„Leistungssport wäre ohne Ehrenamt nicht umzusetzen“

Bild: SV Neptun

Hinter jeder Medaille steckt neben dem Sportler auch ein Stab aus Trainern, Betreuern und Helfern. Ohne diese oftmals ehrenamtlichen Förderer und Unterstützer wäre der Leistungssport in vielen Vereinen gar nicht denkbar - so auch beim SV Neptun Aachen. Ein Blick hinter die Kulissen.

Fahrdienst zum Training und Wettkampf, Kuchen backen für den Verkaufsstand in der Halle, die Suche nach Sponsoren: Hinter jedem Erfolg steckt neben dem Sportler und seinem Trainer ein Stab aus Betreuern und Helfern. Viele dieser Unterstützer sind ehrenamtlich tätig; ohne sie wäre der Leistungssport in vielen Vereinen gar nicht denkbar - so auch beim SV Neptun 1910 Aachen.

Mit ihrem hohen Engagement können die dortigen Wasserspringer viel auffangen. Der Heimatverein von Welt- und Europameister Sascha Klein war Bundesstützpunkt, doch 2013 wurde der Status aberkannt, der Verein verlor daher eine große Unterstützung. „Wir wollten aber nicht, dass die Sparte bei uns stirbt“, erinnert sich Anke Marx, die 1. Vorsitzende des Fördervereins. „Daher haben wir gesagt: Wir krempeln selbst die Ärmel hoch.“

Wille und Einsatz führten zum Erfolg: 2017 wurde der Verein mit dem ‚Grünen Band für vorbildliche Talentförderung‘ prämiert. Der Preis ist nicht nur eine Auszeichnung für die hohe sportliche Qualität der Talente, sondern auch eine Anerkennung für das Team hinter dem Team. „Der Leistungssport in Aachen wäre ohne Ehrenamt nicht umzusetzen“, betont Marx. Die Ärztin ist - ebenso wie ihre Kollegen aus dem Vereins- und Abteilungsvorstand - selbst ehrenamtlich tätig.

2009 begannen ihre Kinder mit dem Wasserspringen, ein Jahr später fing auch Marx an, sich im Verein zu engagieren. „Jeder gibt das rein, was er kann“, erläutert sie das Prinzip. Außer den beiden hauptamtlichen Trainern bekommt keiner Gehalt. Rund 80 Personen stehen neben den sechs ehrenamtlichen Übungsleitern auf der Helferliste, der Stamm beträgt 15 Helferinnen und Helfer, die „immer dabei und ansprechbar sind“.

Die Aufgaben sind vielfältig und reichen von der Organisation der Heimwettkämpfe und der Talentsichtung über das Protokoll beim Wettkampf und die Mitgliederverwaltung bis zur Hausaufgabenbetreuung und Sponsorensuche. Dem Verein steht für Übernachtungen bei Lehrgängen und Turnieren zudem ein Anbau zur Verfügung, das Putzen, Wäsche waschen und Betten beziehen übernehmen ebenfalls freiwillige Helfer.

Viele von ihnen sind - wie Marx - Eltern von Springern: „Wenn neue Kinder dazukommen, werden die Eltern als erstes gefragt, ob sie für die Cafeteria bei Wettkämpfen Kuchen backen können“, erläutert die Ärztin. „Bei den Wettkämpfen sehen sie dann, dass die anderen Eltern auch helfen. Viele fragen von selbst, ob sie noch was helfen können. So wachsen sie langsam rein.“ Auch Spezialwissen ist gefragt: Eine Mutter ist beispielsweise als Pharmazeutin tätig und hielt einen Vortrag über Doping. Das Geheimnis des Erfolgs liegt für Marx im Zusammenhalt des Teams. „Wir stützen uns gegenseitig“, erklärt sie. „Jeder kann sich mal eine Auszeit nehmen, das wird dann aufgefangen.“

Blickt man über den Beckenrand hinaus, ist der SV Neptun Aachen jedoch nur einer von 90.025 Sportvereinen (Stand 2016), die deutschlandweit auf das Ehrenamt angewiesen sind. „Ohne ehrenamtliches und freiwilliges Engagement wäre unser Sportsystem nicht lebensfähig“, erklärte bereits DOSB-Präsident Alfons Hörmann. Das lässt sich auch mit Zahlen belegen: Insgesamt 1,7 Millionen Mitglieder engagieren sich in Sportvereinen in ehrenamtlichen Positionen. Zählt man die große Zahl an freiwilligen Helfer/innen hinzu, so sind es über acht Millionen Menschen, die sich im Bereich Sport und Bewegung engagieren.

Entsprechend groß ist die Bedeutung für den DOSB. „Das gesamte Sportvereinssystem baut auf dem Ehrenamt und dem freiwilligen Engagement auf“, unterstreicht Boris Rump. Der DOSB-Referent ist im Bildungsressort des Dachverbandes für genau diesen Bereich zuständig und weiß: „Die Karrieren vieler Sportler - auch vieler Spitzensportler - haben in einem kleinen Verein angefangen, der komplett ehrenamtlich organisiert ist. Aus dieser Breite entwächst eine Spitze; ohne diese kleinen Vereine würde es nicht funktionieren.“

Rump war lange Jahre als Trainer im Fußball und Tennis tätig, er spricht aus eigener Erfahrung - und kennt daher auch die Probleme. „Es wird seit Jahrzehnten über die Krise im Ehrenamt diskutiert - und man muss an vielen Stellen tatsächlich festhalten, dass Ehrenamtliche fehlen“, gibt er zu. Wissenschaftlich werde zudem ein Wandel vom traditionellen Ehrenamt hin zu einem modernen Ehrenamt mit einer persönlichen Kosten-Nutzen-Kalkulation beschrieben. Rump: „Ehrenamt wird inzwischen häufig mit einer Erwartungshaltung verbunden. Darauf müssen sich Vereine und Verbände einstellen.“

Beim SV Neptun Aachen stellt sich diese Frage jedoch nicht. „Es ist aufwendig, es ist total anstrengend, aber es lohnt sich, wenn man sieht, dass die Kinder Spaß und Erfolg haben“,  unterstreicht Marx. „Ich habe im Rahmen dieses Ehrenamts viele Dinge gelernt. Eine Mutter, die Hotelfachfrau ist, hat mir beispielsweise gezeigt, wie man Spannbettlaken ordentlich zusammenlegt.“ Ihr Engagement bereut die Ärztin nicht: „Ich habe viel gegeben, aber ich habe auch profitiert.“

Text: Medienmannschaft