Die Scheinwerfer aus Berlin

20.08.2015

Das Programm IdS wird seit einiger Zeit von Wissenschaftlern der Humboldt-Universität begleitet. Nun haben sie empirische Daten vorgelegt, die die interkulturelle Situation in den Stützpunktvereinen erhellen.

Stützpunktvereine ziehen viele Migranten an: Der Anteil Zugewanderter in den erfassten IdS-Vereinen lag 2013 bei durchschnittlich über 30 Prozent. (Foto: LSB NRW)

Stützpunktvereine ziehen viele Migranten an: Der Anteil Zugewanderter in den erfassten IdS-Vereinen lag 2013 bei durchschnittlich über 30 Prozent. (Foto: LSB NRW)

Abb. 1: Vereinsmitglieder in IdS-Stützpunktvereinen (Quelle: HU Berlin)

Abb. 1: Vereinsmitglieder in IdS-Stützpunktvereinen (Quelle: HU Berlin)

Abb. 2: Teilnehmer/innen an den IdS-Sportgruppen 2013 (Quelle: HU Berlin)

Abb. 2: Teilnehmer/innen an den IdS-Sportgruppen 2013 (Quelle: HU Berlin)

Abb. 3: Freiwillig Engagierte in den IdS-Stützpunktvereinen 2013 (Quelle: HU Berlin)

Abb. 3: Freiwillig Engagierte in den IdS-Stützpunktvereinen 2013 (Quelle: HU Berlin)

Sie ist eine Konstante in der 25-jährigen Geschichte des Programm „Integration durch Sport“: die Veränderung. Das gilt für die inhaltliche Ausrichtung – Ziele, Strategien, praktische Umsetzung wollen weiterentwickelt werden –, aber auch für die Betreuung und Bewertung des Programms durch neutrale Experten. Im Jahr 2009 zum Beispiel legte ein Team der Uni Potsdam die erste Evaluation des Programms vor (auf Basis 2007 erhobener Daten), eine zweite folgte 2013. Mit Beginn des aktuellen, bis Ende 2017 laufenden Förderzeitraums folgte der nächste Schritt: Die Professur für Sportsoziologie an der Humboldt-Universität (HU) übernahm in Kooperation mit dem 2014 an der HU gegründeten Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung (BIM) die „wissenschaftliche Begleitung“ von IdS: fortlaufende Dokumentation und Beratung statt einmaliger Bilanz.

Nun legen erste Ergebnisse dieser Begleitung vor: Empirische Daten zur Arbeit der Stützpunktvereine und deren Auswirkung. Zahlen, die sich zum Teil mit anderen Quellen – etwa der Evaluation 2009 – vergleichen lassen und auf der Auswertung programminterner Dokumente basieren, auf Formularen des Jahres 2013, in denen zwei Zielgruppen befragt wurden: offizielle Vertreter von IdS-Partnern (meist Vereine) beziehungsweise ehrenamtlich Engagierte (überwiegend Übungsleiter der integrativen Sportgruppen). Manche der Antworten sind notwendigerweise geschätzt, etwa zur Herkunft eines Vereinsmitglieds. Trotzdem geben die Daten allemal Hinweise, wo das Programm mit Blick auf einige seiner zentralen Aufgaben steht.

Hinweis 1: Stützpunktvereine ziehen viele Migranten an – Tendenz steigend

IdS-Stützpunkte erreichen relativ viele Menschen mit Migrationsgeschichte. So weit, so wenig überraschend, könnte man sagen: Die Teilnahme am Programm setzt ja eine erhöhte Bereitschaft zur Aufnahme dieser Menschen voraus, wie Sebastian Braun betont, Professor für Sportsoziologie an der HU Berlin und Leiter der BIM-Abteilung „Integration, Sport und Fußball“ (siehe Interview). Allerdings: Der Anteil Zugewanderter in den erfassten IdS-Vereinen lag 2013 bei durchschnittlich über 30 Prozent (vgl. Abb. 1). Das übersteigt die – ebenfalls auf Schätzungen Verantwortlicher beruhenden – Vergleichszahlen der letzten Sportentwicklungsberichte (seit 2007) zu DOSB-Vereinen im Ganzen um ein Mehrfaches: Dort wurden Werte zwischen etwa 5 und 10 Prozent ermittelt. Innerhalb des Programms wiederum variiert der besagte Anteil deutlich: Eine Mehrheit von rund zwei Dritteln (66,9 Prozent) der Stützpunktvereine hat nach Auskunft der befragten Funktionsträger bis zu 33 Prozent Mitglieder mit Migrationsgeschichte. Eine große Minderheit liegt darüber – und eine kleine (1,4 Prozent der Vereine) weit darüber, bei mehr als 90 Prozent. Mutmaßlich handelt es sich um Migrantenselbstorganisationen.

Die Auswertungen der Sportsoziologen liefern zudem Indizien dafür, dass die Stützpunkte kulturell bunter werden. Ihren Angaben zufolge gewannen die Vereine im Jahr 2013 mehr Mitglieder ausländischer als deutscher Herkunft: Rund 55 versus 45 Prozent. Aus Sicht von IdS besonders interessant: Migrantinnen, eine im organisierten Sport immer noch stark unterrepräsentierte Gruppe, stellten 21 Prozent der damals neu Akquirierten. Ein Anteil unter dem der Migranten (34 Prozent), aber etwas über dem der Nichtmigrantinnen (knapp 20 Prozent).

Hinweis 2: In den geförderten Sportgruppen wächst der Frauenanteil

IdS fördert in der Regel nicht Vereine im Ganzen, sondern Abteilungen oder Gruppen – deren interkulturelle Offenheit dann abstrahlen soll. Zunächst kommt es also auf die Entwicklung im konkreten Projekt an. Die Evaluation von 2009 wies auf eine Mehrheit Zugewanderter von durchschnittlich 57 Prozent in den geförderten Sportgruppen hin (vgl. Abb. 2). Das ist nahezu der gleiche Wert, den nun die Berliner Wissenschaftler errechneten, auf Basis der Angaben von Übungsleitern. Wobei der Anteil von Frauen und Mädchen nichtdeutscher Herkunft in den Projekten offenbar gestiegen ist, von knapp 23 Prozent in der Evaluation 2009 auf nun 27 Prozent. Bedeutet zugleich: In den IdS-Projekten selbst ist das Geschlechterverhältnis bei Zugewanderten fast ausgewogen, denn Männer mit Migrationsgeschichte stellen durchschnittlich 29,7 Prozent der dortigen Gruppen.

Hinweis 3: In IdS-Stützpunkten engagiert sich ein Großteil der Menschen mit Migrationsgeschichte freiwillig

Fast jede(r) Dritte (30,7 Prozent) freiwillig Engagierte in IdS-Stützpunkten hat eine Migrationsgeschichte, so besagen es Angaben von Vereinsseite (vgl. Abb. 3). Die Zahlen der Sportentwicklungsberichte zu dem Thema (nie über 5 Prozent) sind schwer vergleichbar, schon weil dort nach „ehrenamtlichem“ Engagement gefragt wird. Aber klar scheint: In IdS-Stützpunkten engagieren sich zugewanderte Mitglieder deutlich häufiger als im Durchschnitt deutscher Sportvereine. Zwei weitere Gegenüberstellungen schmeicheln dem Programm und seinen Partnern: Laut Auswertung entspricht jener Anteil Zugewanderter unter den Engagierten von 30,7 Prozent nahezu exakt dem unter den Vereinsmitgliedern (30,9 Prozent, siehe oben). Zudem sind innerhalb dieser Gruppe – also Engagierte mit Migrationsgeschichte 41,7 Prozent Frauen und Mädchen. Unter den Engagierten ohne Migrationsgeschichte ist diese Quote kaum höher (44,6 Prozent). 

Hinweis 4: Viele Programmpartner haben ihre Strukturen geöffnet

Das relativ häufige Engagement zugewanderter Mitglieder in den Stützpunkten könnte (auch) damit zu tun zu haben, dass man sie dazu ermutigt. Laut den Funktionären versuchen 85 Prozent der befragten Vereine, „gezielt Personen mit Migrationshintergrund für ehrenamtliches und freiwilliges Engagement zu gewinnen“. Fast ebenso verbreitet ist demnach das Bemühen, solche Personen vom Erwerb eine Übungsleiter- oder Trainerlizenz zu überzeugen (82 Prozent). Sowieso entsteht der Eindruck, dass sich die interkulturelle Offenheit an den Stützpunkten nicht auf die geförderten Gruppen und Abteilungen beschränkt: Erstens gaben 35 Prozent der Vereine an, Integration als Thema in ihrer Satzung verankert zu haben, ein deutlich höherer Wert als in der Potsdamer Evaluation (22,7 Prozent). Zweitens sagten 61 Prozent ihrer Vertreter aus, man habe eine(n) Integrationsbeauftragte(n). Sebastian Braun sagt: „Diese Zahlen geben Hinweis darauf, dass nicht wenige Stützpunkte das Thema Integration nachhaltig in ihre Organisationsstrukturen integrieren“. Nachhaltig: Das ist entscheidend.

(Autor: Nic Richter, Abbildungen: HU Berlin)


 
 

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