Ehrenamt im Sport: Platzwart und Filmemacher

23.12.2011

Ein Regisseur, ein Produzent und die Idee eines Spots zum Ehrenamt im Sport: Wie der Platzwart der Uhlenhorster Adler, Klaus Hornig, Hauptdarsteller eines Films wurde.

Der "Star" des Spots, Klaus Hornig, in Aktion.

Klaus Hornig, der Platzwart, an seinem Arbeitsplatz. Fotos: Chickenshack Filmproduktionsgesellschaft

Die Idee

Gründe, warum er auch an diesem Wochenende keine Zeit haben würde, hatte Peter Kleine genug. Die Arbeit, der Einkauf, mal ausschlafen – irgendetwas fiel ihm immer ein, warum er seine neun Jahre alte Tochter Chiara nicht zum Auswärtsspiel der D-Junioren des SV Uhlenhorst Adler würde fahren können. Das Training und die Heimspiele der kleinen Fußballer besuchen, das war okay, das schien dem 41 Jahre alten Werbefilmer schon viel an Einsatz. Für die Auswärtsfahrten nach Allermöhe, Bergedorf oder Vierlande gab es doch die anderen. Die Eltern, die die Mannschaft immer fuhren. Am Sonntag morgen. Irgendwo im Inneren flüsterte zwar die vertraute Stimme, die Jugendarbeit im Barmbeker Stadtteilklub UH-Adler zu unterstützen. Doch der Alltag bot stets ausreichend Lärm, um diese Hinweise zu überhören.

Bis Peter Kleine ein Mann auffiel. Der Mann hatte lange Nackenhaare, einen dicken Bauch und trug eine Lederweste. Der Mann war immer da, wenn Chiara spielte oder trainierte, und er hatte für alles eine Lösung: Wenn ein Kind hinfiel und weinte, gab es als Trost Pflaster oder Bonbons. Wenn ein Netz fehlte, holte er es. Wenn ein Ball flau war, kam schnell die Pumpe. Der Mann ging nicht nach Hause, ehe alles erledigt war bei UH-Adler. So lernte der Werbefilmer Peter Kleine den Platzwart des Klubs seiner Tochter kennen, Klaus Hornig. Wobei Platzwart das Tätigkeitsfeld nur grob umreißt. „Klaus ist das Mädchen für alles bei UH-Adler, die gute Seele des Vereins“, sagt Kleine. Er weiß, dass das abgegriffen klingt. Aber es ist so. Nach ein paar Gesprächen mit Hornig am Spielfeldrand kam Kleine die Idee für einen Film, der das in den Mittelpunkt rückt, wofür Hornig steht: den Wert des Ehrenamts. „Wenn ich schon selbst nichts mache, wollte ich wenigstens etwas über den machen, der etwas tut“, sagt Kleine.

Der Dreh

Es sollte gut werden, aber wenig kosten und nicht lange dauern, dachten sich Kleine und sein befreundeter Produzent Alexander Müller-Elsner. Einen Auftraggeber hatten sie nicht; das Geld für den Dreh kam von Müller-Elsner. Der sitzt mit seiner„Chickenshack“-Filmproduktionsfirma nur einen Kilometer Luftlinie von UH-Adler entfernt in Winterhude. Er mochte Kleines Idee. Er fand sie noch besser, als er Klaus Hornig kennengelernt hatte. Der 14. April war ein sonniger Donnerstag, was Kleine und Müller-Elsner gar nicht passte. Es sollte regnen im Film. Also sorgte eine Regenmaschine für die richtige Atmosphäre. Drei Kameras setzten Klaus Hornig bei seinem Alltag in Szene. Schon bei den Aufnahmen merkte Kleine, dass er ein Naturtalent vor der Kamera hatte: „Klaus hat auf alles anders geantwortet als bei unserer Vorbesprechung. Er war sehr locker und hatte Spaß. Die Sätze passten einfach.“

Müller-Elsner sagt: „98 Prozent dieses Films ist Klaus.“ Einen Tag benötigten sie für den Dreh auf dem Kunstrasenplatz von UH-Adler. Die zweieinhalb Minuten lange Schnittversion unterlegte Müller-Elsner mit einer Kinderchor-Version eines Titels von Xavier Naidoo. Wie er an die Rechte für den Titel kam, ist eine andere, eigene Geschichte. Peter Kleine sprach beim Hamburger Sportbund vor, die verwiesen ihn an den DOSB. In Frankfurt war man begeistert von Hornig, diesem kauzigen Kerl, der das sperrige Thema „Ehrenamt“ in zweieinhalb Minuten mit Leben füllt.

Peter Kleine hat Werbefilme für große Unternehmen mit großem Aufwand gemacht; vermögend ist er so wenig wie Müller-Elsner. Die beiden sind geerdete Typen, die über wenig Erfahrung im Umgang mit Journalisten verfügen. Ihre Zurückhaltung weicht erst im Laufe des Gesprächs: Für Klaus Hornig, seine Art zu sprechen, seine Art, anzupacken, ohne zu fordern – dafür konnten sie sich sofort begeistern. „Filme sind zum Sehen gemacht“, sagt Kleine, „wir hoffen, dass viele Menschen diesen Film gucken.“ Verdienen werden Regisseur und Produzent an diesem Film nichts, so wenig wie Hornig. Nach einem Honorar hat er nie gefragt.

Der Star

Es ist leicht, Klaus Hornig zu treffen, selbst wenn er nicht auf dem Platz ist. „Ich bin in fünf Minuten da“, sagt er am Telefon, „ich wohn’ ja gegenüber.“ Die Anlage von UH-Adler liegt mitten in einem Park in Barmbek-Süd; an einer Seite stößt das Areal an fünf Häuser,auf deren Balkonen man die besten Plätze hätte. Nebenan liegen ein Spielplatz und ein Kindergarten, dessen Zaun eine Klappe hat, durch die die Kleinen vom Kindergarten auf den Sportplatz klettern können. Hornig hat sich für das Treffen nicht umgezogen. „Platzwart-Titan“ steht auf seinem T-Shirt, und ein halbes Dutzend Anstecker auf der Lederweste weisen ihn als Fan des FC St. Pauli aus.

Hornig ist 51 Jahre alt, hat lange auf dem Bau sein Geld verdient und arbeitet seit elf Jahren für kleinen Lohn bei UH-Adler. Er sagt: „Mein Leben ist Fußball, und das hier ist der schönste Job der Welt. Hier möchte ich alt werden.“ Bekannt war er im Klub schon länger, doch seit er auf der 100-Jahr-Feier Ende Juni aufs Podium musste, nachdem der Film vorgeführt worden war, ist er eine kleine Stadtteil-Berühmtheit. „Das war Neuland, als ich nach vorne musste“, sagt er, „ich bin nicht gern im Rampenlicht.“ Und der Film? „Das war kein Problem, das war ja ein Heimspiel! Ich musste doch nur erzählen, was ich immer mache. Ich hätte aber nicht gedacht, dass er so schön wird.“ Ein paar Eselsbrücken habe er gebraucht, um nicht zu vergessen, was er bei den Aufnahmen eigentlich sagen wollte. Ansonsten: „Schnackmäßig war das kein Problem.“

Der Film und die gestiegene Bekanntheit haben sein Leben nicht verändert. Vieles davon hat Klaus Hornig vergessen, weil es in seinem Alltag keine Rolle spielt. „Das war ‘ne schöne Sache, aber das Leben geht ja normal weiter.“ Immer ist was zu tun bei UH-Adler, von der Platzpflege bis zur Toilettenreinigung. Hornig sagt: „Das Größte, was du hast, ist die Verantwortung. Ich hab hier die Verantwortung, dass sieben Tage die Woche alles ordentlich ist.“ Doch mehr als die Ordnung kümmern ihn die Sorgen der Kleinen. Wenn die Vier- bis Sechsjährigen spielen, „meine Pampers-Liga“, wie er sagt, ist Klaus Hornig der beste Tröster der Welt: mit Bonsche, Tierpflastern und Eis nach dem Spiel hilft er seinen kleinen Stars. Er macht es für die anderen – und für sich. Wie sagt er im Film? „Man müsste mehr Leute haben, die ehrenamtlich arbeiten. Du gehst mit einem glücklichen Gefühl nach Hause.“ Einstudiert waren die Sätze nicht, und so recht erinnern kann er sich auch nicht mehr daran. Was zählt, ist das Gefühl. Für heute war es genug mit Öffentlichkeit; Klaus Hornig ist auf einen Kaffee in der Kneipe schräg gegenüber verabredet. Nachmittags will er sich die Klos bei UH-Adler vornehmen.

Vorbilder gesucht

Wenn Sportvereine ihre Sorgen formulieren, steht das Thema ganz oben auf der Agenda: die Bindung respektive Gewinnung von ehrenamtlichen und freiwilligen Mitgliedern. Laut jüngstem Sportentwicklungsbericht des DOSB engagieren sich rund 8,85 Millionen Menschen auf diese Weise im Sport. Die Arbeitszeit der davon 1,85 Millionen Ehrenamtlichen addiert sich pro Monat auf rund 37,2 Millionen Arbeitsstunden. Zahlen, die verdeutlichen: Menschen wie Klaus Hornig sind unerlässlich, sollen Vereins-, Wettkampf- und Integrationsangebote auch weiterhin in gleichem Umfang zur Verfügung stehen.

(Quelle: Faktor Sport)

 
 

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