DAV: Vereine setzen sich mit Vergangenheit auseinander

Im Alpinen Museum in München ist derzeit die Ausstellung „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen von 1918 bis 1945“ zu sehen.

Heinrich Harrer, Viktor Vörg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek (v.l.n.r.), aufgenommen am 24.07.1938 nach der Erstbesteigung der Eiger Nordwand. Foto: picture-alliance
Heinrich Harrer, Viktor Vörg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek (v.l.n.r.), aufgenommen am 24.07.1938 nach der Erstbesteigung der Eiger Nordwand. Foto: picture-alliance

Ein Eispickel der Nanga-Parbat-Expedition 1934, eine Wolldecke aus dem Hermann Göring-Haus, das Bergführerbuch des Eigernordwand-Erstbesteigers Anderl Heckmair – sie sind nicht nur Zeugen der Geschichte des Bergsteigens und des Alpenvereins, sondern auch in der aktuellen Sonderausstellung im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins (DAV) in München zu sehen. Gezeigt wird „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918 – 1945“ bis zum 24. Juni 2012.

Antworten auf offene Fragen

Die Ausstellung mit mehr als 200 Bildern, Objekten, Fotografien und Dokumenten ist ein Ergebnis des gleichnamigen Forschungsprojekts der Alpenvereine in Deutschland (DAV), Österreich (OeAV) und Südtirol (AVS). Ein Team von Historikern, Volkskundlern und Pädagogen hat gemeinsam und wissenschaftlich fundiert die Geschichte der Vereine vom Ende des Ersten bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges aufgearbeitet.

„Obwohl es schon mehrere Publikationen zur Geschichte der Alpenvereine in dieser Zeit gibt, sind viele drängende Fragen offen geblieben. Erst die vorbehaltlose Öffnung der Archive der drei Alpenvereine und die Erschließung der Vereinsarchivalien in den Jahren 2005 bis 2008 hat es uns ermöglicht, auf diese Fragen Antworten zu finden“, sagt Friederike Kaiser, Kunsthistorikerin und Leiterin des Geschäftsbereichs Kultur im DAV. Sie hat zusammen mit den Historikern Martin Achrainer (OeAV) und Florian Trojer (AVS) das drei Jahre dauernde Projekt „Berg Heil!“ geleitet. Begleitet wurden die Arbeiten von einem Wissenschaftlichen Beirat mit Vertretern der Universitäten München, Potsdam, Salzburg und Innsbruck. „Die Alpenvereine haben sehr sorgfältig gearbeitet“, erklärt der Potsdamer Sporthistoriker Prof. Hans Joachim Teichler. „Bemerkenswert ist auch, dass sie es mit eigenen Mitteln geschafft haben.“

Der Titel des Forschungs-, Ausstellungs- und Buchprojekts ist ganz bewusst gewählt: „Berg Heil!“ steht nicht nur für einen traditionellen alpinen Gruß, den der Wiener Alpinist August von Böhm im Jahr 1881 während einer Bergtour in den Zillertaler Alpen erfunden haben soll, sondern auch für Bergbegeisterung, gemeinsame Erlebnisse und alpinistische Leistungen, aber auch für die Nähe von Alpinismus und deutschnationalen Ideologien. All diese Aspekte spiegeln sich auch in der Ausstellung wider.

„Die Ausstellung im Alpinen Museum mit vielen Originalexponaten ermöglicht den Blick in eine sportlich faszinierende Epoche, in der der Alpenverein aber große Schuld auf sich geladen hat“, erklärt DAV-Präsident Josef Klenner. „Wir stellen uns voll und ganz unserer Vergangenheit, ohne etwas zu verschweigen oder zu beschönigen“, ergänzt Christian Wadsack, Präsident des Oesterrei-chischen Alpenvereins. Und sein Südtiroler Amtskollege Georg Simeoni sagt: „Das Projekt zeigt, dass man aus der Geschichte lernt.“

Alpinismus in den 1920er und 1930er Jahren

Ein Schwerpunkt der Ausstellung liegt auf der Entwicklung des Bergsteigens und des Alpinismus in den 1920er und 1930er Jahren. Ein mit Bergsteiger-Ausrüstung voll beladenes Fahrrad und ein BMW-Motorrad zeigen, wie Bergvagabund Hans Ertl und Extrembergsteiger Leo Maduschka in die Berge gelangten. Für die mehrfache Eiskletterweltmeisterin Ines Papert zählt das Fahrrad von Hans Ertl zu den beeindruckendsten Objekten der Ausstellung. „Es ist unglaublich, dass jemand mit so einem Fahrrad in die Westalpen gefahren ist“, sagt sie.

Einblicke in bergsteigerische Expeditionen, die Ende der 1920er Jahre an Bedeutung gewannen, ermöglichen unter anderem alpine Ausrüstungsgegenstände und Postkarten. Tagebucheinträge und Fotografien geben eine Vorstellung davon, welche Risiko- und Todesbereitschaft die Spitzenalpinisten dieser Zeit bei ihren Erstbegehungen und Wiederholungen schwieriger Routen eingingen. Lohn ihrer Mühen: Sie wurden – vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs – als „Helden“ gefeiert.

Der Helden-Gedanke spielt auch bei der Gedenktafel für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges der Sektion Berlin eine Rolle; die etwa 150 Kilogramm schwere Tafel war 1923 am Brandenburger Haus im Ötztal in 3277 Metern Höhe angebracht worden und ist nun im Original in der Ausstellung zu sehen.

Prägend für die Zwischenkriegszeit war aber auch die große Zahl der Menschen, die die Berge als Ausflugs- und Reiseziel für sich entdeckten. Beispielhaft für diese Entwicklung steht in der Ausstellung unter anderem ein Teil des Matratzenlagers aus der Höllentalangerhütte, die in dieser Zeit großzügig erweitert wurde.

Kataloge aus Münchner Sportgeschäften und Ausschnitte aus Filmen von Arnold Fanck dokumentieren ebenfalls, wie sich der Bergsport langsam, aber stetig zum Breitensport entwickelte.

Politische Geschichte: Antisemitismus und Ausgrenzung

Die Ausstellung widmet sich aber auch der politischen Geschichte des Alpenvereins: Erste antisemitische Tendenzen gab es bereits um die Jahrhundertwende, in den 1920er Jahren führte der Antisemitismus zu einer Zerreißprobe im Verein, die mit dem Ausschluss der jüdischen Sektion Donauland endete. Zudem wurde dem Alpenverein insbesondere wegen seiner Rolle als staatenübergreifender Verband in der Zeit des Nationalsozialismus eine besondere Bedeutung zugemessen. 1938 wurde er komplett in die staatlichen Organisationen eingegliedert.

Eine Wolldecke mit dem Schriftzug „Hermann Göring-Haus“ und ein Schild mit der Aufschrift „Juden unerwünscht“ zeigen, wie eng eine vermeintlich apolitische Freizeitbeschäftigung und die politische Geschichte verknüpft waren. Ausstellung und Buch

Die Ausstellung „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen 1918 - 1945“ wird noch bis zum 24. Juni 2012 im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins gezeigt. Das Alpine Museum auf der Praterinsel 5 in München ist dienstags bis freitags von 13 bis 18 Uhr geöffnet sowie samstags und sonntags von 11 bis 18 Uhr.

Zum Forschungsprojekt ist im Böhlau-Verlag außerdem das 635-seitige Buch „Berg Heil! Alpenverein und Bergsteigen von 1918 bis 1945“ erschienen. Es ist im Buchhandel zum Preis von 43,50 Euro erhältlich. Alpenvereinsmitglieder erhalten es zum Preis von 34,90 Euro im Alpinen Museum und über die Internetseiten und Verkaufsstellen der drei Vereine, beispielsweise: www.dav-shop.de.

(Quelle: DAV)


  • Heinrich Harrer, Viktor Vörg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek (v.l.n.r.), aufgenommen am 24.07.1938 nach der Erstbesteigung der Eiger Nordwand. Foto: picture-alliance
    Heinrich Harrer, Viktor Vörg, Andreas Heckmair und Fritz Kasparek (v.l.n.r.), aufgenommen am 24.07.1938 nach der Erstbesteigung der Eiger Nordwand. Foto: picture-alliance