Von der Verantwortung des Sports

Welchen Beitrag hat der Sport für die Entwicklung einer Gesellschaft geleistet, die sich in den vergangenen drei Jahrzehnten grundlegend verändert hat, fragt Autor Andreas Höfer.

Die wiedervereinigte deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Foto: picture-alliance
Die wiedervereinigte deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Foto: picture-alliance

„Wir Deutschen“, hat Walter Momper gesagt, „sind jetzt das glücklichste Volk auf der Welt.“ Diesen Euphorismus hat der damals in Berlin regierende Bürgermeister am 10. November 1989 dem Kanon gern genommener Zitate für passende Gelegenheiten hinzugefügt. In der vorhergehenden Nacht hatte der „Arbeiter- und Bauernstaat“ namens DDR seinen 1961 installierten „antifaschistischen Schutzwall“, das Symbol einer vermeintlich unverbrüchlichen Teilung der Welt in Gut und Böse, geöffnet und dem Lauf der Dinge nicht weiter Einhalt geboten. Mehr Resignation als Einsicht, war es eine Bankrotterklärung, die sich zugleich als ein Aufbruch in eine neue Zeit voller Verheißungen und Fragezeichen ausnahm. Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen.

Dreißig Jahre ist es her und die seitdem wieder vereinte Nation hat mit Freude und Stolz, vielleicht auch mit gemischten Gefühlen auf besagtes Jahrhundertereignis zurückgeblickt. Doch so legitim und schön es ist, in Erinnerung zu schwelgen, kann und sollte der „runde“ Jahrestag auch als Anlass dienen, einen Blick zurück nach vorn zu werfen. Was ist geworden aus den Optionen der Zeiten-Wende? Was haben wir aus der einzigartigen Gelegenheit gemacht? Und: Was folgt daraus für die nächsten dreißig Jahre? Solchen oder ähnlichen Fragen hat sich auch der Sport zu stellen, will er seinem gesellschaftlichen Gewicht und der damit verbundenen Verantwortung gerecht werden.

Diesbezüglich mag man zunächst konzedieren, dass der Sport jenseits der naheliegenden Vermutung, dass zu den Menschen, die seinerzeit im Osten Deutschlands mit dem Mut der Verzweiflung für ihre Freiheit auf die Straße gingen, auch viele Sportlerinnen und Sportler zählten, keine entscheidende Rolle bei der Durchbrechung der zementierten Grundfesten des weltpolitischen Koordinatensystems zu spielen vermochte. War er doch de facto lange als Mittel und Bühne kalter Ersatz- und Stellvertreterkriege missbraucht und mehr für eine Vertiefung von Gräben und Grenzen als für deren Überwindung in Dienst genommen worden. Dass der Sport aber im Prozess des Zusammenwachsens, des Abbaus der viel beschworenen „Mauer in den Köpfen“ positiv gewirkt hat, wie Präsident Alfons Hörmann neulich in einem Leitartikel in der „DOSB-Presse“ betonte, kann nicht mit dem Hinweis darauf in Zweifel gezogen werden, dass auch nach dreißig Jahren noch manch Trennendes dem Verbindenden gegenübersteht.

Gleichwohl oder gerade deswegen könnte der Jahreswechsel, der im Übrigen auch den Übergang zu einer neuen Dekade markiert, dieses Mal weniger dem ansonsten üblichen Reflex Vorschub leisten, sportlichen Glanzleistungen Reverenz zu erweisen, zumal das Jahr weder in olympischer noch in fußballerischer Hinsicht besondere Duftmarken setzte. Vielmehr von Nutzen wäre womöglich ein selbstkritischer Blick auf die „Einheits-Bilanz“ des Sports in einer übergreifenden Perspektive, eine etwas andere Analyse also von Potenzial, Leistung und Erfolg. Welchen Beitrag hat der Sport in seinen vielfältigen Facetten und Spielarten geleistet für die Entwicklung einer Gesellschaft, die sich in den vergangenen drei Jahrzehnten grundlegend verändert hat und sich weiterhin in einem stetigen Wandel befindet?

Aus BRD plus DDR ist D, genauer gesagt „Team D“ geworden, doch eine simple Addition von Titeln und Medaillen wurde es nicht. Diesbezüglich irrte etwa auch der damals ansonsten noch unfehlbare Franz Beckenbauer. Oder war es nur eine subtile Gemeinheit in Richtung seines designierten Nachfolgers Berti Vogts, als er sich im Sommer 2000 nach dem Gewinn des dritten Sterns durch Andi Brehmes Elfmetertor im Finale von Rom zu der Prognose verstieg, dass die demnächst um den Osten verstärkte Mannschaft bis auf Weiteres unschlagbar sein würde. Ein kaiserlicher Erlass, dem leider, Gott sei Dank, niemand Folge leisten wollte. Dass unser aller Fußball-Kaiser später dann aufgrund anderer Fehlbarkeiten abdanken musste, ist eine andere Geschichte des vereinten Sport-Deutschland.

Doch trotz dieser oder anderer beklagenswerter Fehlentwicklungen, um nicht auf das neueste Kapitel der Chronique scandaleuse in Sachen Doping abzuheben, gilt noch immer die Maxime einer Kampagne, die eineinhalb Jahre nach dem Vollzug der staatlichen Einheit unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten in den Start gebracht wurde: „Sport tut Deutschland gut.“ Auch wenn er nicht als „Reparaturwerkstatt für alle Übel dieser Zeit“ fungieren könne, vermöge er doch, so wurde seinerzeit glaubhaft versichert, einen wirksamen Beitrag zu einer Beseitigung diverser Mängel zu leisten und damit der Gesundheit des Einzelnen und dem Wohlergehen der Allgemeinheit dienlich zu sein. Wenn dies damals, im Jahr 2002, richtig war, dann kann es heute nicht falsch sein.

Wenn nicht der Sport, wer dann, steht für Integration und Identifikation, für Begegnung und Austausch, für Regeln und Werte, für Fairness, Achtsamkeit und Respekt? Ja, auch für Frieden und Verständigung! Dies ist und bleibt, zugegeben, eine Utopie, jedenfalls eine hohe Hürde, die die Möglichkeit des Scheiterns impliziert. So bewegen wir uns, wie vor und wohl auch in dreißig Jahren, in einem stetigen Spannungsfeld von Anspruch und Wirklichkeit, aber auch in der Verpflichtung, das Potenzial zu nutzen, um das Unmögliche immer wieder aufs Neue möglich zu machen. Und wenn, wie damals vor dem Schöneberger Rathaus, unser vielleicht wertvollstes Lebenselixier, nämlich das Glück in Rede steht, dann sollten wir Selbiges nicht dem Staat, der Politik, der Gesellschaft, dem Sport oder anderen diffusen Obrigkeiten überlassen, sondern selbst das Unsrige tun.

„Glück“, hat Hemingway einmal geschrieben, „das ist einfach eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis.“ Ein wunderbares Bonmot, das wohl mindestens zur Hälfte den Kern der Sache trifft. Doch im Blick zurück auf dreißig Jahre Sport-Einheit ist keine Amnesie vonnöten, um positive Gefühle Platz greifen zu lassen. Dabei muss der von Walter Momper im Überschwang des Augenblicks reklamierte Superlativ nicht das Maß der Dinge sein, doch der im aktuellen World Happiness Report der UN verzeichnete Abstieg von Tabellenplatz 15 auf 17 kann auch nicht zufriedenstellen. Jedenfalls bleibt Raum für gute Vorsätze und diese zählen ja zum Kerngeschäft des Jahreswechsels.

(Autor: Andreas Höfer)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Die wiedervereinigte deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona. Foto: picture-alliance
    Einmarsch der wiedervereinigten deutschen Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Barcelona 1992 Foto: picture-alliance

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