – heute sind Olympische Spiele friedliche Begegnung von Sportlern aus 207 Ländern und das größte Fest der Menschheit. Der Vereinssport darf selbstbewusst auf seine Wurzeln verweisen, sie gleichwohl bei politischen Klimakrisen tatkräftig neu begrünen. Dazu gehört, dass der soziale Raum auch digital ist. Vereinssport organisiert sich vielleicht bald mehr global als lokal, Kommunikation erfolgt anonym und nicht von Gesicht zu Gesicht. Die 200jährige bewegte Geschichte des Vereinssports gibt Zuversicht, die Zukunft zu bewältigen.

Aktuell zeigt er sich weitestgehend immun gegen Populismus, Fremdenfeindlichkeit, Hetze, Homophobie, sexuelle Gewalt. Vereine, Fangruppen, prominente Spitzensportler, Trainer, Verbandsgremien, Sportjournalisten treten offensiv für die demokratischen Grundwerte des Sports ein. Sportvereine sind mehr denn je eine starke Säule der gelebten Demokratie. Insofern sollte sich ministerielle Politik nicht in Projektmitteln für demokratische Bildung erschöpfen, sondern genauso das traditionelle demokratische Selbstbewusstsein der Vereine sichtbar machen und stärken. Die Frankfurter Tagung zur Gestaltung der sozialen Räume durch und in Vereinen hat das deutlich gemacht. Zur Freude seiner Millionen Mitglieder.

(Autor: Prof. Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Vereine sind traditionell demokratisch und international, solidarisch wie selbsttätig. Foto: LSB NRW
    Frauen und Männer beim Ballspiel in einer Sporthalle. Foto: LSB NRW

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