Forschungsprojekt zeigt: Doping auch in Westdeutschland

26.09.2011

Der zweite Zwischenbericht der vom DOSB initiierten Gesamtstudie "Doping in Deutschland von 1950 bis heute" ist am Montag (26. September 2011) in Berlin vorgestellt worden.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland gab es zwischen 1972 und 1989 staatlich geduldetes und gefördertes Doping. Foto: picture-alliance

Staatlich geduldetes und gefördertes Doping gab es zwischen 1972 und 1989 auch in der Bundesrepublik Deutschland und nicht nur in der ehemaligen DDR. Zu dieser übereinstimmenden Einschätzung kamen die Forscher der Berliner Humboldt-Universität und der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster im Rahmen der Forschungen zum vom DOSB initiierten Forschungsprojekt über „Doping in Deutschland von 1950 bis heute aus historisch-soziologischer Sicht im Kontext ethischer Legitimation“.

Dieses Projekt soll eine komplexe und unbefangene Geschichtsschreibung fördern und auch die dunklen Seiten nicht aussparen. Das Vorhaben wird vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) finanziert und ist über drei Jahre bis 2012 angelegt. Nachdem die ersten Ergebnisse, die sich mit der Phase des Dopings in der Bundesrepublik von 1950 bis in die 60er Jahre befassten, im vergangenen Jahr in Leipzig vorgestellt worden waren, präsentierten die Forscher am 26. September in Berlin den zweiten Teil mit dem Schwerpunkt auf den 70er und 80er Jahren.

Lehren aus den Ergebnissen ziehen

„Man muss sich mit allem auseinandersetzen, was bei diesen Untersuchungen herausgefunden wird. Wir haben die Verpflichtungen, mit diesen Ergebnissen etwas zu bewirken und unsere Lehren daraus zu ziehen“, sagte DOSB-Vizepräsidentin Professor Gudrun Doll-Tepper.

Zu Beginn wie Professor Michael Krüger von der Universität Münster, neben Professor Giselher Spitzer aus Berlin einer der Projektleiter, darauf hin, dass es sich um keine finalen Forschungsergebnisse handele. Wir hüten uns davor, schon endgültige Ergebnisse vorzutragen, wir sind mitten in der Arbeit, sagte Krüger. Trotzdem stellte der Wissenschaftler fest, dass sich das Bewusstsein zum Thema Doping gerade in der Zeit vor den Olympischen Spielen 1972 in München grundlegend verändert habe. Die Konkurrenz zur DDR sei ein wesentlicher Grund für Doping in dieser Zeit gewesen, sagte Krüger. Es sei zu einer Abkehr von der autonomen und ehrenamtlichen Führung des Sports gekommen. Stattdessen habe sich der Staat als maßgeblicher Akteur in den Spitzensport eingebracht. Um dieses Verhältnis näher zu beleuchten, haben wir geforscht, sagte Krüger.

Missbrauch vor allem von Anabolika-Substanzen

Als Gegenleistung für eine starke Förderung habe man von den Sportlern erwartet, in der Weltspitze zu bestehen. Und damit sei zugleich das Doping im westdeutschen Sport angekommen. Nachdem es in den 50er und 60er Jahren bereits zum Einsatz von anabolen Steroiden kam, sei die Nutzung der Substanzen vor allem in den 70er Jahren extrem gestiegen. Ärzte und Funktionäre waren aktiv und passiv an der Verbreitung beteiligt, stellte Krüger fest, und stützte seine Forschungsergebnisse auf Aussagen von Zeitzeugen und auf Archivdokumente. Ein weiteres Problem sei gewesen, dass auf Anabolika-Missbrauch nur bei Wettkämpfen kontrolliert worden, die Nutzung im Training aber weitestgehend unbemerkt geblieben sei.

Der sportliche Druck, mit dem Klassenfeind DDR Schritt halten zu müssen, sei der Grund gewesen, nicht aggressiv gegen Doping-Missbrauch vorzugehen. Es habe Möglichkeiten gegeben, Doping einzudämmen. „Aber wir haben eher den Versuch gesehen, systemisches Doping zu entwickeln“, sagte Krüger. Dazu sei es aber schließlich doch nicht gekommen, weil beispielsweise die erdrückende Mehrzahl der Sportmediziner strikt dagegen war und vor den Risiken warnte. „Man wird kein vergleichbares Dokument wie in der DDR finden, das zum Doping gezwungen wurde. So etwas gibt es einfach nicht“, erläuterte Krüger: „Von diesen Zuständen sind wir weit entfernt. Aber das Ziel der Untersuchung ist es auch nicht, einen Vergleich zur DDR zu schaffen.“

Staatlich geförderte Forschung mit Testosteron

Weiterhin stellten die Forschergruppen fest, dass Dopingkontrollen von den Verbänden in den 70er Jahren unzureichend umgesetzt worden seien und es auch deswegen gehäuft zu Schwierigkeiten kam. Es gehe nicht darum, mit dem Finger auf die Schuldigen von damals zu zeigen, sondern das große Ganze zu beleuchten, sagte Krüger. Trotzdem führten die Untersuchungen zu dem Schluss, dass der Staat von den Vorgängen im Spitzensport gewusst haben muss. „Es gibt die Vermutung, dass der Staat dahinter stand“, erklärte Krüger.

Das BISp spielte den Wissenschaftlern zufolge in diesem Gefüge eine zentrale Rolle. Die Studie zeichnet ein Bild davon, wie Politiker wohlwollend ihren Segen gegeben haben und wegschauten. Um bei Olympia 1972 in München Medaillen zu gewinnen, seien laut Untersuchung eindeutige Signale aus dem Bonner Innenministerium gekommen, alle Mittel zu nutzen, um erfolgreich zu sein. Neben der Forschung mit Anabolika habe es eine intensive und staatlich geförderte Forschung mit Testosteron gegeben, hieß es in Berlin. „Man kann durchaus von einer staatlich subventionierten Anabolika-Forschung sprechen. Als Begründung wurde oft herangezogen, dass man mit der DDR sportlich auf Augenhöhe sein wollte“, sagte Professor Giselher Spitzer.

Gesundheitliche Gefahren oft heruntergespielt

Erschreckend sei dabei in erster Linie, dass die gesundheitlichen Gefahren des Missbrauchs von den Verantwortlichen immer heruntergespielt und verharmlost worden seien. Stattdessen seien die Sportler mit Sprüchen wie „Ohne Anabolika hast du keine Chance!“ immer wieder zu illegalen Mitteln gedrängt worden. Trotzdem lehnten es die Forscher ab, von flächendeckendem Doping zu sprechen. „Dafür hat es einfach zu viele Lücken gegeben, aber die Dopingraten in Sportarten wie dem Gewichtheben lagen teilweise bei bis zu 90 Prozent“, ergänzte Spitzer.

Wichtig sei bei dem Projekt auch weiterhin eine vorbehaltlose Aufklärung ohne Tabus, sagte Gudrun Doll-Tepper: „Ich bin selbst Wissenschaftlerin und werde mich mit den Ergebnissen beschäftigen. Die Forscher haben bei ihrer Arbeit freie Hand.“ Konsequenzen wird es zunächst aber nicht geben, da die endgültigen Forschungsergebnisse im Jahr 2012 abgewartet werden sollen.

Im Dezember werden die kompletten Zwischenberichte dann auch für die Öffentlichkeit auf der Homepage des Bundesinstituts für Sportwissenschaft zugänglich gemacht. Im Herbst 2012 wird der dritte und letzte Teil der Studie vorgestellt.

(Quelle: DOSB)

 
 

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