Den Inhalt dieser Seite:

Jugend forsch(t): „Ich war jetzt zwei Wochen erwachsen ...“

Bild: Heiner Lehmann - sportseye.de

Welch eine Steilvorlage für den Handball hierzulande: Die Nationalmannschaft hat mit jugendlicher Unbekümmertheit, unglaublichem Teamgeist und einer überragenden Moral die Eigendynamik und selbst ausgelöste Euphorie bei der EM in Polen genutzt und sensationell den Titel geholt. Einer der ‚Helden’: Kiels Eigengewächs Rune Dahmke, der als einziger gelernter Linksaußen unermüdlich das Spielfeld auf und ab flitzte ... – und ein Paradebeispiel dafür ist, dass es sich auszahlt, dem Nachwuchs eine Chance zu geben.

Da saß er nun, der ‚Bad Boy’ – wie sich die Jungs der deutschen Handballnationalmannschaft selbst nennen – und gab ganz brav ein TV-Interview. Erstaunlich sachlich. Abgekämpft war Rune Dahmke, der Shooting-Star des THW Kiel, logisch – nach 363 Minuten Einsatzzeit während der letzten beiden Wochen. Und glücklich, auch logisch – angesichts des soeben auf sensationelle Weise errungenen EM-Titels der DHB-Auswahl. Dahmke versuchte, das Geschehene irgendwie in Worte zu fassen: „Ganzheitlich ist das alles noch nicht zu beschreiben“, sagte das Kieler Eigengewächs. Ganz ruhig, ganz cool. Doch ließ sich erahnen, dass Dahmke nur kurze Zeit später schon wieder durchstarten würde. In Richtung Titelsause nämlich. Wie es sich gebührt. Und gefeiert werden durfte schließlich nach dem sagenhaften Match. „Ich war jetzt zwei Wochen erwachsen“, sagte der 22-Jährige, kurz bevor die TV-Kameras abschalteten. Den Rest konnte man sich denken – oder im Frühstücksfernsehen, in den Talkshows und sozialen Netzwerken während der kommenden Tage nachverfolgen.

Die verstärkte Talent- und Anschlussförderung der Handball-Bundesliga (HBL) und des Deutschen Handballbundes (DHB) greift. Viel früher, als erwartet. Eigentlich sollte die DHB-Auswahl erst 2020 um Olympiagold spielen. Nun ist sie Europameister – und in Rio kein Außenseiter mehr. Dahmke, erst seit letzter Saison mit mehr Einsatzzeiten in Kiel bedacht, weil sich Dominik Klein das Kreuzband gerissen hatte, steht für die neue Generation junger und frecher Handballer aus Deutschland, die in ihren Vereinen endlich mehr Spielanteile und Verantwortung bekommen – und in der Folge auch international besser bestehen können. Geht es nach den Verantwortlichen aus Bundesliga und Verband, ist dies ein unumkehrbarer Trend: Den Talenten eine „echte“ Chance geben. Dahmke, der EM-Debütant aus Mönkeberg, ist eines von ihnen. Aufgrund der Verletzungsserie im DHB-Team – vor allem auch auf seiner Position – wurde er kurz nach seinen ersten Reifeprüfungen beim THW auch zum Nationalspieler. Bei der EM war er so lange wie kein anderer deutscher Spieler im Einsatz.

Der unbeschwerte, aber enorm ehrgeizige Flügelflitzer ist ein Paradebeispiel dafür, was diese Mannschaft in Polen ausgezeichnet und auf die ‚Platte’ gebracht hatte. Eine seltene Mischung nämlich: Erfrischende, ansteckende Unbeschwertheit, aber vor allem einen unglaublichen Siegeswillen, einen überragenden Teamgeist und eine Zielfokussierung, wie man sie Youngstern und EM-Debütanten kaum zutrauen möchte. So unbekümmert und forsch wie möglich und so diszipliniert wie nötig, hatte sich das jüngste Team der EM in einen wahren Rausch gespielt, sich die selbst entfachte Euphorie und Eigendynamik dieses Turniers zu eigen gemacht. Und im Finale selbst den routinierten, abgezockten Spaniern mit bewundernswerter Energie keine Chance gelassen.

Jugendlicher Elan und Begeisterung hatten gesiegt über Erfahrung und große Namen. 24:17 (10:6). Ausgerechnet die mit allen Wassern gewaschenen spanischen Stars erzielten so wenig Tore wie noch kein Team in einem EM-Finale zuvor. Wie sich Torwart Andreas Wolff beinahe 50% ihrer Würfe krallte, wie sich vor allem der Innenblock des DHB-Teams als Blockwunder präsentierte und nebenbei ihr so schwer zu verteidigendes Kreisläuferspiel zunichte machte, wie die spurtstarken deutschen ‚Bengels’ ihnen lange Pässe abknöpften und bei Gegenstößen den Ball aus den Händen tippten  – das hatte die Spanier zunächst aus dem Konzept und dann aus der Fassung gebracht. Gewinnen wollten freilich auch sie – aber nicht so bedingungslos wie das deutsche Team, das nicht nur in diesem Finale ohne die während des Turniers ausgefallenen Steffen Weinhold und Christian Dissinger, sondern auch ohne die Langzeitverletzten Paul Drux, Uwe Gensheimer, Patrick Groetzki und Kiels Patrick Wiencek sowie den zuletzt formschwachen, aber erfahrenen Torwart-Derwisch Silvio Heinevetter angetreten war.

Viele Beobachter und Fachleute mochten in diesem Umstand natürlich ein weiteres Faszinosum, ein weiteres dickes Ausrufezeichen hinter dem Triumph von Krakau erkannt haben – naheliegend. Und tatsächlich: Diese EM zeigte, dass der Fundus an Talenten und Spielern, die ein solches Turnier bestehen können, groß genug ist, selbst die erwähnten Ausfälle zu kompensieren. Ohne nennenswerten Qualitätsverlust, zumindest kurzfristig, für die Zeit eines Turniers. Vielleicht war es ja sogar genau dieser Umstand, der Verlust so vieler Leistungsträger, der in diesem immer noch hochtalentierten, aber vergleichsweise namenlosen  Kader, der Bundestrainer Dagur Sigurdsson übrig geblieben war, ein zusätzliches Ventil öffnete. Eine Haltung und Traute, mit der Außenseiter über sich hinauswachsen können. Eine etwas steile These, gewiss. Aber: Vor allem der nachnominierte und daher frische Kai Häfner mit seinem Tordrang und seiner Dynamik schaffte es, den bei dieser EM bis zu seiner Verletzung stark beanspruchten Kapitän Steffen Weinhold zu ersetzen. Dessen Instinkt und Übersicht für die Situation und den richtigen Pass, die überragende Physis des Kielers, kompensierte Häfner – mit sieben Treffern bester Werfer des Endspiels – durch seine ‚Frechheit’ und Präzision im Abschluss. Ihn hatte, bis auf Sigurdsson natürlich, offenkundig keiner auf dem Radar.

So kam eins zum anderen. Und am Ende hatten die ‚Bad Boys’ des DHB Geschichte geschrieben. Oder besser: Ein Märchen. Stars im herkömmlichen Sinne aber sind die jungen Helden von Polen nicht. Star war und ist die Mannschaft. Die meisten Akteure waren vor dem Turnier der breiten Öffentlichkeit sogar gänzlich unbekannt. Ihren Weg nach oben verfolgten bis dato nur Insider. „Was diesen Erfolg besonders wertvoll macht, ist die Tatsache, dass junge Spieler daran erkennen, dass sich Fleiß und Geduld auszahlen. Dass man so etwas erreichen kann, wenn man akribisch und zielorientiert die einzelnen Ausbildungsetappen zurücklegt und dabei geduldig bleibt. Dafür gibt es in diesem Team ja etliche Beispiele“, sagt Ex-Nationaltorwart Jan Holpert, der an der Flensburg Akademie Basisarbeit leistet. „Außerdem vermittelt dieser Triumph wichtige Werte: Teamgeist, füreinander einstehen, miteinander kämpfen – Alleinunterhalter waren in dieser deutschen Mannschaft nicht gefragt“.

Rune Dahmke, dem 23 Tore bei der EM gelangen, davon vier im Finale – seinem besten Spiel in Polen –, wird vermutlich eine Weile brauchen, bis er realisiert hat, was er und die anderen Youngster des DHB in Polen erreicht haben. Wer zwei Wochen wie in einem Tunnel unterwegs war, wer noch so jung ist, muss solch ein Erlebnis erst einmal einordnen. Gut, dass er und seine Kollegen – die meisten von ihnen hatten noch nie eine EM erlebt – damit nicht schon während des Turniers begonnen hatten. Dafür zu sorgen, war eine Meisterleistung ihres Trainers. Andernfalls hätten den vielen Novizen vermutlich doch häufiger die Knie geschlottert oder die Hände gezittert.  „Ich habe nie großartig nachgedacht“, gab Dahmke zu, um dann mit Blick auf das Finale doch etwas zu relativieren: „Acht Minuten vor Schluss habe ich auf die Anzeige geschaut und gedacht: Ach Du Scheiße, jetzt kann es wirklich passieren“.

Und es passierte. Nicht zuletzt auch, weil auch Coach Sigurdsson kühl blieb, seine Ruhe und Zuversicht auf die Mannschaft übertrug, schaffte diese, was selten zu beobachten ist bei einer derart jungen Gemeinschaft: Das Motto ‚Jugend forsch(t)’ auszuleben – und dabei doch erstaunlich „erwachsen“ zu wirken, wie Dahmke es formuliert hatte.

Genau diese Mischung aus Kühnheit und Coolness lässt den Rückschluss zu, dass die EM-Sensation und die damit verbundene Direkt-Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio sowie die nächste WM abseits aller Jubel-Arien von den Protagonisten richtig eingeordnet werden dürfte. Deutschlands Handballer sind zurück in der Weltspitze. Doch diese ist eng beisammen. Ein paar Tore, ein, zwei Schiedsrichterpfiffe nur, einige Zentimeter oder auch einfach ein Quäntchen Glück können beim nächsten Groß-Event wie schon in Polen gleich mehrere Plätze im Endklassement ausmachen. „Es wird Rückschläge geben“, warnt DHB-Vizepräsident Bob Hanning. Die EM-Helden wissen das. Nach der großen Party geht es nun im Vereinstrikot und im DHB-Dress wieder von vorne los. Auf zu neuen Zielen. Im Vereins-  und im Nationaltrikot. Oder wie Rune Dahmke es in den Minuten nach dem gewonnenen Finale bereits ausdrückte: „Es wäre falsch, jetzt zufrieden zu sein“. Der junge Kieler hat damit gleich auch noch so etwas wie ein Leitmotiv in Sachen Nachwuchsarbeit und Talentförderung mitgeliefert. Er kann nicht nur verdammt gut Linksaußen. Er kann offenbar auch Botschafter.                    

Quelle: Medienmannschaft