Eine neue Vereins- und Verbandslandschaft entsteht nach und nach in der untergehenden DDR (3)

27.10.2009

Der dritte Teil der vierteiligen Serie zu zwanzig Jahren deutsche Einheit auch im Sport von DOSB-Autor Friedrich Mevert beschreibt den Weg der DDR-Betriebssportgemeinschaften zurück zu demokratischen Turn- und Sportvereinen.

Hand in Hand stehen am 15. Dezember 1990 beim Bundestag des DSB in Hannover die Landesverbandsvorsitzenden Professor Dr. Gerhard Junghähnel (Brandenburg), Andreas Decker (Sachsen), Professor Dr. Klaus-Dieter Malzahn (Sachsen-Anhalt), der DSB-Präsident Hans Hansen, und die Landesverbandsvorsitzenden Wolfgang Remer (Mecklenburg-Vorpommern) und Professor Dr. Manfred Thies (v.l.) nach der Vereinigung des deutschen Sports unter dem Dach des Deutschen Sportbundes (DSB).

Es waren neue sportliche Landschaften, die sich nach der Maueröffnung im November 1989 nach und nach im letzten DDR-Jahr überall von der Ortsebene bis in die DTSB-Führung hinein entwickelten. Davon ausgenommen war fast nur der DTSB-Bundesvorstand selbst. Zwar reihten sich in den Wochen und Monaten nach der Wende Sitzungen, Klausurtagungen und Pressekonferenzen der bisherigen DDR-Führungskader des Sports nahtlos aneinander, doch bei den Erklärungen von der „Erneuerung des DTSB im Prozess der Wende“ handelte es sich mehr oder weniger um „Luftblasen“, denn auf Kritik von innen und außen wurde, so Michael Barsuhn, Mitarbeiter im Arbeitsbereich Zeitgeschichte des Sports der Universität Potsdam, „nach altbewährtem Muster regiert: Was nicht ins Bild passte, wurde unterdrückt“. Zwar wurden die ehemaligen personellen Führungsspitzen des DTSB schließlich auch am 27. Januar 1990 aus dem DTSB-Bundesvorstand entfernt. „Dieser bestand jedoch weiterhin zu 93 Prozent aus SED-Mitgliedern“, so Barsuhn in der Potsdamer „Chronik der Sporteinheit“.

Währenddessen lösten sich im Lande mehr und mehr Betriebssportgemeinschaften (BSG) von ihren Trägerbetrieben, besannen sich auf ihre oft noch bekannte Vergangenheit vor den beiden Diktaturen in Deutschland seit 1933 und gliederten sich zu demokratischen Turn- und Sportvereinen zurück. Nur in wenigen Fällen wurden die Einheitsnamen wie Turbine, Lokomotive, Empor, Aufbau, Wismut, Einheit oder gar das Stasi-belastete Dynamo beibehalten.

Wo immer es möglich war, wurden die alten Vereinsnamen aus der Vergangenheit wieder angenommen oder aber neue gewählt. Viele Probleme bereitete es allerdings, die überproportional großen hauptamtlichen Strukturen in den Bereichen der Verwaltung und Organisation - von der BSG bis zur Verbandsebene - sowie bei den Trainings- und Übungsleitungen nach und nach auf eine ehrenamtliche Basis umzustellen.

Doch auch dabei wurden über die immer mehr entstehenden Kreis- und Vereinspartnerschaften mit dem „Westen“ sowie über die vom DSB in der Führungs- und Verwaltungsakademie in Berlin und von einigen Landessportbünden eingerichteten Beratungsstellen Hilfestellungen geleistet. Deutlich zeigte sich aber auch bald, dass die DTSB-Statistiken über den sportlichen Organisationsgrad in der DDR „geschönt“ worden waren. Während in den Flächenländern der alten Bundesrepublik durchschnittlich ein Drittel der Bevölkerung in Sportvereinen organisiert war, ermittelten die Potsdamer Sportwissenschaftler z. B. für den Bereich Stadt und Umland von Potsdam - ohne Angler, Armee und Polizei - einen sportlichen Organisationsgrad von nur 13% der Bevölkerung. Noch heute weisen die jährlichen Statistiken des DOSB - bzw. früher DSB - erhebliche Unterschiede bei den Zahlen in den sogenannten alten und neuen Bundesländern aus.

Auch auf der DDR-Ebene meldeten sich von Jahresbeginn 1990 an mehr und mehr Vertreter derjenigen Sportarten zu Wort, die - wie z. B. Karate, Triathlon oder Golf - in Ostdeutschland bisher keine eigenständigen Verbandsstrukturen besaßen. Im Spitzensport erfolgreiche DDR-Verbände - wie die Ruderer, Schwimmer und andere - beschlossen, künftig neben dem Leistungssport auch den Breitensport stärker zu fördern, und der Deutsche Skiläufer-Verband der DDR machte sich zur Aufgabe, neben den bisher ausschließlich geförderten medaillenträchtigen nordischen Disziplinen künftig auch den alpinen Skisport stärker zu unterstützen.

Vertreter der jeweiligen Sportverbände beider Staaten - als erste die Fußballer bereits am 1. Dezember 1989 in Berlin - vereinbarten wie die Eishockeyspieler, Basketballer, Radsportler, Handballer, Eissportler und Sportfischer schon vor Weihnachten 1989 eine engere Zusammen-arbeit zwischen ihren Organisationen und Untergliederungen, weitere Sportverbände folgten ab Januar 1990.

Zahlreiche neue Verbände wurden in der DDR noch im ersten Halbjahr 1990 ins Leben gerufen, so am 13. Januar der Deutsche Kraftsport- und Bodybuilding-Verband der DDR, am 7. Februar der Deutsche Gehörlosen-Sportverband der DDR, beide in Berlin, am 17. Februar der Musik- und Spielleuteverband der DDR in Halle, am 24. März der Deutsche Orientierungsläufer-Verband der DDR in Bad Blankenburg, am 10. April der Deutsche Wasserski-Verband der DDR in Potsdam, am 12. April der Deutsche Eishockey-Verband der DDR in Weisswasser, am 21. April der Deutsche Golf-Verband der DDR in Dresden und am 28. April der Bund Technischer Sportarten als Nachfolger der vormilitärischen Gesellschaft für Sport und Technik (GST).

Auch neue sportpolitische Entwicklungen wurden vom DTSB „aus dem Westen“ übernommen: Am 23. Januar 1990 wurde im DTSB erstmals eine Athletenkommission aus den gewählten Sprechern der Verbände in Leben gerufen, am 11. Februar 1990 eine Arbeitsgruppe zu einem Problemkreis berufen, das bisher in der DDR keine Beachtung gefunden hatte, nämlich Sport und Umwelt, und als Vertretung der sporttreibenden Kinder und Jugendlichen gegenüber staatlichen und gesellschaftlichen Institutionen gründete sich mit Unterstützung der Deutschen Sportjugend am 31. März in Berlin die „Sportjugend der DDR“. Und auch das gab es bereits im Februar 1990: Auf der Kanarischen Insel Gran Canaria absolvierten die Fußballteams von Dynamo Dresden und des Hamburger SV ein gemeinsames Trainingslager.

Auch auf der regionalen Ebene begann im Frühjahr 1990 die demokratische Umgestaltung der bisher zentralistisch geführten Sportorganisation parallel zu den politischen Beratungen zur Wiedereinführung der alten Länder. Schon am 28. Februar trafen die DTSB-Bezirksvorstände von Cottbus, Frankfurt (Oder) und Potsdam gemeinsam erste Überlegungen zur Gründung eines Landessportbundes in einem künftigen Land Brandenburg, und am 19. April stellte der DTSB-Bezirksvorstand Potsdam seine Tätigkeit ein. Präsident des neuen Bezirkssportausschusses wurde Prof. Dr. Gerhard Junghähnel.

Erste Landesfachverbände wurden gegründet, so z. B. am 25. April in Leipzig der Judo-Verband Sachsen und am 12. Juni in Bad Blankenburg der Thüringer Fußball-Verband aus den bisherigen Bezirksfachausschüssen Erfurt, Gera und Suhl.

Zuvor war bereits beim ersten demokratisch vorbereiteten und durchgeführten Verbandstag des ostdeutschen Fußballs am 31. März der Magdeburger DDR-Olympiatorwart von 1964 und spätere DSB-Vizepräsident, Dr. Hans-Georg Moldenhauer, in einer Kampfabstimmung zum Präsidenten des Deutschen-Fußball-Verbandes der DDR gewählt worden. Vier Wochen später fanden am letzten April-Wochenende insgesamt zehn sogenannte Wende-Verbandstage von DDR-Sportverbänden statt, in denen die bisherigen Führungskader abgelöst wurden, und eine Woche später, am 5. Mai, acht weitere Verbandstage, in denen allerdings vier Präsidenten in ihren Ämtern erneut bestätigt wurden.

Noch vor der staatlichen Vereinigung am 3. Oktober 1990 begannen bereits im September die Zusammenschlüsse bei den deutschen Spitzenverbänden. Am 3. September traten die Modernen Fünfkämpfer aus der untergehenden DDR dem Deutschen Verband für Modernen Fünfkampf der Bundesrepublik bei, am 9. September folgten die Golfsportler und die Turner und am 11. September die Eishockeysportler. Wenige Tage darauf wurde am 15. September in Potsdam mit Präsident Prof. Dr. Gerhard Junghähnel an der Spitze mit dem Landessportbund Brandenburg der erste ostdeutsche LSB gegründet.

Am 27. September folgten die Konstituierungen der vier weiteren ostdeutschen Landessportbünde Mecklenburg-Vorpommern (Präsident bis heute Wolfgang Remer), Sachsen (Präsident Andreas Deckert), Sachsen-Anhalt (Präsident Prof. Dr. Klaus-Dieter Malzahn) und Thüringen (Präsident Prof. Dr. Manfred Thieß). Am 26. Oktober 1990 übergaben die fünf ostdeutschen LSB-Präsidenten im Rahmen der Herbsttagung der Ständigen Konferenz der Landessportbünde in Hannover an DSB-Präsident Hans Hansen die formellen Anträge für die Aufnahme in den Deutschen Sportbund.


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