„Netzwerke sind der Goldstandard“

18.09.2015

Sport und Bewegung sind für den Gesundheitsförderer Stefan Bräunling „überragend wichtig“, kulturelle Herkunft nicht. Im Interview erklärt er beides - und was seine Arbeit mit dem Kinder- und Jugendsportbericht zu tun hat.

„Sport und Bewegung sind aus unserer Sicht überragend wichtig“, sagt Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes „Gesundheitliche Chancengleichheit“. (Foto: Bräunling)

„Sport und Bewegung sind aus unserer Sicht überragend wichtig“, sagt Stefan Bräunling, Leiter der Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes „Gesundheitliche Chancengleichheit“. (Foto: Bräunling)

Herr Bräunling, Sie leiten die Geschäftsstelle des Verbundes „Gesundheitliche Chancengleichheit“. Wie ist die Chance auf ein gesundes Leben in Deutschland mit kultureller Herkunft verknüpft?

Ganz überwiegend hat die Gesundheit der Menschen mit ihrer sozialen Lage und ihrem Bildungsstand zu tun. Weit, weit dahinter kommt ein Faktor wie kulturelle Herkunft.

Aber Menschen mit Migrationsgeschichte leben Studien zufolge überproportional häufig in schwierigen sozialen Verhältnissen.

Natürlich kann sich daraus ergeben, dass in manchen kulturellen Gruppen ein schlechterer Gesundheitszustand verbreitet ist und in anderen ein besserer. Aber die soziale Situation dieser Gruppen hat darauf einen wesentlich stärkeren Einfluss als die Tatsache, dass sie nichtdeutscher Herkunft sind.

Was heißt es für den Einzelnen, wenn Gesundheitschancen ungleich sind, wie wirkt sich das aus?

Es gibt krasse Unterschiede in der Lebenserwartung. Wir sprechen in Deutschland von mehr als zehn Jahren Differenz zwischen dem sozial bestgestellten Fünftel der Gesellschaft und dem am schlechtesten gestellten Fünftel!

Ihr Kooperationsverbund wird von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und den Akteuren des Gesundheitssystems getragen, von Ärztevereinigungen bis zu Wohlfahrtsverbänden. Welche Rolle spielen Sport und Bewegung für Ihre Arbeit?

Die zentralen Aktivitäten in der Gesundheitsförderung sind selbstverständlich Bewegung, Ernährung, Stressbewältigung. Sport und Bewegung sind aus unserer Sicht überragend wichtig, aber gar nicht nur wegen der direkten Auswirkungen auf den Muskelapparat oder das Herz-Kreislauf-System, sondern wegen der psychischen und sozialen Effekte. Es geht vor allem um Aspekte wie Selbstbewusstsein, Kommunikation, Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Mitsprache ist entscheidend

Der Dritte Kinder- und Jugendsportbericht hält fest, dass zum Beispiel Mädchen türkischer Herkunft und Vorschulkinder mit Migrationsgeschichte relativ selten Sport machen. Sind das Zielgruppen, die auch in Sachen gesundheitliche Aufklärung besonderer Ansprache bedürfen?

Wir gehen davon aus, dass wir in einem von sehr verschiedenen Menschen bewohnten Land, einem Einwanderungsland leben. Wir müssen uns also immer auf gemischte Gruppen einstellen. Aber es stimmt, man braucht auch Angebote für einzelne Gruppen, mit universellen Ansätzen erreichen Sie ja oft nur die Ressourcenstarken. Und da Mädchen mit Migrationshintergrund offensichtlich weniger Sport machen als Jungs – das gilt sogar für ganz Europa – müssen wir sie gezielt ansprechen.  

Wie kann das in der Praxis aussehen?

Grundsätzlich ist für uns Partizipation entscheidend. Sie müssen die Menschen fragen, was sie wollen und brauchen. Ein Beispiel: In Berlin-Marzahn lag eine Wiese, ungenutzt und eher ungepflegt. Dann hat die Wohnungsbaugesellschaft, der die umliegenden Wohnungen gehören, einen betreuten Bewegungsplatz eingerichtet. Er wurde von Sozialarbeitern und -arbeiterinnen und Ehrenamtlichen begleitet, wobei Jugendliche von Anfang an ganz viel mitbestimmt haben – der Projektname war „Unser Platz“. Unter anderem wurden geschlechtsspezifische Angebote entwickelt, es gab Mädchen- und Jungenfußball, oder auch Boule, etwa für ältere Menschen. Das ist sehr gut angenommen worden, auch von jungen Migrantinnen.

62 Partner, Zentrale in Berlin

Stefan Bräunling, studierter Gesundheitsförderer und Diplompsychologe, leitet die Geschäftsstelle des Kooperationsverbundes „Gesundheitliche Chancengleichheit“, eine 2003 von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) auf den Weg gebrachter Initiative. Sie arbeitet Leitlinien zur Gesundheitsförderung sozial Benachteiligter (darunter sehr viele Migranten), sammelt Wissen zum Thema und verbreitet es, vor allem über www.gesundheitliche-chancengleichheit.de. Die Geschäftsstelle ist Gesundheit Berlin-Brandenburg angegliedert, eine von 16 Landesvereinigungen zum Thema, die zugleich als regionale Koordinationsstellen des Verbundes fungieren. Dem gehören insgesamt 62 Partner an, darunter Ärztevereinigungen, gesetzliche Krankenkassen, Wohlfahrtsverbände, auch der DOSB mit mehreren Landessportbünden. Bräunling, seit 2008 bei der Geschäftsstelle, ist zudem Mitglied im Steuerkreis der Vereinigung.  


Zauberwort Präventionskette

Solche offenen Projekte werden im Programm „Integration durch Sport“ oft von Stützpunktvereinen initiiert oder mitgestaltet. Welche Rolle spielen Sportvereine bei Ihnen?

Wir finden, organisierter Sport sollte eingebettet sein in die Lebenswelt der Menschen, in den Alltag im Quartier oder im Dorf. Kommunale Netzwerke sind der Goldstandard der Gesundheitsförderung! Wir nennen das den Setting-Ansatz beziehungsweise – bezogen auf Kinder und Jugendliche – Präventionsketten: Angebote öffentlicher und privater Akteure werden auf kommunaler Ebene zusammengeführt und über Altersgruppen und Lebensphasen hinweg aufeinander abgestimmt.

Wie das im Rahmen von IdS geschieht: Die Stützpunkte gehören lokalen Netzwerken an.   

Wir hören oft, dass zwei Gruppen für diese lokalen Netzwerke schwer zu gewinnen sind: Niedergelassene Ärzte und Ärztinnen und Sportvereine. In beiden Fällen hat das nullkommanichts mit Unwillen zu tun, sondern mit organisatorischen Hindernissen – die meisten Sportvereine können es sich einfach nicht leisten, ständig Ehrenamtliche zu Arbeitskreisen und Netzwerktreffen zu schicken.

Wie können dann Lösungen aussehen, die über Programme wie IdS hinausgehen? Der Kinder- und Jugendsportbericht regt ja eine noch engere Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein an. Brauchen wir ein Unterrichtsfach Gesundheit, wie es manche fordern?

Für uns ist Gesundheit ein Querschnitts- und ein Alltagsthema. Dazu passt die Idee „Schulfach“ nicht ganz. Was die Situation wirklich verbessern würde, wäre, die Schule als Organisation zu begreifen, in der Gesundheitsförderung gemeinschaftlich gestaltet wird. Und zwar von wirklich allen Angehörigen: Schülern und Schülerinnen, Eltern, Lehrenden, dem weiteren Schulpersonal und möglichst den Institutionen in der Umgebung inklusive der Sportvereine, soweit die das leisten können. All diese Akteure setzen sich zusammen und fragen sich: Wie kommt Gesundheit respektive Bewegung zustande, was brauchen wir dafür? Da werden die Kids mit Sicherheit sehr viel Kompetenz und Begeisterung einbringen. Natürlich ist so eine Entwicklung mit hohem Aufwand verbunden.

Der Kinder- und Jugendsportbericht empfiehlt, gelungene Beispiele der Zusammenarbeit zwischen Schule und Verein bekannter zu machen – guter Vorschlag?

Das ist auf jeden Fall elementar. Auch wir als Kooperationsverbund zeichnen gute Praxisbeispiele aus, um sie sichtbarer zu machen und zum Nachmachen anzuregen. Das betrifft zum Beispiel das Projekt „Unser Platz“ oder auch eines in Brandenburg namens „Bewegung und Prävention“: Arbeitslose wurden zu Übungsleitern und Mentoren ausgebildet und dann in Sportvereine eingebunden. Wenn der organisierte Sport ähnliches macht, können wir das nur begrüßen.

(Quelle: DOSB / Fragen: Nic Richter)

 
 

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