Weltkulturerbe Vereinssport

Zu Recht darf man das Vereinswesen als DNA demokratischer Kultur bezeichnen, deshalb sollte man es auch als immaterielles Weltkulturerbe anerkennen lassen, meint Autor Hans-Jürgen Schulke.

Etwa 20.000 Sportvereine in Deutschland bestehen seit über hundert Jahren. Foto: LSB NRW
Etwa 20.000 Sportvereine in Deutschland bestehen seit über hundert Jahren. Foto: LSB NRW

Schon vor über 10 Jahren hat der deutsche Sportwissenschaftler Sven Güldenpfennig wohlbegründet darauf hingewiesen, dass es sich bei den Olympischen Spielen um ein im wahrsten Sinne des Wortes wichtiges Weltkulturerbe handelt – 207 Nationen treffen sich seit nunmehr 120 Jahren zum größten Fest der Menschheit bei friedlichen Wettkämpfen unter einheitlichen Regeln. Das Prädikat scheint so offensichtlich, dass die dieses Weltereignis umfassend wie kritisch begleitenden Medien nur selten auf dieses Charakteristikum hinweisen oder deren Erhalt zur Grundlage aller Erörterungen machen.

Insofern war es zunächst überraschend, als Medienvertreter eine bereits seit längerem vorbereitete Initiative des DOSB entdeckten, nämlich die deutsche Vereinssportbewegung als immaterielles Weltkulturerbe durch die Unesco anerkennen zu lassen. Was nicht überall zu spontaner Begeisterung und Unterstützung Anlass gab, sondern ob der Nähe zu anderen Formen immateriellen Erbes wie dem deutschen Hebammenwesen oder folkloristischen Tänzen Verwunderung hervorrief. Das fand Ausdruck in mitunter ironischen Kommentaren, denn die in Deutschland allgegenwärtigen lokalen Vereine hatte man bislang nicht als „Weltkulturerbe“ identifiziert.

Unbeschadet der Frage, ob man den Hebammen mit derartigen Annäherungen gerecht wird, sind bei der Initiative des DOSB wichtige sport- und sozialpolitische Nachsteuerungen zu notieren. Gerade wegen seiner Allgegenwärtigkeit und Selbstverständlichkeit in unserem Alltag ist das sportliche Vereinswesen herauszuheben. Allzu oft gerät es im Spektakel des medialisierten Sports aus dem Blick.

Da ist zunächst die Historie. Vereine sind eine relativ junge Organisationsform, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts geradezu revolutionär war: Gleichheit aller Mitglieder, Selbstorganisation statt obrigkeitlicher Anweisung, Wahl der Vertreter auf Zeit, Transparenz bei den Entscheidungen. Erst nach über 50 Jahren hat diese Organisationsform ihre rechtliche Kodifizierung in der Frankfurter Nationalversammlung mit Versammlungs- und Vereinigungsrechten erlangt. Die Turnvereine haben daran entscheidend mitgewirkt, später kamen die Sportvereine mit dem auf Internationalität, Fairness und gegenseitigem Respekt ausgelegten Wettkämpfen dazu. Zu Recht darf man das Vereinswesen als DNA demokratischer Kultur bezeichnen.

Der Sport spielt dabei eine tragende Rolle. Das zeigt das heutige Zahlenbild. 90 000 Vereine mit 27 Millionen Mitgliedern sind im DOSB organisiert, etwa 20 000 Vereine bestehen seit über hundert Jahren, die Vereine dürften etwa 70 000 Sportstätten selbst gebaut haben, bieten mittlerweile 180 Sportarten an bis hin zu Tanz und Musik, haben rund 7 Millionen ehrenamtlich Tätige, bilden Hunderttausende in einem komplexen und anspruchsvollen Bildungssystem aus, dokumentieren ihre Aktivitäten in zahllosen Vereinszeitungen und umfangreichen Bibliotheken, organisieren zur Selbstreflektion und Zukunftssicherung große Kongresse – dieses Wochenende fand einer mit über tausend bewegungshungrigen Übungsleitern in Stuttgart statt. Eine beeindruckende organisatorische Leistung aus Selbstorganisation und ehrenamtlichem Engagement, das Seinesgleichen sucht. Und: Mehr an gewachsenem kulturellen Reichtum ist schwer vorstellbar.

Mit seiner Initiative bei der Unesco sendet der DOSB zwei Botschaften aus: Zum einen macht er auf die organisatorische und ideelle Basis seiner vielfältigen Aktivitäten aufmerksam, rückt die dort tätigen Akteure in den Mittelpunkt. Das geht mitunter im aktuellen Ringen um die Spitzensportreform aus dem Blick. Zum anderen reklamiert der DOSB mit seiner Unesco-Initiative bis in den internationalen Raum den politischen Wert des Vereinssports. Dort findet er weltweit Anerkennung, oft Bewunderung. Das kann dazu beitragen, die noch nicht erreichte Anerkennung des Sports als Staatsziel zu erreichen. Die neue Legislaturperiode bietet das an.

(Autor: Prof. Hans-Jürgen Schulke)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


  • Etwa 20.000 Sportvereine in Deutschland bestehen seit über hundert Jahren. Foto: LSB NRW
    Etwa 20.000 Sportvereine in Deutschland bestehen seit über hundert Jahren. Foto: LSB NRW

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