"Der Traum von Olympia steht im Hockey über allem"

Mikrofon statt Hockeyschläger: Moritz Fürste als Laudator für das Grüne Band. Copyright: picture alliance

Olympiasieger, Welt- und Europameister, Euro Hockey League Sieger – und das alles mit 27 Jahren. Im Interview für unsere Website erzählt Hockeynationalspieler Moritz Fürste vom UHC Hamburg, Gewinner des Grünen Bandes 2011, warum er trotzdem ein Spätstarter ist, warum der Talentförderpreis bei seinem Club bestens aufgehoben ist und wie er sich trotz langwieriger Verletzungspause für seine weitere Karriere und das Projekt Titelverteidigung in London 2012 motiviert.

Herr Fürste, im Oktober standen Sie als Laudator bei der Verleihung des Grünen Bandes an fünf Vereine in Hamburg auf der Bühne. Der Beginn einer weiteren Karriere?

Moritz Fürste: Die Bühnenarbeit hat mir großen Spaß gemacht. In der Woche darauf stand ich sogar ein weiteres Mal, bei der Hamburg Soirée, am Mikrofon. Warum also nicht? (lacht) Beim Grünen Band haben mich vor allem die Auftritte der jungen Sportler und die authentischen Vereinspräsentationen begeistert. Da fiel der eigene Auftritt gleich um einiges leichter.

Unter den Gewinnern des Grünen Bandes 2011 ist auch Ihr Verein, der Uhlenhorster Hockey Club. Was zeichnet die Jugendarbeit Ihres Clubs aus?

Moritz Fürste: Der UHC hat unumstritten eine der besten Jugendabteilungen in Deutschland. Vereine wie Mühlheim, Berlin oder Mannheim stehen natürlich mit ganz oben. Aber spätestens seit wir vor etwa zehn Jahren mit unserem neuen Jugendförderkonzept starteten, stehen wir im Nachwuchsbereich immer mit an der Spitze. Zudem schaffen außergewöhnlich viele Talente den Sprung in unsere Bundesliga-Teams. Eine Auszeichnung wie das Grüne Band ist beim UHC also immer bestens aufgehoben.

Worin besteht das Nachwuchskonzept des UHC?

Moritz Fürste: Entscheidend ist unser klares Förderkonzept. Von sechs bis 18 Jahren durchlaufen unsere Kids und Jugendlichen ein festes Programm mit viel Training. Besonders wichtig sind dabei unsere herausragenden Jugendtrainer und das große Engagement der weiblichen und männlichen Bundesliga-Akteure. Wir verfügen einfach über eine hohe Zahl echter Integrationsfiguren – und so lässt sich der UHC-Spirit natürlich optimal auf unseren Nachwuchs übertragen.

Wann beginnt im Hockey-Sport die leistungssportliche Förderung?

Moritz Fürste: Der Schritt zum Leistungssport wird im Hockey relativ früh vollzogen. Etwa mit zwölf Jahren beginnt die intensive leistungssportliche Förderung, inklusive Didaktik, Kraft- und Stabilitätstraining. Am Ende muss aber natürlich jeder selbst entscheiden, ob er den Leistungssportweg gehen will. Der UHC bietet ja eine ungemein große Zahl von Jugendteams auf.

Ist auch die große interne Konkurrenz ein Schlüssel zum Erfolg?

Moritz Fürste: Die Konkurrenz bei uns im Verein ist in der Tat schon in den Jugendteams groß. Dabei gibt es immer wieder Verschiebungen – auch innerhalb einer Altersklasse. Ein entscheidender Faktor ist dabei die Durchlässigkeit: Wer herausragend trainiert und sich schneller entwickelt als andere, kann beim UHC schnell in die Nachwuchs-Eliteklassen vorstoßen.

Wie wichtig ist die zusätzliche Arbeit in den Jugendmannschaften des DHB?

Moritz Fürste: Die Zusammenarbeit zwischen Clubs und Verband funktioniert aus meiner Sicht sehr gut. Ab einem Alter von 14-15 Jahren gehört das Stützpunktraining mit den DHB-U-Mannschaften sicher zu den entscheidenden Faktoren, um es irgendwann an die Spitze zu schaffen. Der besondere Ansporn dabei ist, sich international, aber auch beim Training mit allen deutschen Top-Spielern zu messen. Ihr Debut in der A-Nationalmannschaft feierten Sie mit 21 Jahren.

War es für Sie der optimale Zeitpunkt für den Start Ihrer Nationalteam-Karriere?

Moritz Fürste: Ich war ja eher ein Spätstarter, meine Entwicklung zum Top-Spieler begann erst relativ spät. So habe ich es auch nie in die U-14 oder U-16 Auswahlmannschaften geschafft. Heute stoßen viele Spieler bereits vor Ihrem 20. Lebensjahr zur Nationalmannschaft. Ich sehe darin eine optimale Entwicklung und einen Ausdruck der hervorragenden Jugendarbeit in Deutschland. Und unsere jüngsten Erfolge beweisen, dass die jungen Spieler nicht zu früh den Schritt ins A-Team machen.

Für viele dieser jungen Spieler wird sich schnell die Frage stellen: Sport oder berufliche Karriere? Lässt sich diese Entscheidung im Hockey besonders schwer treffen? Gerade, wenn man die im Vergleich zum Fußball oder auch Handball geringeren Verdienstmöglichkeiten bedenkt.

Moritz Fürste: Für mich sollte die Entscheidung für eine Hockeykarriere immer aus Leidenschaft zu unserem Sport erfolgen. Mit dem Fußball können wir uns sowieso nicht messen. Mein Weg war daher von Anfang an der einer dualen Karriere. Derzeit studiere ich in einem Fernstudiengang Wirtschaftspsychologie in Heidelberg. Wichtig ist es, neben dem Sport viele weitere Kompetenzen zu erlangen.

Mussten Sie nicht dennoch schon erleben, dass große Talente sich gegen eine Hockeykarriere entscheiden?

Moritz Fürste: Dass junge Spitzentalente sich gegen den Sport entscheiden, habe ich nur selten erlebt. Im Hockey ist eher ein Problem, dass Spieler früher in einen Beruf wechseln und dann ihre Karrieren beenden. Besonders nach großen Erfolgen oder schweren Verletzungen kommt dies leider relativ häufig vor.

Sie selbst sind Olympiasieger, Weltmeister, Europameister und haben mit dem UHC auch die Euro Hockey League gewonnen – zudem befinden Sie sich gerade in der Reha-Phase nach einer schweren Knieverletzung. Was motiviert Sie, dennoch immer weiter zu machen?

Moritz Fürste: Weitere Titel sind sicher ein Anreiz, aber für mich stehen Medaillen und Pokale nicht im Vordergrund. Meine Leidenschaft zum Hockey und der Wille, immer, wenn ich auf dem Platz stehe, zu gewinnen – das sind die Dinge, die mich auch in schwierigen Karrierephasen weiter motivieren.

Derzeit dürfte Olympia 2012 in London ein weiterer Faktor sein, oder?

Moritz Fürste: Der „Traum Olympia“ steht im Hockeysport über allem, und zwar schon in jungen Jahren. Wer die ersten Schritte – Bundesliga und Nationalmannschaft – gemacht hat, will natürlich auch beim größten Sportereignis der Welt dabei sein und am besten auch gewinnen. Für mich hat dieses Gefühl auch nach dem Titelgewinn 2008 nicht nachgelassen.

Ist die Titelverteidigung in London also Ihr nächstes großes sportliches Ziel?

Moritz Fürste: Die Titelverteidigung wird sicher kein Selbstläufer. Wir gehen mit einer ganz anderen Mannschaft an den Start als vor vier Jahren, mit vielen jungen Spielern ohne die ganz große internationale Erfahrung. Zudem ist die Leistungsdichte bei Olympia enorm groß. Aber natürlich ist unser Ziel, so weit wie möglich zu kommen und die Medaillenhoffnungen zu erfüllen.

Als Gold-Kandidat erfährt man bei Olympia eine ganz andere Aufmerksamkeit als man es als Hockeysportler gewohnt sein dürfte. Ärgert Sie dieses Ungleichgewicht bei der Medienpräsenz Ihres Sports?

Moritz Fürste: Wir müssen uns eingestehen, dass die Gründe für die schwankende Medienpräsenz durchaus nachvollziehbar sind. Hockey ist ein relativ kompliziertes Spiel mit viel Erklärungsbedarf zu Regeln und Taktik. Die Medien leben nun mal von Zuschauerquoten und Reichweite – daher sind alle Akteure im Hockeysport gefragt, um unsere Situation zu verbessern. Es gibt einige Ansätze, die Darstellung des Hockeys positiv zu verändern. Dennoch liegt es nicht allein in unserer Hand, mehr Medienpräsenz zu erreichen. Ärgern tut mich die Situation aber nicht, es steht am Ende eben nicht in unserer Macht. Das Ziel ist aber für alle Hockeyaktiven immer, den Sport weiter nach vorne zu bringen.

"Das „Grüne Band“ geht in jedem Jahr auch an Hockeyvereine. Wie sehr hilft das gemeinsame Engagement von DOSB und Commerzbank Ihrem Sport?

Moritz Fürste: Der Preis ist ungemein wichtig, eine echte Marke und hat bereits vielen Vereinen geholfen. Sportförderung sollte für noch mehr Unternehmen zum Steckenpferd werden. Das Beispiel Commerzbank zeigt doch, dass Kinder und Jugendliche so schon in frühen Jahren eine positive Beziehung zu einem „Erwachsenen-Unternehmen“ aufbauen. Etwas Besseres kann den Unternehmen, aber auch dem Sport, nicht passieren. In meinem Studium zum Wirtschaftspsychologen stoße ich immer wieder auf solche Ansätze. Für mich ist das ein spannender Bereich – und vielleicht ja sogar ein zukünftiges Berufsfeld.

(Quelle: Gunnar Hassel – Medienmannschaft.de)