Der lange Weg zur Gleichstellung

08.03.2017

Ist der Internationale Frauentag, der am 8. März begangen wird, noch zeitgemäß? Autorin Petra Tzschoppe findet, es gibt noch viel zu tun, auch im Sport.

Ohne Frauen geht es auch im Sport nicht. Foto: DOSB/picture-alliance

Wenn alljährlich am 8. März in Deutschland ebenso wie weltweit gleiche Rechte für Frauen eingefordert werden, fragt so manche(r), ob denn dieser Internationale Frauentag heute noch seine Berechtigung hat. Ja, damals, als er 1911 erstmals begangen wurde, da ging es vor allem um das Wahlrecht für Frauen und überhaupt um gleiche Rechte und Emanzipation. Aber heute?

Auch im Sport war von Gleichberechtigung zu dieser Zeit noch keine Rede. Schauen wir nur auf die Olympischen Spiele der Neuzeit. Der Begründer, Pierre de Coubertin, war ein erklärter Gegner der Beteiligung von Frauen an „seinen“ Spielen. So rügte er just 1911 die „feministischen Schweden“ – so das Protokoll der Sitzung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) – weil sie für die Spiele in Stockholm 1912 Frauen zu Schwimmwettbewerben zugelassen hatten. Erstmals kämpften sie damit bei den Olympischen Spielen um Zeiten und Rekorde. Bis dato waren die Wettbewerbe für Frauen auf wenige Sportarten beschränkt, die den gängigen Weiblichkeitsklischees nicht widersprachen.

Mit der Aufnahme einer so populären Sportart wie Schwimmen in das Frauenprogramm wurde die Tür für weitere Frauenwettbewerbe einen Spalt breit geöffnet. Mit ihrem nicht zu unterdrückenden Interesse, ebenso wie die Männer in verschiedenen Sportarten zu wetteifern, erkämpften Frauen vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen eine zunehmende Beteiligung an den Olympischen Wettbewerben. Unvorstellbar lange – bis 1981 – dauerte es noch, bis erstmals zwei Frauen in das IOC kooptiert wurden.

Mittlerweile ist die zunehmende Beteiligung von Frauen in den Entscheidungsgremien ein Handlungsprinzip des IOC. Aktuell ist mehr als ein Viertel der aktiven IOC-Mitglieder weiblich. Bei den Olympischen Spielen in Rio 2016 markierten mehr als 45 Prozent Sportlerinnen unter den Aktiven einen neuen Rekord, auch die Paralympics verzeichneten mit einem Frauenanteil von 38 Prozent den bislang höchsten Wert. In seiner Agenda 2020 verankert das IOC die Förderung der Gleichstellung der Geschlechter in Empfehlung 11 ausdrücklich, als Ziel wird eine Beteiligung von 50 Prozent Frauen formuliert.

Analog zur Entwicklung im Sport haben sich im vergangenen Jahrhundert in vielen gesellschaftlichen Feldern Veränderungen vollzogen. In Deutschland dürfen Frauen wählen (und sie sollten dieses hart erkämpfte Recht bewusst nutzen), der Zugang zu höherer Bildung ist kein Privileg mehr für einige wenige, vor ihrer Erwerbstätigkeit steht nicht mehr die Zustimmung des Ehemannes. Sie entscheiden selbst, ob und wie viele Kinder sie möchten und teilen sich (wenn auch nicht zu gleichen Teilen) Elternzeiten und Haushalt mit ihren Partnern.

Warum also noch immer ein Tag für die Gleichberechtigung von Frauen? Antworten darauf kann die 2016 veröffentlichte Studie des Weltwirtschaftsforums (WEF) zum sogenannten Gender Gap liefern.

Dieser WEF-Bericht bewertet seit 2005 jährlich die Gleichheit der Geschlechter nach vier Hauptkategorien: Gesundheit, Bildung, politische Teilhabe sowie wirtschaftliche Chancen. Hier offenbart der Blick auf Arbeitsmarktchancen und Löhne eine Kluft von 59 Prozent zwischen Männern und Frauen. Anders formuliert: Frauen haben in wirtschaftlichen Belangen nur gut halb so viele Möglichkeiten wie Männer. Die Experten schätzen, dass diese Lücke frühestens in 170 Jahren überwunden sein wird. Deutschland rangiert im aktuellen Bericht unter den 144 untersuchten Ländern bei den wirtschaftlichen Chancen auf Platz 57, insgesamt auf Position 13.

Trotz aller Fortschritte auf dem Weg zu gleichen Lebenschancen für Frauen und Männer bleibt offensichtlich noch einiges zu tun.

Angesichts des gegenwärtigen Erstarkens rechtspopulistischer Kräfte ist der Kampf um den Erhalt demokratischer Rechte, zu denen selbstverständlich Frauenrechte gehören, aktueller denn je. Mit diesem Anliegen haben Frauen in den USA dazu aufgerufen, den 8. März zu einem „Tag ohne Frauen“ zu machen. Frauen in ganz Amerika sollen nicht an ihre Arbeitsplätze gehen und auch die Hausarbeit ruhen lassen. Einkaufszentren sollen mit einem Konsumentinnen-Boykott belegt werden; einkaufen sollen die Teilnehmerinnen des Protesttages nur in kleinen Geschäften und in Läden, die von Frauen oder Mitgliedern von Minderheiten geführt werden.

Was es im besten Fall bewirken kann, wenn fast alle Frauen eines Landes ihre Arbeit für einen Tag niederlegen, haben die Isländerinnen vorgemacht. 90 Prozent von ihnen haben schon 1975 an einem Tag sowohl die Erwerbs- als auch die unbezahlte Hausarbeit nieder- und damit das öffentliche Leben im Land lahmgelegt. Aktuell steht Island im Global Gender Gap Report in puncto Gleichstellung weltweit auf Platz eins.

Möchten Sie sich für einen Moment die Auswirkungen einen derartigen „Generalstreiks der Frauen“ bei uns vorstellen? Vielleicht auch nur für den Bereich des Sports? In unseren Vereinen fände in vielen Sportgruppen kein Training statt, weil die Übungsleiterinnen fehlten. In den Geschäftsstellen des DOSB und seiner Mitgliedsorganisationen bliebe die Arbeit liegen, denn mehr als die Hälfte der Mitarbeitenden ist weiblich. Und die Medaillenbilanzen an so einem Wochenende sähen deutlich schmaler aus ohne Laura Dahlmeier , Carina Voigt, Cindy Rohleder und all die anderen.

Nein, das ist wirklich kaum vorstellbar. Viel besser ist es, weiter miteinander zu arbeiten. Denn es bleibt viel zu tun. Zum Beispiel die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen auch in Führungspositionen und im Trainerinnenberuf umzusetzen – und eben auch bei gleicher Entlohnung und Anerkennung. Noch hat der 8. März auch im Sport nichts von seiner Bedeutung verloren.

(Autorin: Petra Tzschoppe, ist Dozentin für Sportsoziologie und Sportgeschichte an der Universität Leipzig und DOSB- Vizepräsidentin Frauen und Gleichstellung)

In jeder Ausgabe der DOSB-Presse, die wöchentlich erscheint, gibt es einen Kommentar zu aktuellen Themen des Sports, den wir hier als DOSB-Blog veröffentlichen. Diese mit Namen gezeichneten Beiträge geben nicht unbedingt die offizielle DOSB-Meinung wieder.


 
 

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