Was steht im Dritten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht?

02.03.2016

Im Sommer des vergangenen Jahres wurde der dritte Kinder- und Jugendsportbericht vorgestellt. In einer siebenteiligen Serie werden nun ausgewählte Ergebnisse vorgestellt. (Teil 4)

Im Kinder- und Jugendsportbericht geht es unter anderem um die Frage, welchen nachweisbaren Nutzen eine Sportteilnahme im Kindes- und Jugendalter für Heranwachsende hat. Foto: LSB NRW

Der Kinder- und Jugendsport ist mehr denn je im Wandel. Das ist das wesentlichste Fazit des Dritten Deutschen Kinder- und Jugendsportberichts, der im Sommer letzten Jahres in Essen in Anwesenheit von Bundesinnenminister Thomas de Maizière und Alfons Hörmann, dem Präsidenten des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) vorgestellt wurde. Das sechsköpfige Herausgeberteam mit dem Essener Sportpädagogen Prof. Werner Schmidt als Gesamtleiter hat dem aktuellen 640-seitigen Bericht demzufolge den treffenden Untertitel „Kinder- und Jugendsport im Wandel“ verliehen.

Damit wird auch das Anliegen verfolgt, das Alfons Hörmann in seiner Rede auf der 12. Mitgliederversammlung des DOSB am 5. Dezember 2015 in Hannover anmahnte, indem er dazu aufrief: „Lesen Sie und erarbeiten und analysieren Sie mit uns gemeinsam den aktuellen Kinder- und Jugendsportbericht.“ Unsere Serie soll die vollständige Lektüre des Berichtes zwar nicht vollends , sie kann aber gleichsam als Einladung dienen, dieses und jenes genauer nachzulesen, um den Wandel im Kinder- und Jugendsport noch besser zu verstehen und gegebenenfalls darauf – je nach Standpunkt und Möglichkeiten – sinnvoll und angemessen zu reagieren. Der vierte Teil der Serie beschäftigt sich mit den Forschungsberichten über „Potenziale und Realitäten“ im Kinder- und Jugendsport.

Dieser dritte Teil im Berichtsband enthält insgesamt sieben Aufsätze, die der Reihe nach handeln von: den pädagogischen Potenzialen im organisierten Sport (1), der Integration im Kinder- und Jugendsport (2), von der Partizipation (3), der Inklusion (4), dem Risikofaktor Inaktivität (5), den Effekten der Sportteilnahme (6) und der sexualisierten Gewalt (7) im Kinder- und Jugendsport. Es bleibt der Leserschaft überlassen, was dabei als „gutes“ Potenzial aufzufassen ist bzw. inwiefern hier jeweils „nüchterne“ Realitäten geschildert werden. Auf jeden Fall kommen in den Berichten im Einzelnen bestehende Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit im Kinder- und Jugendsport zum Ausdruck. Dazu im Folgenden knappe Notizen zu diesen ausgewählten Bereichen:

Um die „Pädagogischen Potenziale im organisierten Sport“ geht es in dem gleichnamigen Aufsatz der beiden Sportpädagogen Prof. Ralf Sygusch und Dr. Sebastian Liebl von der Universität Nürnberg-Erlangen. Sie greifen dabei eine „alte“ Handlungsempfehlung aus dem Ersten bzw. Zweiten Deutschen Kinder- und Jugendsportbericht auf, wo anstatt immer neuer Aktionsprogramme vermehrt Evaluationsstudien angemahnt werden, um die Potenziale des (organisierten) Kinder- und Jugendsports freizulegen. Daraufhin werden im Beitrag die Aktivitäten, Interventionsprogramme und Maßnahmen aufgrund einer Dokumentenanalyse der vorliegenden Veröffentlichungen der Deutschen Sportjugend (dsj) zwischen 2004 und 2014 gemäß der von der dsj entwickelten vier Profile (z.B. Erfahrungsraum für Engagierte) ausgewertet. Die Autoren würdigen die zahlreichen Aktivitäten von dsj und deren Mitgliedsorganisationen, attestieren aber auch bestehende Diskrepanzen zwischen Sportwissenschaft und Sportpraxis: „Während die Sportwissenschaft die Potenziale des organisierten Kinder- und Jugendsports im Hinblick auf das Bewegen, Üben und Wettkämpfen untersucht, ist dieses Kerngeschäft in den Themenfeldern und Aktivitäten der Sportverbände deutlich unterrepräsentiert“ (Seite 253). Auch das damals als eine weitere Handlungsempfehlung ins Gespräch gebrachte „Basis-Curriculum“ für alle Fachverbände mit sportartübergreifenden und sportartspezifischen Anteilen scheint es nach wie vor in de Praxis (noch) nicht zu geben.

Im Beitrag zu den sog. „Effekten der Sportteilnahme“, für den der Potsdamer Sportpädagoge Prof. Erin Gerlach verantwortlich zeichnet, wird dezidiert der Frage nachgegangen, „welchen empirisch nachweisbaren Nutzen eine Sportteilnahme im Kindes- und Jugendalter für Heranwachsende hat“ (S. 345). Dabei muss ferner in Anschlag gebracht werden, dass die Nutzenpotenziale mit den Bedingungen korrespondieren, unter denen der Sport stattfindet. Gleichfalls wird unterschieden, „welche“ Heranwachsenden jeweils davon profitieren können. Nutzen und Gelingensbedingungen werden anhand der (sechs) wichtigsten vorliegenden Studien aus dem deutschsprachigen Raum (darunter die: „Tägliche Sportstunde in NRW“ und „Aufwachsen mit Sport“ über einen Zeitraum von zehn Jahren) aufgearbeitet. In der Schlussbetrachtung (Kap. 16.5) wird noch einmal deutlich herausgestellt, dass das sportliche Engagement von Kindern und Jugendlichen durch die Herkunftsfamilie vorgespurt wird. Demnach beeinflusst eine Reihe von sozialen Determinanten (z.B. Wohngegend, Bildungskapital der Familie) die Aufnahme und die Aufrechterhaltung des Sporttreibens.

Sexualisierte Gewalt ist in Deutschland lange ein Tabuthema gewesen – auch im Sport. Erst Medienberichte über bedauernswerte Vorfälle von Missbrauch in pädagogischen Einrichtungen haben das Thema ans Licht gebracht – auch im Sport. Im Beitrag der Kölner Sportsoziologin Dr. Bettina Rulofs werden Forschungsbefunde zu sexualisierter Gewalt im Sport (z.B. zu Häufigkeiten und Formen) vorgestellt und die Konstellationen von Verursachenden und Betroffenen näher beschrieben, bevor u.a. Präventionsmaßnahmen in den vier Handlungsbereichen (Analyse, Prävention, Intervention und Aufarbeitung) skizziert werden und über die Umsetzung innerhalb des organisierten Sports berichtet wird – demnach haben z.B. alle Landessportbünde, aber derzeit nur etwa die Hälfte aller Spitzenverbände das Thema in die verbandliche Ausbildung aufgenommen (Stand 2012).   

Werner Schmidt, Nils Neuber, Thomas Rauschenbach, Hans Peter Brandl-Bredenbeck, Jessica Süßenbach & Christoph Breuer (Hrsg.): Dritter Deutscher Kinder- und Jugend-sportbericht. Kinder- und Jugendsport im Umbruch. Schorndorf 2015: Hofmann Verlag. 640 Seiten; 49,90 Euro.

(Quelle: DOSB/Prof. Detlef Kuhlmann)

 
 

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