Spitzensport- und Berufskarriere im Einklang – eine schwierige Balance

Die Drop-out-Problematik im Sport ist nicht neu.

 

Trotzdem oder gerade deshalb hat der Sportausschuss des Deutschen Bundestages sich ihrer in einer öffentlichen Anhörung – der nunmehr dritten innerhalb der laufenden Legislaturperiode – angenommen: Rund drei Stunden referierten und diskutierten die zwölf eingeladenen Sachverständigen mit den anwesenden Ausschussmitgliedern speziell über die „Drop-out Situation von Nachwuchssportlern beim Übergang vom Junioren- zum Seniorenbereich“. Dabei sollten vor allem die Ursachen und (wissenschaftlich) gesicherten Daten und Fakten zum Thema auf den Tisch des Hauses gelegt werden, um daraufhin weiterreichende Konsequenzen zur möglichen Eindämmung des Problems zu erörtern und anzuregen.

 

Unter den Sachverständigen waren mit der Hochspringerin Ariane Friedrich und den beiden anderen Leichtathleten Florian Schwarthoff und Christian Schenk sowie dem Radsportler Andreas Walzer auch vier (ehemalige) Aktive aus dem Hochleistungssport zugegen, die als „Not-drop-out“ Fälle gelten können und jeweils knapp aus persönlicher Erfahrung darüber berichteten, wie und von wem und durch welche Weichenstellungen sie im Laufe ihrer äußerst erfolgreichen Karrieren stark gemacht und somit vor einem vorzeitigen Drop-out immunisiert wurden. Dabei gilt es prinzipiell, gerade beim Wechsel von der Junioren- in die Seniorenkonkurrenz - dem sogenannten „Knotenpunkt“ in der Karriere von Athleten - zwischen externen (z.B. Ausbildung, Studium, Beruf) und rein sportimmanenten Faktoren zu unterscheiden: „Beim Übergang vom Junioren- in den Aktivenbereich erreichen nur die allerwenigsten sofort den Anschluss an die nationale oder gar internationale Spitze. Dieses Misserfolgserlebnis führte bei vielen zu einem Motivationsloch und zum Abbruch der Karriere“, erinnert sich der mittlerweile als Architekt in Berlin beruflich tätige Florian Schwarthoff an jenen Zeitpunkt, von dem an plötzlich nicht mehr zwei, sondern eine zweistellige Zahl von Jahrgängen in den einzelnen Sportarten und -disziplinen um Siege und Titel ringen.

 

Für den Geschäftsbereich Leistungssport des Deutschen Sportbundes (DSB) berichtete Dr. Arne Güllich über konzeptionelle Maßnahmen, insbesondere über verschiedenste Beratungs- und Serviceleistungen von Verbandstrainern und Laufbahnberatern an den Olympiastützpunkten bei der Karriereplanung und -nachsorge. Er trug auch Ergebnisse einer Befragung von ehemaligen Spitzensportlern vor, wonach eine Dämpfung der Drop-Out-Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, „wenn in einer vielfältigen sportlichen Grundausbildung Erfahrungen im wettkampfbezogenen Engagement in verschiedenen Sportarten gesammelt werden, wenn Fähigkeiten zum selbstbestimmten Design und der Organisation der eigenen multiplen Karriere aufgebaut und bildungsbezogene Kompetenzen entwickelt werden“.

 

Von allen Seiten hoch gelobt wurde der 1999 ins leben gerufene Rahmenkooperationsvertrag zwischen dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband (ADH) als Initiator, der Hochschulrektorenkonferenz, der Stiftung Deutsche Sporthilfe, dem Studentenwerk und dem DSB, der u. a. die Flexibilisierung von studien- und prüfungsbezogenen Zeitabläufen der Sportlerinnen und Sportler vorsieht, um Studium und Leistungssport in eine optimale Passung zu bringen. Insgesamt 45 Hochschulen in Deutschland haben inzwischen solche Kooperationsvereinbarungen („Partnerhochschulen des Spitzensports“) geschlossen. Das Ministerium für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein-Westfalen hat sogar eine Landesinitiative dazu gestartet. In diesem Zusammenhang wurde auch die „Sozialfigur des Kümmerers“ ins Gespräch gebracht - jene Person vor Ort in der Hochschule, die das Netzwerk zwischen Sportlern und Lehrkörper aufbaut und moderiert. Rund 40% der Olympiamannschaft in Sydney 2000 waren Studierende oder Akademiker, in Athen 2004 dürfte es kaum anders sein. Aktuell sind 850 Bundeskader als Studierende immatrikuliert.

 

Ein Fazit zum Schluss: Auch nach dieser öffentlichen Anhörung bleibt das Problem Drop-out im Hochleistungssport bestehen. Vermutlich ist es auch gar kein Problem, das man ein für alle mal lösen kann – denn: „Weltmeister werden und die Schule schaffen“ (so der Titel einer bekannten Berliner Studie zur Doppelbelastung aus den 1990er Jahren) ist eben kaum verlässlich planbar und allemal leichter gesagt als getan. Die Situation, in der sich junge Leistungssportlerinnen und Leistungssportler befinden, ist eher mit einem schwierigen Balanceakt zu vergleichen, bei dem man eine Sache ganz intensiv verfolgen muss, um erfolgreich zu sein, ohne die andere und damit auch die Zeit danach völlig aus den Augen zu verlieren. Ein wahrlich schwieriges Unternehmen, bei dem vielfältige Unterstützungsleistungen vor, während, aber selbst noch nach der Karriere gefragt sind. Daran ließen auch die Anhörenden und Angehörten im Bundestag keinen Zweifel.