Zum Volkstrauertag: Frieden und Verständigung

Andreas Höfer, Direktor des Deutschen Sport & Olympia Museums, zu Vermögen und Verantwortung des Sports zum Volkstrauertag am 17. November.

DOSB-Vizepräsidentin Uschi Schmitz (m.) bei der Kranzniederlegung an der Gedenkstätte Chatyn. Foto: DOSB
DOSB-Vizepräsidentin Uschi Schmitz (m.) bei der Kranzniederlegung an der Gedenkstätte Chatyn. Foto: DOSB

Wird der Begriff der Trauer bisweilen mit dem der Arbeit und in diesem Reflex auch mit „Leistung“ assoziiert, dann mag dies eine typisch deutsche Befindlichkeit spiegeln und etwa auf eine tief implementierte Befangenheit im Umgang mit Gefühlen hindeuten. Auch wenn der persönliche Eindruck nicht zu einer verbindlichen Einsicht zu erheben, womöglich auch überzeichnet oder gänzlich unzutreffend ist, ist es doch immerhin bezeichnend, wenn wir aus je gegebenem Anlass nicht einfach traurig sein wollen, können, dürfen, sondern „Trauerarbeit leisten“ müssen.

Nun erübrigen sich semantische Gedankenspiele, wenn zum Ausdruck gebracht ist, dass Trauer, vielleicht allgemeingültiger als Erinnerung oder Gedenken verstanden, im individuellen wie im kollektiven Kontext ein ebenso schwieriges wie kulturell bedeutsames Unterfangen darstellt. Dieser Umstand tritt jenseits persönlicher Betroffenheiten turnusmäßig im November ins Bewusstsein, wenn eine Konfrontation mit Tod und Verlust mehr als sonst die permanente Rushhour unserer postmodernen Alltagswirklichkeiten zu durchbrechen vermag.

Als ein zentraler Bezugspunkt fungiert dabei der Volkstrauertag, ein mit Ausnahme von Hessen und Hamburg zwar nicht gesetzlich verbriefter, aber seit den frühen 1920er Jahren mit unterschiedlichen politischen Konnotationen begangener Feiertag. Nun muss man diesen, siehe oben, nicht zwingend zu einem Tag der Arbeit erheben, doch sollte klar sein, dass es sich um einen für Staat und Gesellschaft durchaus bedeutsamen Anlass handelt, um sich mit dem ihnen gebührenden Respekt vor den Opfern von Krieg, Terror und anderweitiger Gewalt zu verneigen. Soll sich aber das gebeugte Haupt nicht als eine bloße Geste, als Selbstzweck oder lästige Pflichtübung erweisen, muss sich der entsprechend konnotierte Blick zurück mit einer Konsequenz im Blick nach vorn, also mit der Frage verbinden: Was folgt daraus? In diesem Sinne ist auch weniger die Art und Weise des Gedenkens von Belang, als dessen Intention.

Der Tradition eines diesbezüglich sinnfälligen Ausdrucks kultivierter Menschlichkeit fühlt sich seit langem auch der organisierte Sport verpflichtet, der dem mit dem Volktrauertag verbundenen Anliegen in den vergangenen Jahrzehnten in unterschiedlichen Formen Rechnung getragen hat. So war es lange eine gute Übung, sich an der großen Glocke – „Ich rufe die Jugend die Welt!“ - vor dem Berliner Olympiastadion zu versammeln, um in getragenen Worten der gewaltsam ums Leben gekommenen Sportlerinnen und Sportler zu gedenken. Blieb die Wirkung des gesprochenen Wortes naturgemäß auf die Zuhörerinnen und Zuhörer vor Ort beschränkt, hat sich der Deutsche Olympische Sportbund zwecks größerer Verbreitung vor geraumer Zeit auf eine Veröffentlichung entsprechender Reflexionen verständigt. Diese verlegten sich neben allgemeingültigen Betrachtungen auf die Würdigung einzelner persönlicher Schicksale, wie das des sinto-deutschen Boxers Johan „Rukeli“ Trollman oder das der Opfer des Anschlags auf die israelische Mannschaft bei den Olympischen Spielen von 1972 in München. Zuletzt wurde die würdigende Aufmerksamkeit dem Leid und den Leidtragenden des Ersten Weltkriegs zuteil.

Wenn in diesem Jahr der Gedanke dahin geht, das Thema einmal aus einer gänzlich anderen, gleichwohl korrespondieren Perspektive zu betrachten, nämlich das friedensfördernde und völkerverbindende Potential des Sports in den Blick zu nehmen, hat sich der Autor der vorliegenden Zeilen das Anliegen gerne zu Eigen gemacht, um sich zugleich in aller Deutlichkeit von den unwürdigen Verlautbarungen vom rechten Rand des politischen Spektrums zu distanzieren, die darauf abzielen, die Verbrechen gegen Menschen und die Menschlichkeit in der deutschen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts zu relativieren oder dem Vergessen anheim zu stellen. In diesem Sinne sei, gleichsam als Präambel der weiteren Ausführungen, zudem betont, dass auch der Sport, genauer gesagt eine Vielzahl seiner Protagonisten, insbesondere im Kontext des Dritten Reiches vielfach eine mehr als unrühmliche Rolle gespielt und in ihren Reihen nicht nur Opfer, sondern auch Täter aufzuweisen hat.

Unbestritten ist aber auch, dass sich der Sport, sagen wir seit Beginn der Neuzeit in seinem Selbstverständnis mehr mit Frieden als mit Krieg, mehr mit Verständigung als mit Ab- und Ausgrenzung verbindet, auch wenn in seiner Genese seit der griechischen Antike der Krieg wenn nicht als „Vater“, dann doch als „Bruder“ aller sportlichen Dinge auszumachen ist, wie der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesministerium der Verteidigung, der gelernte Sporthistoriker Peter Tauber, im neuesten Heft der Zeitschrift „Militärgeschichte“ in einem profunden Beitrag zur militärischen Dimension des Sports kürzlich dargelegt hat.

Tatsächlich ist in der Natur des Wettkampfs eine Ambivalenz von Mit- und Gegeneinander angelegt, die einen Spannungsbogen definiert, der sich so problematisch wie befördernd ausnimmt. Sieg und Niederlage sind zwei Seiten einer Medaille, die sich in der gegenseitigen Abhängigkeit von Gewinnen und Verlieren als eine Ableitung des Wettkampfgedankens wechselseitig bedingen. Von daher erwächst aus dem Prinzip der Konkurrenz zwingend das Gebot des Respekts und einer gegenseitigen Achtung. Wenn der Verlierer nämlich auch seine Würde verliert, dann wird er auch die Lust verlieren, sich dem nächsten Kräftemessen zu stellen, was dem Sieger die Gelegenheit nimmt, seine Meriten zu mehren oder sich seinerseits als guter Verlierer zu profilieren.

Eben diese Prämisse markiert den Kern der Idee des Sports, der ihn von einem vergnüglichen Zeitvertreib zu einem schützens- und förderungswerten Kulturgut befördert. Denn aus seinen Werten – als deren augenfälligster die Fairness zu benennen wäre – erwächst sein Wert, seine Legitimation und die ihm zu Teil werdende Wertschätzung, die wiederum seine Geschäftsgrundlage, nämlich die Voraussetzung für private und öffentliche Investitionen darstellt, ohne die der Sport noch immer die „schönste Nebensache der Welt“ wäre, die er im Übrigen kaum je gewesen ist.

Nichts anderes, als die von ihm proklamierten und mit ihm assoziierten Werte sind es, die den Sport von anderen gesellschaftlichen Kernbereichen, wie der Kultur, aber auch von Politik und Wirtschaft unterscheiden und die Millionen von Menschen dazu bewegt, sich im Sinne der guten Sache zu engagieren, ohne dafür jenseits von „Ehre“ angemessen honoriert zu werden. Wenn damit eine volkswirtschaftliche Wertschöpfung von jährlich schätzungsweise sechs bis sieben Milliarden Euro zu Buche schlägt, entspricht dies einem sportlichen Rekord eigener Art.

Verbindet sich in diesem Sinne Handeln mit Haltung, dann ist dem Sport als einem sozialen und kulturellen Konstrukt eine besondere Bedeutung und Funktion verliehen, ja ein Alleinstellungsmerkmal definiert, das seine Erfolgsgeschichte ganz wesentlich mitbestimmt und erklärt. Indem sich der Sport eben nicht nur durch ein – ebenso umfassendes wie überschaubares – Regelwerk, sondern auch durch – ebenso informelle wie verbindliche – Werte konstituiert, gibt er ein eindrucksvolles Beispiel für die globale Utopie einer friedlichen und besseren Welt, die Hans Küng „Weltethos“ nennt und die Pierre de Coubertin „Olympische Idee“ genannt hat. Die bahnbrechende Innovation des französischen Barons entsprang zum Ende des 19. Jahrhunderts eben nicht allein genuin sportlichen Motiven, sondern auch und nicht zuletzt einem humanen, sprich pädagogischen Impuls. Ihm ging es um „die Jugend der Welt“, um eine neue, weltweit wirksame Option für ihr Recht auf eine gesunde Bildung von Körper, Geist und Charakter, wobei der Sport nicht mehr und nicht weniger als ein Vehikel und Katalysator sein sollte.

Freilich zielte Coubertins Bemühen nicht nur auf das Wohlergehen des Individuums, sondern auf ein friedliches, mindestens von Achtung und Respekt getragenes Zusammenleben im Zeichen von Menschenrechten und Gerechtigkeit und zwar über alle Grenzen nationaler, sozialer, kultureller und religiöser Identitäten und Bezüge hinweg. Und wenn man die Gleichberechtigung der Geschlechter hinzunimmt, mit der sich Coubertin, ganz Kind seiner Zeit, vergleichsweise schwertat, dann offenbart sich eine sportliche Welt, die von gemeinsam wahrgenommener Verantwortung für die Entwicklung und den Schutz einer globalen Wertegemeinschaft getragen wird und die den Rechten von Menschen wie den Bedürfnissen politischer Gemeinwesen gleichermaßen Rechnung trägt. Eine Utopie, die das Attribut „olympisch“ wahrlich verdient.

Natürlich: Mit diesem mehr als ehrgeizigen Anspruch wurde gleichsam das Scheitern programmiert und die Diskrepanz von Anspruch und Wirklichkeit zu einem konstituierenden Merkmal der olympischen Geschichte erhoben. Ein Umstand, den sich Kritiker, nicht selten genüsslich, zu Eigen machen, wenn sie das olympische Gutmenschentum als Scheinheiligkeit zu entlarven versuchen, um mit dem Verweis auf akute Risiken und Nebenwirkungen die vermeintlich gute Sache gänzlich zu diskreditieren. Konzediert man, dass manch hausgemachte Fragwürdigkeit und Fehlentwicklung – um etwa das Stichwort „Doping“ zu vermeiden – den hehren Gedanken in nicht unberechtigten Misskredit bringt, dann lässt sich erklären, warum die Olympischen Spiele hierzulande längst kein Selbstläufer mehr sind, so wie das Bestreben, sich als guter Gastgeber zu bewerben, statt immer nur über andere zu meckern, immer aufs Neue nicht nur am fehlenden Mut zur Courage zu scheitern droht. Doch dies ist ein anderes Thema, das bei einer besser passenden Gelegenheit zu reflektieren wäre.

Führt die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gerade uns Deutschen vor Augen, dass auch der Sport keine Bastion gegen äußere Anfechtungen und innere Verwerfungen darstellt, tritt umso klarer ins Bewusstsein, dass selbst der beste sportliche Wille nicht ausreicht, um die Welt zu bewegen, geschweige denn, sie von ihrer wohl größten Geißel, dem Krieg, zu befreien. Und dennoch oder gerade deswegen darf sich das Ideal nicht der Realität anpassen, nur weil es umgekehrt nicht funktioniert.

Blicken wir dieser Tage mit Freude und Stolz, vielleicht auch mit gemischten Gefühlen auf den Fall oder, besser, die Öffnung der Mauer zurück – bekanntlich war es der 9. November, zugleich, welch bedeutsamer Zufall historischer Vorsehung, der Jahrestag der Reichspogromnacht - dann wird der Sport jenseits der naheliegenden Vermutung, dass zu den Menschen, die mit dem Mut der Verzweiflung für ihre Freiheit auf die Straße gingen, auch viele Sportlerinnen und Sportler zählten, nicht so vermessen sein, seine eigene Rolle bei der nachgerade sensationellen Durchbrechung weltpolitischer Gegebenheiten über zu bewerten. Dass der Sport aber im Prozess der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, bei der Verständigung zwischen Ost und West, also bei der Überwindung der viel beschworenen „Mauer in den Köpfen“ positiv gewirkt hat, wie Präsident Alfons Hörmann in einem Leitartikel in der „DOSB-Presse“ betonte, kann nicht mit dem Hinweis darauf in Zweifel gezogen werden, dass auch nach dreißig Jahren noch manch Trennendes dem Verbindenden gegenübersteht.

Wohl nicht von ungefähr hat der seinerzeit vermeintlich mächtigste Mensch der Welt, der damalige Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, George Bush, in der Euphorie des Augenblicks eine sportliche Metapher gewählt, um seiner mit dem Ende des Kalten Krieges verbundenen Hoffnung Ausdruck zu verleihen. Das Zusammenleben der Völker, führte er am Vorabend des Vollzugs der deutschen Einheit am 3. Oktober 1990 in einer Rede vor der UNO-Vollversammlung in New York aus, sollte in nicht allzu ferner Zukunft den Charakter Olympischer Spiele annehmen und von ungezwungener Freude geprägt sein würde. Ob bewusst oder nicht, knüpfte der Redner damit an eine Einlassung seines Amtsvorgängers Ronald Reagan an, der drei Jahre zuvor bei einem Besuch im damals noch geteilten Berlin in einer vielbeachteten Rede vor dem Reichstag die Vision Olympischer Spiele in beiden Teilen der Stadt heraufbeschwor und seinem sowjetischen Amtskollegen Michail Gorbatschow zurief, das Seinige dafür zu tun, das Unmögliche möglich zu machen.

Seitdem ist viel Wasser die Spree heruntergeflossen und manch Mögliches erscheint noch immer unmöglich. So ist etwa auch Korea noch nicht friedlich-freudig vereinigt, auch wenn beide Staaten ihre ausgewählten Vertreterinnen und Vertreter bei den vergangenen Winterspielen in Pyeongchang – nicht zum ersten Mal übrigens - vereinigt einmarschieren ließen. Auch haben sich die kriegführenden Potentaten dieser Welt bislang dem turnusmäßigen Aufruf des Internationalen Olympischen Komitees in keiner Weise Folge geleistet, wegen und während der Spiele ihr menschensverachtendes Tun zu unterbrechen, wenn nicht gänzlich einzustellen. Doch gleichwohl und gerade deswegen darf das Ausbleiben des finalen Erfolgs nicht als Argument für die Sinnlosigkeit des Bemühens missverstanden werden. Ganz im Gegenteil.

So muss man sich auch nicht dem notorischen Pessimisten Georg Orwell anschließen, der sich im Jahr 1945 (!) in einer britischen Zeitschrift dagegen verwahrte, ständig „über die saubere, gesunde Rivalität auf dem Fußballplatz und die große Rolle der Olympischen Spiele zur Völkerverständigung zu schwadronieren“ und weiter ausführte: „Ich bin immer verblüfft, Leute sagen zu hören, dass Sport Freundschaft zwischen den Staaten schafft und dass, wenn sich nur die kleinen Leute der Welt bei Fußball oder Kricket treffen könnten, sie nicht den Wunsch verspürten, sich auf dem Schlachtfeld zu treffen. […] Wenn man zur unermesslichen Fülle von Feindschaft auf der Welt etwas hinzufügen möchte, könnte man das kaum besser schaffen, als durch eine Reihe von Fußballspielen zwischen Juden und Arabern, Deutschen und Tschechen, Indern und Briten, Russen und Polen sowie Italienern und Jugoslawen, wobei jedes Spiel vor einem gemischten Publikum von 100.000 Zuschauern stattfinden sollte.“

Wenn heute ein sportliches Aufeinandertreffen in den genannten und fast allen anderen Konstellationen sowie die Begegnung besagter und aller übrigen Staaten im Rahmen der Olympischen Spiele nicht nur möglich, sondern selbstverständlich ist, dann ist das eine Errungenschaft unserer Zeit, die es zu bewahren und weiter zu entwickeln gilt. Schließlich ist der Friede ein hohes Gut, geradezu eine Conditio sine qua non eines menschenwürdigen Daseins, und darf von daher nicht dem Lauf der Dinge überlassen werden. Auch wenn, nein, gerade weil aber ein weltweiter und dauerhafter Friede noch in weiter Ferne scheint, muss auch und gerade der Sport die aus seinem Vermögen erwachsene Verantwortung nach Kräften wahrnehmen.

Wenn aber, nach Willi Daume, der Sport das ist, was wir aus ihm machen, liegt es auch und vor allem in unserer Hand. So müssen und können wir als Sportlerinnen und Sportler - so bescheiden er sein mag - unseren je eigenen Beitrag zu Frieden und Verständigung leisten. Dies sind wir uns selbst sowie unseren Kindern und Kindeskindern, aber auch jenen Menschen schuldig, derer wir am Volkstrauertag gedenken sollten. Mögen wir dies nun als Arbeit verstehen oder als eine anderweitig motivierte Herausforderung und Chance.

(Quelle: DOSB/Andreas Höfer)


  • DOSB-Vizepräsidentin Uschi Schmitz (m.) bei der Kranzniederlegung an der Gedenkstätte Chatyn. Foto: DOSB
    DOSB-Vizepräsidentin Uschi Schmitz (m.) bei der Kranzniederlegung an der Gedenkstätte Chatyn. Foto: DOSB

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