Journalisten-Nachwuchspreis: Der Traum vom Gold

15.03.2017

Mit diesem Beitrag gewann Nadine Cibu den vom DOSB geförderten Nachwuchspreis des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) zum Thema „Olympische Werte“.

Die Disziplin der 19-jährigen Marwa Bouzayani ist der Hindernislauf.

Stabhochspringerin Dorra Mahfoudhi ist in einem toleranten Umfeld aufgewachsen.

Habiba Ghribi ist ein Vorbild für junge Tunesierinnen. Fotos: Nadine Cibu

Der Traum vom Gold

Vom Aschenputtel zur Prinzessin, aus der Armut zur gefeierten Sportheldin – für die Teilnahme an den Olympischen Spielen kämpft die Tunesierin Marwa Bouzayani jeden Tag auf- und abseits der Tartanbahn

Marwa Bouzayanis helles Seidenkopftuch färbt sich an den Seiten dunkelgrün. Den Schweiß wischt sie mit dem rechten Ärmel ihres Langarmshirts weg. Die Sonne brennt auf die Tartanbahn im Leichtathletikstadion in Rades. Und auf die Haut der anderen fünf Hindernisläuferinnen, die knappe Shorts und T-Shirts tragen. Bouzayani spürt die Strahlen nur auf Gesicht und Händen. Nervös zupft sie an dem roten Überzieher, den sie über ihrem Shirt trägt. Ein weißes Stoffschild klebt darauf: Tunisie, 326. Bouzayani leuchtet rotweiß, in den Farben ihrer Landesflagge. Sie atmet ein letztes Mal tief aus. Dann bringt sie ihre Arme und Beine in Startposition für den 3000-Meter-Lauf. Knall. Bouzayani rennt los.

Nur eines von sechs Geschwistern konnte weiter in die Schule

Auf den Wiesen rund um die Südseite des offenen Stadions liegen junge Tunesier und feuern ihre Freunde an. Über die Nordseite erstreckt sich eine weitläufige Tribüne. 3000 Menschen hätten Platz. Es sind die Mittelmeerspiele, doch nur ein paar Dutzend Zuschauer haben den Weg nach Rades auf sich genommen. Die Einheimischen nennen das Gelände die nationale Sportstadt. Es wurde gebaut, damit das nordafrikanische Land Veranstaltungen austragen kann, die für den Zusammenhalt des Volkes stehen. Als ein Zeichen gegen Extremismus und Terrorismus. An diesen Leichtathletik-Mittelmeerspielen nehmen Sportler unter 23 Jahren teil. Sie sind aus Ländern der Mittelmeerregion wie Spanien oder Griechenland angereist. Die Disziplin der 19-jährigen Marwa Bouzayani ist der Hindernislauf. Erst Ende der fünfziger Jahre wurden Tunesierinnen allmählich in den Schulsport integriert. Ein knappes Jahrzehnt dauerte es, bis sich Sportlerinnen in die Weltspitze vorgekämpft hatten und öffentlich wahrgenommen wurden. Mittlerweile sind Frauen und Männer im Sport gleichwertig. Dennoch müssen Tunesierinnen noch immer gegen konservative Rollenverständnisse kämpfen. Besonders in ärmeren Regionen des Landes sind Frauen den Männern untergeordnet. Die fehlenden finanziellen Mittel hindern sie daran, sich eigene Ziele zu stecken. Für Bouzayani war die Leichtathletik eine Chance, der Armut zu entkommen. Bei ihren zwei Schwestern und drei Brüdern reichte das Geld weder für eine weiterführende Ausbildung noch für eine sportliche Karriere. Als Jüngste konnte sie mehr erreichen.

Ein Sieg veränderte Marwas Leben

Bouzayani läuft auf den Wassergraben zu. Es ist die zweite Runde und sie liegt in Führung; mittlerweile ist es knapp 30 Grad heiß. Die Italienerin läuft nur eine Schrittlänge hinter ihr. Die beiden Jungathletinnen biegen um die Kurve und rennen auf das Hindernis zu. Bouzayani kann nicht mithalten: Ihre Konkurrentin läuft als erste durch den Wassergraben. Marwa Bouzayanis erste Hürde war ein verpasster Bus. Sie war elf Jahre alt und wollte am jährlichen Schulsportwettbewerb mitmachen.

An diesem Vormittag kam sie zu spät. Das Schulgelände war leer. Den ganzen Heimweg über weinte das Mädchen. Zuhause nahm der Vater seinen „kleinen Pudel“ – so nennt er sie bis heute – in den Arm und sagte: „Nächstes Jahr begleite ich dich.“ Er hielt sein Versprechen: Ein Jahr später lief die Zwölfjährige zum ersten Mal eine Strecke von 1500 Metern – und wurde Erste.

Eine Leidenschaft, zwei unterschiedliche Sportlerinnen

Dritte Runde. Die Algerierin nähert sich. Sie versucht zu überholen. Bouzayani zieht an. Vor ihr liegen noch zwei Runden. Sie kneift kurz die Augen zu, vor sich noch immer die Italienerin. Sie muss sich konzentrieren. In der Ferne vermischen sich die Jubelrufe „Los, Marwa!“ zu einem rhythmischen Sausen. Vom grünen Hügel aus verfolgt eine junge Frau das Rennen. Sie ist Stabhochspringerin im tunesischen Nationalteam. Ihr schwarz gelocktes Haar trägt sie offen, die Aufschrift Tunisia ziert ihr enges, weißes Tanktop. Dorra Mahfoudhi kennt Bouzayani nicht persönlich. Nur die Leidenschaft für den Sport und der Traum vom olympischen Gold verbinden die jungen Frauen. Sonst könnten beide nicht unterschiedlicher sein.

Die 23jährige Mahfoudhi gehört zu den jungen Tunesierinnen, die in einem toleranten Umfeld aufgewachsen sind. Die Selbstbewusstsein und Stolz ausstrahlen. Mahfoudhis Französisch ist fließend. Ihre Gesten sind ruhig und bedacht. Zwischen Männern und Frauen sieht sie keinen Unterschied. Mahfoudhi fühlte sich von ihren Eltern nie benachteiligt. Ihre Brüder mussten genauso im Haushalt mithelfen wie sie. Dennoch bewertet Dorra Mahfoudhi die Herausforderungen für arabische Frauen im Sport kritisch. Als junge Stabhochspringerin musste sie sich ihren männlichen Trainern unterordnen. Bei internationalen Wettkämpfen verboten sie Mahfoudhi, mit Jungen ihres Alters zu sprechen. Oft wollte sie ihren Standpunkt erklären. Mitteilen, dass sportliche Veranstaltungen ihr die Chance bieten, von anderen Kulturen zu lernen. Niemand wollte ihr zuhören.

Mit 23 Jahren lässt sich Mahfoudhi nicht mehr unterdrücken. Sie wisse genau, wie sie mit diesen Menschen umzugehen habe, was sie ihnen entgegnen würde: „Ich bin frei, ich kann mich unterhalten, mit wem ich will. Wenn die meinen, dass ich dadurch jemandem schade, dann ist das ihr Problem. Wir haben nicht die gleiche Mentalität!“

Zwischen Schule und Karriere als Sportlerin

Die Italienerin läuft nur eine Nasenlänge vor ihr. Bouzayani ergreift die Chance. Sie beschleunigt. Beide Frauen biegen um die Kurve. Bouzayani schiebt sich an ihrer Gegnerin vorbei. Noch eine Runde. Ihre Fans feuern sie noch lauter an. Nur ihr Vater fehlt. Marwa Bouzayanis Vater ist Landwirt, sein Geld reichte nicht für die Reise. Wenige Stunden nach dem Hindernislauf muss Bouzayani den zweiten Teil ihrer Abiturprüfung machen. Die erste Hälfte hat sie vor knapp 18 Stunden bewältigt. In Sidi Bouzid, das 280 Kilometer von Rades entfernt liegt. Bouzayani pendelt seit acht Jahren zwischen Schule und Sportplatz. Doch aufgeben will sie nichts von beidem, kann sie nicht. Als Einzige in der Familie hatte sie das Privileg, die Schule weiterzuführen.

Habiba Ghribi, ein Vorbild für junge Tunesierinnen

Die letzte Runde. Mit aller Kraft hält Bouzayani ihre Geschwindigkeit. Doch die algerische Läuferin überholt sie kurz vor der Ziellinie. Bouzayani lässt sich auf die Tartanbahn fallen. Verdeckt mit beiden Armen die Augen. Einige Minuten liegt sie einfach da. Bouzayani weiß in diesem Moment noch nicht, dass ihr zweiter Platz zur Qualifikation für die Jugendweltmeisterschaft gereicht hat. Bei den Juniorweltmeisterschaften nahm früher auch Bouzayanis Idol teil, Habiba Ghribi. Für viele junge Tunesierinnen ist sie ein Vorbild. Sie verkörpert Kampfgeist und Durchhaltevermögen und lebt den Traum der jungen Läuferin Bouzayani. Auch Ghribi trainierte zeitweise im Stadion von Rades. Die mittlerweile 32jährige befreite sich aus den armen Verhältnissen ihres Heimatortes Kairouan und kämpfte sich zu den Olympischen Spielen in London 2012 durch. Heute setzt sich Ghribi dafür ein, dass die gesetzlich bestimmte Gleichberechtigung in der Gesellschaft umgesetzt wird, auch im Sport. Dass keine extremistischen Ansichten gewinnen. Dass sich arabische Sportlerinnen bei Wettkämpfen frei bewegen können. Ghribi wurde wegen ihres freizügigen Outfits bei den Olympischen Spielen in London mit Hasskommentaren von radikalen Islamisten überschüttet. Auf sozialen Netzwerken wurde gegen die Sportlerin gehetzt: Sie beschäme die tunesische Frau, wurde behauptet. Man solle ihr die Staatsbürgerschaft entziehen. Die 32jährige ließ sich nicht beirren. 2015 wurde Ghribi zur arabischen Frau des Jahres gewählt. Und das in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Habiba Ghribi repräsentiert das neue Tunesien. Jemanden, der sich bei jedem öffentlichen Auftritt für die Rolle der tunesischen und arabischen Frauen stark macht. Auf der Pressekonferenz vor dem Start dieser Leichtathletikspiele sagte die Olympiasiegerin: „Ich widme meine Medaille den tunesischen Frauen. Und ich bin stolz, die tunesischen und arabischen Frauen mit Würde zu repräsentieren.“

Zwei Männer unterstützten Bouzayani

Der Traum vom Gold kam Marwa Bouzayani erst vor einigen Jahren. Die Zwölfjährige besuchte damals seit kurzem ein Internat. In ihrem kleinen Heimatdorf gab es keine weiterführenden Schulen. Ihr Vater sparte noch mehr, um das nötige Geld für seine Tochter aufzutreiben. Wenn Bouzayani über diese Zeit spricht, zieht sie ihre Mundwinkel nach unten. „Es war schon hart, mich von meiner Familie zu entfernen“, sagt sie, „doch ich hatte keine andere Wahl“. Einmal in der Woche nahm ihr Vater den Bus und besuchte sie. Anrufen konnte er sie damals nicht. Es gab keine Telefonleitungen.

Ihr Sportlehrer und künftiger Trainer erkannte Bouzayanis Potenzial. Er hatte nur ein Ziel: sie in das Zentrum für Leichtathletik zu schicken. Bouzayani wollte nicht. Ihre Zweifel und die 50 Kilometer Entfernung zu ihrem Vater waren zu viel. Doch ihr Trainer gab nicht auf. „Dein Papa muss für das Zentrum keine Gebühren zahlen“, erklärte er. Das war das entscheidende Argument. Sie lächelt, wenn sie sich an das darauffolgende Gespräch erinnert. „Baba, ich möchte gehen“, bettelte sie. Ihr Vater schwieg. Dann nahm er sie in den Arm und sagte: „Ich liebe dich. Hau schon ab.“

Bouzayani steht auf der zweiten Stufe der samtüberzogenen Siegertreppe. Ihr wird eine Silbermedaille um den Hals gehängt. Tränen laufen über ihre Wangen. Mit beiden Armen hält sie die tunesische Flagge hoch. Durch die Lautsprecher ertönt jedoch die algerische Nationalhymne. Marwa Bouzayani ist heute Zweite geworden. Für sie ist das ein Sieg. In einer Woche wird Bouzayani erfahren, dass sich die Doppelbelastung durch Sport und Schule gelohnt hat. „Bestanden! Gott sei Dank. Oh Gott!“ wird sie auf Facebook posten. Und 100 Likes darunter finden.

(Quelle: Nadine Cibu/„Africa Positive“)

Hinweis: Dieser Beitrag von Nadine Cibu ist im Magazin „Africa Positive“ erschienen. Damit gewann sie den 1. Preis im vom DOSB geförderten Nachwuchspreis des Verbandes Deutscher Sportjournalisten (VDS) zum Thema „Olympische Werte“. Der Beitrag ist nicht zur Weiternutzung für Vereine und Verbände freigegeben.

 
 

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