1. Deutscher Olympischer Sportkongress war Meilenstein
Der 1. Deutsche Olympische Sport-Kongress endete am Samstagmittag in Berlin mit dem Versprechen, dass der gelungenen Auftaktveranstaltung weitere folgen werden.
„Der Kongress soll jährlich eine feste Größe werden“, sagte DOSB-Präsident Dr. Thomas Bach vor rund 300 Kongress-Teilnehmern. Der Sport brauche solche Ereignisse, „um besser zu verstehen, wie er von außen betrachtet, gewichtet und hoffentlich auch geschätzt wird“. Zwei Tage lang hatten bei der Premiere in der hauptstädtischen Repräsentanz der Deutschen Telekom Politiker wie Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble, der frühere Außenminister Klaus Kinkel sowie Wissenschaftler, Medienvertreter, Sponsoring-Spezialisten, Funktionäre wie DFB-Präsident Theo Zwanziger sowie frühere Athleten wie Rekord-Olympiasiegerin Birgit Fischer, Schwimmer Michael Groß oder Ruderin Meike Evers das Phänomen Sport als „Spiegel und Vorbild der Gesellschaft“ betrachtet. Insgesamt diskutierten zwei Dutzend Experten auf dem hochkarätig besetzten Podium. Friedhelm Julis Beucher, der frühere Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag, würdigte den Kongress unmittelbar vor den Olympischen Sommerspielen in Peking vom 8. bis 24. August als einen „Meilenstein für den Sport“. „Diese Art der Veranstaltung ist richtig und wichtig, um die Grundlagen des Sports in ihrer gesamten Breite zu behandeln.“
So gesehen ist der Meilenstein nun für jedermann sichtbar platziert, und Bachs Hinweis auf weitere Kongresse kündigte die Kreation einer Art von Spiegelkabinett an, in dem sich der Dachverband wie der Sport insgesamt fortan im Jahresrhythmus werden betrachten können. Natürlich soll dies kein Kabinett nach dem Vorbild der Jahrmarktsbelustigung sein mit ihren konvexen und konkaven Zerrbildern fürs persönliche Amüsement. Dem Sport muss es um ein Spiegelkabinett der anderen Art zu tun sein. Um die realistische, sachlich-nüchterne, distanzierte und nachhaltige Reflexion seiner Vorzüge und Schwächen, um die saubere Analyse seiner Antriebskräfte und Hemmnisse, und zwar aus ganz unterschiedlichen Perspektiven. Für diese Drauf- und Einsichten ist kein Spiegel der Welt groß genug, dafür braucht es vieler solcher famosen Instrumente. Ein ganzes Arsenal ist vonnöten. Allein deshalb, weil der Sport mittlerweile in so viele Teilsysteme zerfällt und zergliedert ist, dass er im Grunde ein eigenes Universum mit den herrlichsten, faszinierendsten Erscheinungen des Lichts wie den tiefsten, abstoßenden Schattierungen verkörpert.
Externe Beobachter als große Ressource
Vor diesem Hintergrund war die Debatte beim 1. Deutschen Olympischen Sport-Kongress mutwillig spektral angelegt, um den Sport in möglichst viele seiner Farbnuancen zu zerlegen und in ihnen sichtbar zu machen. Die Palette reichte von den gesellschaftlichen und materiellen Werten des Sports und das Thema Doping als Existenzfrage für den Sport über die Verantwortung der Medien bis hin zur Rolle des Sports für eine friedliche und bessere Welt. Als das besonders belebende Element hat sich die Einbindung autarker Betrachter, Beobachter, Kenner und Begleiter des Sports erwiesen. Bitte mehr von diesen Fachleuten mit ihren profunden (Er)Kenntnissen ins Rennen schicken, so könnte eine der wesentlichen Schlussfolgerungen lauten. Von seinen persönlichen Erlebnissen als Außenstehender berichtete Innen- und Sportminister Schäuble sehr plastisch. Als sein Sohn in der F-Jugend kickte und vom Trainer zur „Schwalbe“ verleitet werden sollte („wenn euch im Strafraum jemand berührt, dann fallen lassen“), sei er sofort eingeschritten. „Wenn ich das noch einmal höre, sind entweder Sie weg oder mein Sohn. Wahrscheinlich eher sie!“, erinnerte Schäuble an sein Einschreiten nach der Devise wehret den Anfängen und wertete dies als probates Mittel auch Kampf gegen Doping.
„Dieser Kongress war ein erster wichtiger Schritt, dem nun weitere folgen müssen“, erklärte der Sportsoziologe Professor Karl-Heinrich Bette und hob die Einbeziehung von externen Diskutanten ausdrücklich hervor. „Wir stehen nicht im Handlungszwang des organisierten Sports. Unser unabhängiger, unverstellter Blick ist eine Ressource, die wir einbringen können.“ Gern hätte man von Bette auf dem Podium etwas mehr gehört zur bislang öffentlich kaum wahr genommenen Antwort auf die Frage, woher der Hang zur Manipulation und zum Betrug mit Doping eigentlich ursächlich rührt. Die nüchterne Analyse der „Handlungsverstrickung“ des Sports inmitten von Massenmedien, die sich verkaufen müssen, Wirtschaftsunternehmen, die ihre Produkte vorzeigen wollen, und eines Publikums, das ständig unterhalten werden will, wäre sicher ein eigenes Kapitel wert. Erst recht gilt das für die Erörterung von Lösungsstrategien. Der Mann aus Darmstadt hat mit seinen Statements zumindest bewirken können, dass Zuhörer die Ohren spitzten und vielleicht die Verszeilen eines Songs von Reinhard Fendrichs fortan noch etwas bitterer belächeln. „Gibt´s a Massenschlägerei, er ist immer live dabei. Wei, mit seim Color-TV, sicht er alles ganz genau“, betätigt sich der österreichische Barde gegenüber dem geneigten Sportkonsumenten in künstlerisch-zynischer Weise als Spiegelvorhalter. „Weltcupabfahrtsläufe machen ihn a bisserl müd, weil, er is abgebrüht. Wenn erm dabei irgendwas erregt, dann nur, wenns einen ordentlich zerlegt. Ein Sturz bei 120 km/h entlockt ihm ein erfreutes ‚Hoppala´. Und liegt ein Körper regungslos im Schnee, schmeckt erst so richtig der Kaffee.“
Olympische Spiele als kostbares Gut bewahren
Als besonders sinnreich wurde im Publikum empfunden, im unmittelbaren Vorfeld der Olympischen Spiele dieses weltweite Ereignis im Rahmen des Kongresses gesondert zu beleuchten. „Mir ist dabei allerdings das Thema Menschenrechte etwas zu kurz gekommen und die Verantwortung des Sports gegenüber all seinen Idealen“, merkte Marianne Heuwagen, die Direktorin des Deutschland-Büros der Organisation „Human Rights Watch“, kritisch an. „Der Sport hat darauf zu dringen, dass alle Verpflichtungen, die ein Ausrichter eingeht, auch eingehalten werden.“ Mit dieser Sicht korrespondierten Ausführungen des Berliner Sport-Philosophen Gunter Gebauer. In der offiziellen Diskussionsrunde erinnerte er daran, dass Olympia ein „großartiges Gut“ sei, das an die Gastgeber in China übertragen wurde. Ergo müsse das Internationale Olympische Komitee (IOC) peinlich genau darauf achten, dass dieses Gut und mithin die olympische Idee, um Beides weiter in die Zukunft tragen zu können, nicht beschädigt werden. „Denn ohne Olympische Spiele wäre die Welt ärmer. Das ist gar keine Frage“, sagte Gebauer.
Während der Philosoph vor allem mahnte, das weltweit prominenteste Sportereignis in seinen ethischen Grundzügen zu bewahren und zu schützen, betonte Willi Lemke, der UN-Sonderberater für Sport, die Vorfreude auf die Tage in Peking und den Charakter der Veranstaltung als „Wert an sich“. An einem Ort Athleten verschiedenster Nationalität, Hautfarbe, sozialer Herkunft, unterschiedlicher Rassen, Religionen und Weltanschauungen zum friedlichen sportlichen Wettstreit zu versammeln, darin bestehe die wunderbare „Kraft der Spiele“, unterstrich der frühere Manager des Fußball-Bundesligisten Werder Bremen und Bildungssenator der Hanse-Stadt. „Doch dem Sport darf nicht zu viel abverlangt werden. Der Sport kann nicht all die Dinge erledigen, die andere nicht erledigen können. In erster Linie sind die Spiele für die Athletinnen und Athleten da. Das ist nicht die Fortsetzung der UN-Versammlung“, fügte er hinzu.
lOlympia als magische Größe für Nowitzki und Co.
Dafür erntete Lemke insbesondere von Seiten der Aktiven große Zustimmung. Ein Weltstar wie Basketballer Dirk Nowitzki und hoch bezahlte Berufssportler führten dieser Tage eindringlich vor Augen, welch magische Anziehungskraft nach wie vor von Olympia ausgeht. Zu Tränen gerührt, feierte Nowitzki mit seinen Mannschaftskollegen in Athen die Qualifikation für das olympische Turnier und erfüllte sich damit einen Lebenstraum. Der brasilianische Fußballprofi Diego ausgerechnet vom Lemke-Klub Werder Bremen riskiert für das Erlebnis Olympia sogar schmerzliche persönliche und arbeitsrechtliche Konsequenzen, indem er sich über das Teilnahmeverbot seines Arbeitgebers hinwegsetzte.
„Es ist nicht schlecht, in dieser Form über den Sport zu sprechen und den Sport in den Vordergrund zu rücken. Das ist ein guter Zeitpunkt dafür“, lobte Meike Evers, die deutsche Athleten-Vertreterin bei der Internationalen Anti-Doping-Agentur (WADA), den Kongress generell sowie nach all den politischen Debatten mit Blick auf Peking zugleich die Fokussierung auf die olympischen Wettkämpfe als Kern der Spiele. Völkerverständigung werde bei dieser Gelegenheit „glaubhaft gelebt“, ergänzte Christian Breuer. „Wie Sportler menschlich miteinander umgehen, das ist unser Beitrag zu einer friedlichen Welt“, sagte der frühere Eisschnellläufer und heutige Sprecher des Beirats der Aktiven. Dies gelte, wie ebenfalls die sechsmalige Olympiasiegerin Birgit Fischer bestätigte, desgleichen für alle anderen internationalen Wettkämpfe. Es gebe Werte, Normen, Regeln und Ziele, die für alle Athleten überall gelten. „Insofern sind sich alle Sportler weltweit sehr ähnlich, ganz egal, aus welchem Land sie kommen“, sagte die beste Kanutin aller Zeiten. Überdies führe Olympia nicht nur in den Stadien und bei den Gastgebern die Menschen zusammen, sondern auch weit davon entfernt in der Heimat. Die friedlichen deutsch-türkischen Feste jüngst bei der Fußball-EM etwa illustrierten eindrucksvoll, über welches Fan-Potential der Sport verfügt. Fan-Meilen, auf denen hunderttausende von Menschen zwischen Garmisch und Usedom Live-Übertragungen von Olympischen Spielen auf riesigen Leinwänden verfolgen und sich bei jedem Medaillengewinn unbekannterweise um den Hals fallen, scheinen indes noch in weiter Ferne.
„Der Kongress war eine gute Auftaktveranstaltung für die Olympischen Spiele. Die Olympiateilnehmer waren am Samstag physisch präsent und wurden von Bundespräsident Horst Köhler persönlich verabschiedet. Stunden wurde über olympische Inhalte und Werte bei einem Kongress reflektiert. Das ist eine ausgezeichnete Symbiose“, befand Dr. Christa Thiel als Sprecherin der olympischen Spitzenverbände. Die Delegation ihres Schwimm-Verbandes war schon am Freitag in Richtung Asien aufgebrochen, andere Teil-Teams warteten buchstäblich bereits am Check-in-Schalter. Ein Umstand, der manchen Funktionär, Trainer oder Betreuer davon abgehalten hatte, so kurz vor dem Abflug noch Muse und Zeit für den Kongress zu finden. „Trotzdem war es gut und richtig, diesen Kongress jetzt durchzuführen. Das ist ein guter Weg, um dem deutschen Sport neue Impulse zu geben“, meinte Professor Arnd Pfützner, der Leiter des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) in Leipzig. „Die Idee, Leute aus verschiedensten Bereichen einmal auf diese Art und Weise zusammenzuführen, ist gut und zu begrüßen“, sagte der Heidelberger Experte für Doping-Prävention Dr. Gerhard Treutlein. „Ich bin dankbar, dass jetzt so eine Plattform hingestellt wurde. Bei allen Diskussionsrunden galt das gesprochene Wort. Jeder konnte seine Meinung offen äußern, das sorgt für Transparenz. Ich hoffe, dass das eine Dauereinrichtung wird“, bilanzierte Hanns Michael Hölz, der Vorsitzende des Kuratoriums der Nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA), und war froh, dass „hier mit uns geredet wurde und nicht wie so oft nur über uns“. Ähnlich äußerte sich Beucher mit Blick auf den Behindertensport. Dass auch ein Mann wie der zweifache Paralympics-Sieger Michael Teuber auf dem Podium hatte Platz finden dürfen, so der frühere Parlamentarier, sei großartig.
„Ich wusste bis gestern gar nicht, was der Sport alles ist“
Der Spagat zwischen Geld und Moral, Hochleistungsathleten und Hobbysportlern, „Fußgängern“ und Behindertensportlern, zwischen Olympischen Spielen und 12. Liga, Doping und vorbildlichem Ethos, zwischen Pay-TV und Lokalsportberichterstattung, so viel ist schon jetzt absehbar, wird bei den nächsten Auflagen des Kongresses nicht aufrecht zu erhalten sein. Anders als beim gelungenen Auftakt, der den Sport sozusagen gleich den Olympischen Spielen in all seinen verschiedenen Disziplinen und Facetten eine Bühne gab und zur Geltung bringen wollte, wird künftig nur wenigen Themen die ausschließliche Aufmerksamkeit gelten können. Eine Beschränkung sei ohnehin angeraten, legte der Kommunikationsberater Dr. Wolfgang Storz den Protagonisten des organisierten Sports in Deutschland nahe. Der ehemalige Chefredakteur der „Frankfurter Rundschau“ gab zu Bedenken, der Sport als Konglomerat vom Leistungssport bis zur Herzsportgruppe, als mediales Schwergewicht, als Teil der Wissenschaft, als nationale Größe mit über 27 Millionen DOSB-Mitgliedern, als Motor in Sachen Leistung, Integration, Spaß und Lebensfreude, medizinische Prävention der Anti-Aging solle sich bitteschön „nicht überethisieren“. „Bis gestern wusste ich gar nicht, was der Sport alles ist“, sagte Storz und warnte davor, er solle bitteschön nicht zu viel sein wollen. Andernfalls bestehe die Gefahr, dass der gesellschafts-politische Gigant, sobald er nicht mehr glaubhaft für seine ethischen Prinzipien stehen und sie nicht mehr garantieren könne, aus einer allzu großen moralischen Fallhöhe schwer abstürzt!
Nachzulesen sein werden die Äußerungen der teils kontroversen verbalen Begegnung in der Berliner Telekom-Zentrale in einer Broschüre, die für den Herbst dieses Jahres avisiert ist. In der Dokumentation über den 1. Deutschen Olympischen Sport-Kongress sollen sämtliche Rede-Beiträge dokumentiert und für die Nachnutzung festgehalten werden. Nicht zuletzt auf diese Weise wird im Nachgang der grundlegenden Intention der Auftaktveranstaltung entsprochen: Anregungen, Ideen und Impulse zu vermitteln, um den weiteren Diskurs innerhalb des deutschen Sports und seines Dachverband zu befördern. Die aktuellen Herausforderungen, Bedrohungen und Erwartungen verlangen danach.












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