Leidenschaft abseits der Medien: Wasserball-Talent Fynn Schütze ist in seinem Element

Fynn Schütze, spielt seit seinem elften Lebensjahr Wasserball. Mittlerweile zählt er sogar zu den Jugendnationalspielern. Bild: Richard Schönebeck / DSV

Ihr Element ist das Wasser – wird über Menschen gesagt, die im Sternzeichen Skorpion geboren sind. Im Fall von Fynn Schütze dürfte es also schon deshalb kein Zufall sein, dass sich der 17-Jährige ausgerechnet als Wasserballer anschickt, eine vielversprechende Karriere zu starten. Dem Jugendnationalspieler aus Hildesheim wurde das große Talent zudem in die Wiege gelegt. Die mediale Aufmerksamkeit ist gemessen am Aufwand gering – doch das stört ihn nicht.

Die Begegnung war erst wenige Minuten alt, da wusste Fynn Schütze schon nicht mehr, wo vorne und hinten war. Eine völlige Orientierungslosigkeit überkam ihn. Und dann dieses schrille Pfeifen im Kopf, das nicht mehr aufhören wollte. Die Szene spielte sich vor drei Monaten bei den Europaspielen in Baku ab. Im Platzierungsduell mit Russland hatte Fynn Schütze das deutsche U17-Nationalteam gerade mit 2:1 in Führung gebracht. Dann setzte ihn sein russischer Gegenspieler Schach Matt. Mit einem fiesen Schlag malträtierte er dem jungen Deutschen das Ohr. „Das war Absicht. Ich hab’s mir später noch mal auf YouTube angeschaut“, berichtet Fynn Schütze. Für den Hoffnungsträger war das Turnier ebenso gelaufen wie für die deutsche Mannschaft: Der Halbrechte des Zweitligisten HSC Hellas-99 beendete den aufregenden Ausflug nach Aserbaidschan mit einem Riss des Trommelfells, die Nachwuchsvertretung des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) mit Rang acht. Die Enttäuschung war groß, die WM-Qualifikation verpasst.

Trotz seines persönlichen ,Fauxpas‘ kehrte Fynn Schütze mit „vielen tollen Erinnerungen“ vom Kaspischen Meer in seine niedersächsische Heimat zurück. Die Kritik an der früheren Sowjetrepublik wegen Menschenrechtsverletzungen und politischen Gefangenen sei im DSV-Team während der Spiele kein Thema gewesen“, berichtete der Gymnasiast. Wie für die meisten der 267 deutschen Teilnehmer stand auch für die Wasserball-Talente der Sport im Vordergrund. „Es war einfach ein super Erlebnis für uns. Durch unsere Akkreditierungen und die einheitliche Kleidung waren wir bei den Menschen in der Stadt sehr hoch angesehen und kamen sofort mit ihnen ins Gespräch. Auch die Organisation der Spiele war perfekt.“ In Deutschland hatte es ein Aufmerksamkeits-Plus nur vor Baku gegeben. Fynn Schütze: „Da war das Interesse groß. Ein Hildesheimer in Baku dabei – das war fast ein kleiner Hype. Aber als ich zurück war, wurde es ganz schnell wieder ruhig.“ Wasserballer, das weiß Fynn, wird nicht, wer berühmt werden will.

Immerhin: Die Anerkennung an seiner Schule, seitens der Freunde und Bekannten ist ihm gewiss. Doch seine Sportart findet eben im Becken statt, nicht auf einer großen Bühne. Wasserball produziert keine Stars, die TV-Tauglichkeit ist begrenzt. Sendezeiten erst recht. Selbst Bundesligaspiele sind nur ein lokales Ereignis. Deutschlands Wasserballer blicken zwar auf eine große Tradition zurück: Olympiasieger 1928, WM-Dritter 1982, Europameister 1989 und Olympia-Fünfter 2004 zieren die Erfolgsliste der Männer-Nationalmannschaft. Die letzte Medaille (Bronze) bei einem Großereignis wurde aber zuletzt bei der EM 1995 gewonnen. Nach 2000 und 2012 könnte das deutsche Herren-Team jetzt erneut an der Olympiaqualifikation scheitern. Es ist für die Protagonisten der ältesten olympischen Mannschaftssportart somit nichts Neues, dass sie sich in den Medien kaum wiederfinden. Den Vereinen fehlen die Mittel, die Spieler so gut zu bezahlen, dass sie ähnlich der großen Wasserball-Nationen wie Kroatien, Ungarn oder Italien professionell trainieren und von ihrem Sport leben können.

Fynn Schütze, der seit seinem elften Lebensjahr Wasserball spielt, interessiert die Historie nur am Rande. Und im öffentlichen Fokus muss er auch nicht stehen, um sich mit seiner Sportart vollends zu identifizieren. Und sich dafür maximal reinzuhängen. Respekt, Unterstützung und Wertschätzung aus dem privaten Umfeld tun dabei freilich schon gut. Klar hätte der Modelathlet mit dem Gardemaß von 1,95 Meter Körpergröße bei 93 Kilogramm auch in einer anderen Disziplin Fuß fassen können. Aber das Wasser gehört in der Familie Schütze zum Alltag wie das Müsli zum Frühstück. Fynns Brüder Noah (15), Linus (13) und Casper (11) tummeln sich ebenso im Becken, wie Mutter Kirsten als Schwimmerin. Und während Vater Rainer ebenfalls vom Wasserball kommt, schmückt indessen Bruder Dirk, ein ganz Prominenter seines Faches, den Schütze-Stammbaum. Zusammen hatte das Geschwister-Duo noch 1983 mit Hellas die deutsche A-Jugend-Meisterschaft gewonnen. 1989 holte Dirk Schütze dann zum ganz großen Wurf aus, als der heutige Ex-Nationalspieler mit Deutschland im eigenen Land EM-Gold gewann.

Nun ist also Sohn und Neffe Fynn an der Reihe, in die großen Familien-Fußstapfen zu treten. Und er ist gewillt. „Ich hatte es anfangs ja auch mit Handball probiert. Aber das hatte sich dann Ende der zweiten Klasse ganz schnell erledigt“, erinnert er sich. „Ich mag es im Wasser zu sein. Und Wasserball ist ein super Sport, weil er so rasant ist.“ Und hart. „Ja, viel härter als Handball. Es wird viel unter Wasser gefoult, was die Schiedsrichter einfach nicht sehen und ahnden können.“ Vorfälle wie die im Baku-Match gegen Russland, Schläge und Tritte in Rücken und Weichteile bringen Fynn Schütze, der mit einem Zweitspielrecht für den Erstligisten Hannover White Sharks ausgestattet ist, dennoch nicht aus der Ruhe. Er charakterisiert sich selbst als eher introvertierten Typen. „Ich denke, ich habe mich immer gut im Griff. Es muss schon einiges passieren, bis ich aus der Haut fahre.“

Derzeit befindet sich Fynn Schütze mitten in der Zweitliga-Saisonvorbereitung. Fünf  bis sechsmal die Woche wird dafür mit der Hellas-Mannschaft im Wasser, zwei bis dreimal im Fitnessraum trainiert. Ein enormer Zeitaufwand in einer Randsportart, die auch bei einer vermeintlichen Profi-Karriere als Herren-Nationalspieler in punkto Ruhm, Ehre und Einnahmequelle eine untergeordnete Rolle spielt. „Klar ist mein Ziel die A-Nationalmannschaft. Viel wichtiger ist vorher aber ein gutes Abi. Von nix kommt ja nix. Weder im Sport noch im Beruf“, sagt der Elftklässler des Hildesheimer Himmelsthür-Gymnasiums. „Ich kann noch so gut Wasserball spielen, aber damit in Deutschland Geld zu verdienen, ist utopisch. Das ist mir bewusst, aber auch kein Problem.“

Kein Wunder, dass sich der 17-Jährige deshalb schon einen vagen beruflichen Plan zurechtgelegt hat. Ein Schelm, wer an dieser Stelle vermutet, Vater Rainer (Neurologe) oder Onkel Dirk (Chirurg) haben vielleicht auch hier ihre Finger im Spiel. „Ich kann mir ein Medizin-Studium gut vorstellen“, sagt Fynn Schütze. Der kann übrigens auch in seiner Freizeit nicht vom Wasser lassen: „Ich mag gerne Wildwasser-Kajak fahren.“ Ein waschechter Skorpion eben – durch und durch.

Quelle: Medienmannschaft

 

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