Das Ziel heißt Inklusion

Die Bundesrepublik Deutschland hat im März 2009 das „Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen“ der Vereinten Nationen ratifiziert.

Behinderte und Nicht-Behinderte treiben gemeinsam Sport in sogenannten Unified-Teams. Foto: SOD
Behinderte und Nicht-Behinderte treiben gemeinsam Sport in sogenannten Unified-Teams. Foto: SOD

Deutschland hat sich damit verpflichtet, Menschen mit Behinderungen eine selbst bestimmte Lebensführung und damit die volle Teilhabe an allen Lebensbereichen zu ermöglichen (Inklusion). Die umfasst auch die gleichberechtigte Teilnahme und Teilhabe von Menschen mit Behinderungen an Erholungs-, Freizeit- und Sportaktivitäten, und dazu gehört nicht zuletzt die Möglichkeit, z.B. in einem Sportverein Mitglied zu werden und an einer Sportart der eigenen Wahl teilzunehmen. Neben behinderungsspezifischen Angeboten müssen also zukünftig die Angebote des lokalen Sportvereins offen stehen. Ein Ausschluss von diesen Angeboten ist mit der UN Konvention unvereinbar.

Die UN-Konvention stellt den organisierten Sport vor zahlreiche Herausforderungen und hat weitreichende Auswirkungen auf Selbstverständnis und Angebotsprofil von Sportvereinen und -verbänden. Dass die Umsetzung nicht von heute auf morgen zu bewältigen ist, liegt auf der Hand. Ebenso ist unbestritten, dass die Erfüllung der UN-Konvention nicht nur materielle und personelle Ressourcen, sondern auch ein grundlegendes Umdenken erfordert.

Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), hat in der Mitgliederversammlung am am 4. Dezember darauf hingewiesen, dass der DOSB „die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention im Sport fortsetzen und intensivieren“ wolle.

In diesem Umfeld versteht sich Special Olympics Deutschland (SOD), die Sportorganisation für Menschen mit geistiger Behinderung, als kompetente Beratungs- und Verbindungsstelle zwischen den Sportverbänden/ Sportvereinen und den Einrichtungen/ Werkstätten sowie den Athleten und ihren Familien. SOD setzt seine Schnittstellenposition zur Inklusion von Menschen mit geistiger Behinderung ein. Mit Hilfe der SOD Akademie werden unter dem „Diversity Management Ansatz“ Angebote für den organisierten Sport konzipiert.

SOD als Kompetenz-Partner des organisierten Sports

Special Olympics Deutschland e.V. ist ein Sportverband, als solcher Mitglied des DOSB und Organisator großer und kleiner sportlicher Veranstaltungen für Menschen mit geistiger Behinderung. Sie sind Ausgangspunkt, um diese Menschen zum regelmäßigen Sporttreiben zu motivieren und das Selbstbewusstsein für ein selbstbestimmtes Leben zu fördern. SOD setzt sich ganz konkret für die Verwirklichung der UN-Konvention im Alltag ein.

SOD bietet zurzeit Teilhabe- und Wahlmöglichkeiten in insgesamt 26 Sportarten. In Deutschland trainieren mehr als 40.000 Menschen mit geistiger Behinderung in mehr als 700 Einrichtungen regelmäßig nach den Regeln von Special Olympics. Jährlich werden mehr als 150 Veranstaltungen auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene angeboten. Damit erfüllt SOD einen wesentlichen Punkt des Artikels 30 der UN-Konvention, der die Teilhabe am kulturellen Leben sowie an Erholung, Freizeit und Sport thematisiert. Dort heißt es:

„Mit dem Ziel, Menschen mit Behinderungen die gleichberechtigte Teilnahme an Sportaktivitäten zu ermöglichen, treffen die Vertragsstaaten geeignete Maßnahmen,

a)      um Menschen mit Behinderungen zu ermutigen, so umfassend wie möglich an breitensportlichen Aktivitäten auf allen Ebenen teilzunehmen und ihre Teilhabe zu fördern,

b)      um sicherzustellen, dass Menschen mit Behinderungen die Möglichkeit haben, behinde-rungsspezifische Sportaktivitäten zu organisieren, zu entwickeln und an solchen teilzunehmen und zu diesem Zweck die Bereitstellung eines geeigneten Angebots zu fördern,

c)   (…)

d)   um sicherzustellen, dass Kinder mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen Kindern an Sportaktivitäten teilnehmen können, einschließlich im schulischen Bereich,

e)   um sicherzustellen, dass Menschen mit Behinderungen Zugang zu Dienstleistungen der Organisatoren von Sportaktivitäten haben.“

SOD veranstaltet in jedem Jahr Nationale Sommer- oder Winterspiele. Regelmäßig entstehen nach solchen Höhepunkten neue Strukturen, integrative Sportgruppen, Unified-Teams und neue Kooperationen mit Sportvereinen.

Erfolgreiche Unified-Projekte

Ein erfolgreich angelaufenes Unified-Projekt heißt „FußballFREUNDE“ und wird derzeit gemeinsam mit der Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) in fünf Bundesländern durchgeführt mit dem Ziel, 30 Fußballteams ins Leben zu rufen, in denen Menschen mit und ohne geistige Behinderung gemeinsam trainieren und Spiele bestreiten. Weitere bundesweite oder internationale Unified-Projekte laufen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Sportverbänden im Basketball und Volleyball.

„Wir verstehen uns als Alltagsbewegung“, sagt SOD-Präsident Gernot Mittler. „Die Athletinnen und Athleten stehen bei der Herangehensweise an Vorhaben, Themen und Probleme immer im Mittelpunkt. Nicht über sie sprechen, sondern mit ihnen, das versuchen wir zu verinnerlichen und umzusetzen. Das tun wir, indem unsere Athleten zum Beispiel aktiv bei der Organisation unserer Veranstaltungen helfen.“

Dazu gehöre, so Mittler, neben dem Sport eben auch, ein Symposium nicht ausschließlich mit Professoren zu bestreiten, sondern Menschen mit geistiger Behinderung unmittelbar einzubeziehen. „Unsere Athletensprecher nehmen Termine wahr und machen dabei einen sehr guten Job“, sagt der Präsident. „Das kommt nicht von allein. Ohne ihre Einbindung in den Trainingsalltag und die Wettbewerbe von Special Olympics und das daraus resultierende Selbstbewusstsein hätten sie sich nicht in solcher Weise entwickelt. Was uns jedes Mal auch zeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind, Menschen mit geistiger Behinderung in die Gesellschaft einzubeziehen.“

In diesem Sinne verwirklicht SOD durch seine Arbeit weitere Forderungen der UN-Konvention, die über den Sport hinaus reichen. Einige Beispiele:

Artikel 8: Bewusstseinsbildung

In der gesamten Gesellschaft soll ein Bewusstsein für Menschen mit Behinderungen geschaffen werden sowie eine respektvolle Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderung gefördert werden.

Die besten Möglichkeiten für eine solche Art der Bewusstseinsbildung bieten die Großveranstal-tungen, zum Beispiel die Special Olympics National Games Bremen 2010: Durch die Teilnehmer, die Volunteers, die Bremer Bevölkerung, die Medien – allein im Veranstaltungsmonat Juni erschienen bundesweit mehr als 1.100 Print-, TV-, Online- und Hörfunk-Beiträge – wurden die Botschaften von Special Olympics in die Öffentlichkeit getragen. Bemerkenswert ist, dass in vielen Texten und Sendungen die Athleten selbst zu Wort kommen, zunehmend „nicht über sie, sondern mit ihnen“ gesprochen wird.

Die Teilnahme von 3.000 Menschen mit und ohne Behinderung am Wettbewerbsfreien Angebot, das Projekt „Be a Fan“ mit 500 Bremer Schülern, die Einbeziehung von Partnern aus 20 Sportverbänden, darunter 200 Kampf- und Schiedsrichter, und die intensive Arbeit (Vorbereitung, Schulungen, Betreuung vor Ort, Nachbereitung, weiterführende Schulungen) mit den 2.300 Volunteers sind Beispiele für die Begegnungen und die gemeinsame Arbeit von Menschen mit geistiger Behinderung und Menschen ohne Behinderung.

Eine sehr erfolgreiche Premiere erlebte das Projekt „Bewegungskünstler“ in Bremen, bei dem mehr als 40 integrative Show- und Vorführgruppen aus dem ganzen Bundesgebiet im „Olympic Town“ auftraten. Verbunden damit war ein umfangreiches Workshop-Programm für Menschen mit und ohne Behinderung. Die Projekte bzw. Programme sind auf Nachhaltigkeit ausgerichtet und werden fortgeführt.

Artikel 24: Bildung

Special Olympics Deutschland hat 2008 die SOD Akademie gegründet, ein übergreifendes Aus- und Fortbildungsprogramm. Zu benennen ist hier insbesondere das Athlete Leadership Program. Ein Beispiel für dessen Umsetzung ist die intensive und kontinuierliche Arbeit mit Athleten-sprechern der Landesverbände (insgesamt 14) und dem Athletensprecher von SOD, Roman Eichler, der zugleich Mitglied des SOD-Präsidiums ist. Während der National Games leisteten die Athletensprecher eine herausragende Arbeit. An den Sportstätten, bei Presseterminen und offiziellen Begegnungen, als Co-Moderatoren bei Bühnenprogrammen oder in persönlichen Gesprächen bewiesen sie sich als selbstbewusste Partner, die wesentlich zum Gelingen der Gesamtveranstaltung beitrugen.

Special Olympics Deutschland ist einer von acht Trägern des Projekts „JETST!- Junges Engagement im Sport“ der Deutschen Sportjugend (dsj) zur Stärkung des Engagements von jungen Menschen in besonderen Lebenslagen im und durch Sport. SOD initiiert beispielhafte Projekte als „Startmodelle“ für nachhaltiges bürgerschaftliches Engagement von Athletinnen und Athleten mit geistiger Behinderung. Im Rahmen des Projekts werden z.B. bei der Frauen-Fußball-WM 2011 Volunteers mit geistiger Behinderung im Einsatz sein.

SOD hat einen wissenschaftlichen Beirat, unter dessen Leitung in den letzten Jahren vier Symposien mit aktiver Teilnahme von mittlerweile 150 Wissenschaftlern durchgeführt wurden.

Artikel 25: Recht von Menschen auf das erreichbare Höchstmaß an Gesundheit ohne Diskriminierung aufgrund von Behinderung

Special Olympics bietet allen Athleten und Athletinnen im Rahmen des Healthy Athletes® Programms bei regionalen, nationalen und internationalen Veranstaltungen kostenlose und umfassende Beratungen und  Kontrolluntersuchungen an.

Im Rahmen des Healthy Athletes® Programms wurden während der National Games in Bremen 5.200 Screenings durchgeführt, wofür sich 320 Volunteers, unter ihnen 75 Ärzte und Physiotherapeuten und 20 Bremer Zahnärzte, vor Ort eine Woche lang ehrenamtlich engagierten.

Durch die Einbindung, Fort- und Weiterbildung vieler Mediziner und Studierender am Healthy Athletes® Programm werden diese für die besonderen Belange von Menschen mit geistiger Behinderung sensibilisiert sowie ihr Wissen und ihre Kompetenz gesteigert. Es entstehen Netzwerke von Medizinern, die für die besonderen Belange der adäquaten medizinischen Betreuung dieser Personengruppe entsprechend der UN-Behindertenrechtskonvention geschult sind.


  • Behinderte und Nicht-Behinderte treiben gemeinsam Sport in sogenannten Unified-Teams. Foto: SOD
    Behinderte und Nicht-Behinderte treiben gemeinsam Sport in sogenannten Unified-Teams. Foto: SOD