Kampf gegen Übergewicht und Fehlernährung

„Wir wollen Deutschland in Form bringen“ - Mit diesem erklärten Ziel gab Gesundheitsministerin Ulla Schmidt den Startschuss zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplan „IN FORM“.

Die Ministerinnen Ulla Schmidt und Ilse Aigner (v.l.) wollen Deutschland "IN FORM" bringen. Copyright: picture-alliance
Die Ministerinnen Ulla Schmidt und Ilse Aigner (v.l.) wollen Deutschland "IN FORM" bringen. Copyright: picture-alliance

Zur Auftaktveranstaltung in Berlin trafen sich Akteure aller Bereiche, um gemeinsam und langfristig Projekte zur Prävention von Fehlernährung und Bewegungsmangel zu vernetzen und zu fördern. „Wir treffen heute die Entscheidung, wie wir in 20 Jahren leben werden“, betonte Ministerin Ulla Schmidt. „Mit dem Nationalen Aktionsplan wollen wir dem bestehenden Engagement ein Dach bieten und Transparenz, Kooperation und Vernetzung unterstützen.“  

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) ist seit langer Zeit Partner bei der Bewegungs-kampagne des Bundesgesundheitsministeriums und war auch in die Entwicklung des Nationalen Aktionsplans mit involviert. Vor allem seine Angebote SPORT PRO GESUNDHEIT und sein Wissen im Bereich gesundheitsbezogener Sport sind gefragt und sollen die Entwicklung der angedachten Bewegungskompetenzzentren einfließen. In Berlin wurde der DOSB durch Ingo Weiss, Vorsitzender der Deutschen Sportjugend im DOSB, vertreten. Es wurde von allen Beteiligten in besonderem Maße die Bedeutung der Körpererziehung im Kindes- und Jugendalter herausgestellt. Ingo Weiss meinte, dass „im Schulsport die Wurzeln eines jeden Sportreibenden gelegt werden. Wenn die Kinder da Spaß haben, sich zu bewegen, dann geht alles andere fast schon von selbst. Das müssen wir stärken, und ich hoffe, dass wir das durch solche Aktionen wie den Nationalen Aktionsplan vollbringen können“. 

Das Projekt IN FORM, initiiert vom Bundesministerium für Gesundheit und dem Ministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, soll einen Ausgangspunkt für eine nachhaltige Gesundheitsentwicklung bilden. In ihrem Beitrag wies Ulla Schmidt aber nochmals auf die Wichtigkeit der Verabschiedung eines Präventionsgesetzes hin und warb für Unterstützung. „Es ist unverantwortlich, die Verabschiedung des Präventionsgesetzes weiter aufzuschieben. Wir brauchen die gesetzliche Grundlage nicht nur, um das Gesundheitssystem bezahlbar zu halten. Wir müssen auf Dauer auch unsere Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaft erhalten, und dazu brauchen wir die Kraft jedes Einzelnen.“ 

Während die Infrastruktur für den Erhalt von kalorienreichen Nahrungsmitteln besser kaum sein kann, verlangen viele Berufe und das Alltagsleben den Menschen immer weniger Bewegung ab. Als Folge stehen alarmierende Zahlen: In Deutschland sind derzeit 51 Prozent der Frauen und 66 Prozent der Männer über 18 Jahren übergewichtig. Die daraus resultierenden Kosten für das Gesundheitssystem liegen heute bereits bei rund 70 Milliarden Euro im Jahr. „Wir setzen auf Information, Aufklärung und Motivation. Mit diesen Mitteln wollen wir das Bewusstsein jedes Einzelnen hin zu mehr Bewegung und gesunder Ernährung schärfen“, so Verbraucherschutz-Ministerin Ilse Aigner, die betonte, dass es bei IN FORM nicht um Reglementierungen oder Verbote gehe.

Zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplanes stehen den Ministerien in den nächsten drei Jahren 30 Millionen Euro zur Verfügung. „Das Geld reicht leider nicht aus, um flächendeckend agieren zu können. Deshalb werden wir eine sorgfältige Auswahl der Projekte treffen, die finanziell gefördert werden“, so Ulla Schmidt, die hinzufügte, dass auch dem demografischen Wandel Rechnung getragen werde. „Die Patienten werden immer jünger. Deshalb werden wir ein besonderes Augenmerk auf Projekte haben, die schon in den Kindergärten ansetzen, die gesunde Ernährung und viel Bewegung als etwas Selbstverständliches stärken und die Förderung eines gesunden Lebensstils auch von sozial benachteiligten Schichten beachten.“  

Damit alle Menschen von einer hohen Lebensqualität profitieren können, sind Präventionsan-gebote auch für ältere Menschen enorm wichtig. In seinem Referat stellte Prof. Dr. Wolf-Dietrich Brettschneider von der Universität Paderborn Ergebnisse einer repräsentativen Studie mit über 90-Jährigen vor, die klar belegte, wie die Ausdauer, Kraft- und Koordinationsfähigkeit auch im hohen Alter durch Sport verbessert werden kann.  

Professorin Barbara Methfessel, Universität Heidelberg, warnte bei der anschließenden Diskussionsrunde jedoch ausdrücklich davor, dass die Initiative ein weiterer Fall von „Projektismus“ wird. „Ich habe Angst, dass die Hälfte des Geldes in Aktionen fließen wird, die nicht nachhaltig sind. In wenigen Jahren werden wir Rechenschaft ablegen müssen, und diese wird gemessen an realen Erfolgen und geschaffenen Strukturen“, sagte die Expertin für zukunfts-gerechte Ernährungs- und Bewegungsbildung und fand damit im Auditorium breite Zustimmung. Auch Professor Klaus Hurrelmann von der Universität Bielefeld wies auf die Gefahr von blindem Aktionismus hin und hofft, dass die Projekte nah am Alltag der Menschen ansetzen. „Wir werden zu denjenigen gehen, die uns am meisten brauchen“, versprach Ministerin Schmidt. „Die kommunale Ebene ist das zentrale Feld, wo die Arbeit stattfinden wird.“ 

Die Initiative „IN FORM“ will Modellprojekte im Laufe der Jahre testen und in reale Strukturen umwandeln. Aus der Sicht vieler Organisationen mit dem DOSB an der Spitze sollen aber die längst vorhandenen Strukturen genutzt und in die flächendeckenden und nachhaltig wirkenden Projekte eingebunden werden, um nicht wieder von vorne anfangen zu müssen und unnötig Geld auszugeben. Mit „INFORM“ soll gerade in den Kommunen für einen Schub gesorgt werden, um für eine langfristige Bekämpfung von Fehlernährung und Übergewicht zu sorgen. 


  • Die Ministerinnen Ulla Schmidt und Ilse Aigner (v.l.) wollen Deutschland "IN FORM" bringen. Copyright: picture-alliance
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