1976: Frauensport in steilem Aufstieg in der Bundesrepublik

Nach der DSJ (Gründung April 1950) und dem DSB (Dezember 1950) konnte 1976 auch der Bundesausschuss Frauensport des DSB auf sein 25jähriges Bestehen zurückblicken.

In den siebziger Jahren holten Frauen im Sport mächtig auf. Foto: picture-alliance
In den siebziger Jahren holten Frauen im Sport mächtig auf. Foto: picture-alliance

Er feierte es im Mai 1976 an seiner Gründungsstätte in Stuttgart. DSB-Präsident Willi Weyer beschrieb im "Rheinischen Merkur" (11/76) in dem Artikel  "Im steilen Aufstieg: Der Frauensport in der Bundesrepublik" den außergewöhnlichen Mitgliederzuwachs an Frauen in den Vereinen.

"Die rund 100 Jahre Frauensport, auf die wir heute zurückblicken können, sind ein gutes und vor allem ein tragendes Stück Emanzipation. Im Frauensport wurde eines jener Prinzipien wirksam, die wir als Qualität für die gesellschaftspolitische Rolle des Sports gar nicht hoch genug einschätzen können, nämlich die Durchsetzung der Chancengleichheit in der persönlichen Lebensgestaltung für beide Geschlechter.

Wenn der Sport heute mit guter Hoffnung und wohl auch guten Aussichten anderen Gruppen unserer Bevölkerung ein Tor aufmachen will, das in den Sport hinein, aber über ihn hinaus auch in die Gesellschaft mehr Chancen der Beteiligung und Anerkennung verspricht, wenn er sich also um die Älteren, um ausländische Mitbürger und um andere Benachteiligte bemüht, dann hat er dafür ein riesiges Paket an Erfahrungen, an Selbstbewusstsein und an Mut zur Verfügung. Und dieses Paket ist vor allem ein Erbstück der allmählichen Durchsetzung im Frauensport.

Bis vor kurzem war es immer noch möglich, Verwunderung und Kopfschütteln auszulösen, wenn Frauen einen traditionellen Männersport ausübten. Frauensport galt lange Zeit als etwas Außer-gewöhnliches, manchmal Sensationelles und sogar Exotisches. Die marathonlaufende Mutter von drei Kindern mag heute noch einmal ähnlich verblüffend wirken wie ihre Großmutter, die sich kniefrei in einen turnerischen Festzug des Jahrhundertbeginns wagte. Bald wird sich auch über Langstreckenläuferinnen niemand mehr wundern. Die sporttreibende Frau ist so selbstverständlich geworden wie das schwimmende Kleinkind, der skilaufende Abc-Schütze, der im Dauerlauf trabende Bundespräsident oder ein 80jähriger Sportsmann.

Wenn wir die Kurven des Mitglieder-Zuwachses im DSB lesen, führt die Linie des Frauensports steil nach oben. Diese Optik spricht dafür, dass wir in Zukunft einmal einem statistischen Ideal-maß entsprechen, gemeint ist das ausgewogene Verhältnis von Frauen und Männern, so wie wir es auch in der Bevölkerungsstatistik haben, nämlich 1:1. 1960 waren die Frauen im Sport noch in der absoluten Minderheit, eine einzige von ihnen wurde auf sieben Männer gezählt. 1967 war das Verhältnis immerhin noch 5:1. Heute steht eine Frau drei Männern im Sport gegenüber. Und dieser Trend geht weiter. Wer weiß also, ob wir nicht eines Tages einen Deutschen Sportbund haben, in dem die Frauen die Männer überwiegen werden?

Der moderne Frauensport hat sich sicher in der Sache durchgesetzt, aber er hat sich nicht in der vollen Tiefe und Breite verwirklicht. Immer noch ist die Hälfte unserer Vereine ohne Angebot für Frauen. Sie haben noch immer nicht begriffen, dass ein ausgewogenes Programm für beide Geschlechter eine existentielle Frage der Turn- und Sportvereine ist. (…) Noch immer existiert in der Bundesrepublik ein Gefälle der Beteiligung von Frauen am Sport von Nord nach Süd. Noch immer sind unsere sportlichen Parlamente überwiegend Männerversammlungen. Das haben wir zwar auch mit den politischen Parlamenten gemeinsam, aber dort wie hier entspricht es nicht der Rolle, die die Frauen in dieser Gesellschaft und in ihren Teilbereichen haben. (...) Ich möchte mir jedenfalls wünschen, dass man es in Zukunft für ganz selbstverständlich hält, dass der DSB-Präsident genauso selbstverständlich eine Frau wie ein Mann sein kann.

Auf einem Wunschzettel zum Frauensport habe ich sieben Punkte notiert:

Erstens wünsche ich mir Chancengleichheit für alle Frauen im Sport, vor allem für die, die eine 60-Stunden-Woche in der Familie bzw. in Beruf und Familie haben, für jene, die in ihrer Jugend Sport nicht kennenlernen konnten, für jene, die in ländlichen Bereichen wohnen, für jene, die einsam sind, und für jene, die als ausländische Mitbürgerinnen mit uns arbeiten, aber meistens neben uns leben.

Zweitens wünsche ich mir, dass wir die 20.000 letzten Männerclubs erobern und damit dieser ‚Apartheid‛ des Sports, dieser Geschlechtertrennung, einen entscheidenden Streich versetzen.

Drittens wünsche ich mir viel mehr Miteinander der beiden Geschlechter im Sport, viel mehr Koedukation, viele Programme, an denen ‚sie‛ und ‚er‛, Frau und Mann, Freundin und Freund, Verlobte und Verlobter, gemeinsam beteiligt sind.

Viertens wünsche ich mir, dass für den breiten Kreis der am Sport interessierten Frauen in allen Altersstufen nicht nur einige wenige Sportarten im Vordergrund stehen, wie das traditionelle Angebot der Gymnastik, sondern dass ihnen die Fülle des Sports in seinen verschiedensten Richtungen auf attraktive Weise geöffnet wird.

Fünftens wünsche ich mir, dass unsere Vereine ihre Programme auch im Hinblick auf den Tages- und Wochenablauf der Frauen überprüfen und daran denken, dass Frauen mit kleinen Kindern, Hausfrauen und berufstätige Frauen, aber auch Frauen im höheren Alter passende Übungszeiten suchen. Mir scheint, auch hier ist die Orientierung an den Berufszeiten der Männer und an den Wettspielplänen des Wochenendes noch zu dominierend.

Sechstens wünsche ich mir mehr solche Sportanlagen und Sportprogramme, die für alle Mitglieder der Familie im Wohnbereich, in Naherholungszonen und vor allen Dingen auch im Urlaub offen stehen. Neben den herkömmliche Trainings- und Wettkampfstätten benötigen wir weit mehr Sport- Freizeit- und Erholungsanlagen, die für Frauen und Männer, für Mütter wie Väter und Kinder verlockend einfache Sport- und Freizeitmöglichkeiten bieten.

Siebtens schließlich endet der Wunschzettel des DSB-Präsidenten mit dem Vorschlag, dass sich der Frauensport als Schrittmacher zum Familiensport verstehen möge. Es sind die Frauen, die ihre von Übergewicht und Herzinfarkt bedrohten Männer für das Trimmen gewinnen können. Es sind die Frauen, die die Kinder frühzeitig in den Turn- und Sportverein schicken, es sind die Frauen in sehr vielen Fällen, die dafür sorgen, dass der Feierabend, das Wochenende und der gemeinsame Urlaub zu einer aktiven Erholung für die ganze Familie werden kann."


  • In den siebziger Jahren holten Frauen im Sport mächtig auf. Foto: picture-alliance
    In den siebziger Jahren holten Frauen im Sport mächtig auf. Foto: picture-alliance