"Sport wird immer wichtiger"

Ein Gespräch mit Bundespräsident Johannes Rau über die Rolle des Sports in der Gesellschaft und für die Gesundheit, über Vorbilder, die Wichtigkeit in der Politik sowie die Bedeutung des Ehrenamts in Sportvereinen.

Quelle: Bundespresseamt
Quelle: Bundespresseamt

 

Sechs sportpolitische Fragen an Bundespräsident Johannes Rau, dessen Amtszeit im Sommer endet 

DSB Presse: Sehr geehrter Herr Bundespräsident, Sie haben in den fünf Jahren Ihrer Amtszeit einen intensiven Einblick in viele gesellschaftliche Bereiche nehmen können. Welche Bedeutung kommt dabei dem Sport zu und welche Rolle wird er Ihrer Meinung nach bei der Zukunftsentwicklung unserer Gesellschaft spielen?  

Johannes Rau: Zunächst einmal: Der Sport wird immer wichtiger. Ich nenne nur wenige Beispiele: Nehmen Sie die Bewegungsarmut unserer modernen Lebensweise, ein Problem, das schon die Kinder betrifft und das ihnen für das ganze Leben schaden kann.  Hier kann der Sport vorsorgend und ausgleichend wirken. Damit das aber gelingt, müssen sich die Jugendlichen für den Sport wirklich begeistern lassen. Junge Menschen brauchen Vorbilder, und gerade Spitzensportler können Kinder und Jugendliche durch ihre Erfolgen motivieren. Sie können darüber hinaus mit Leistung, Fairness und Charakterstärke Vorbild sein.

Da kommt auch die große Bedeutung der Medien für den Sport ins Spiel. Natürlich bleibt Fußball die Nummer eins, er ist wahrscheinlich die medientauglichste Sportart – und die kommende Europameisterschaft und erst recht die Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland werden das noch einmal zeigen. Es ist aber interessant, dass selbst so eine Sportart wie Skispringen durch gute Inszenierung ein richtiges Medienereignis geworden ist. Viel hängt natürlich von den Persönlichkeiten ab, ob eine Sportart „entdeckt“ und beachtet wird, denken Sie an das Auf und Ab im Tennis...

DSB Presse: Sie haben sich vor knapp zwei Jahren ohne jedes Zögern bereit erklärt, die Schirmherrschaft für die Gesellschaftskampagne des Deutschen Sportbundes zu übernehmen. Was hat der Sport mit dem DSB an der Spitze in dieser Zeit für unsere Gesellschaft leisten können? Welche Eindrücke sind von diesen beiden Jahren geblieben?

Johannes Rau: Ich denke zunächst einmal an eine angenehme Pflicht meines Amtes: die Verleihung des Silbernen Lorbeerblattes an herausragende Sportler. Die vielen deutschen Medaillengewinner der Olympischen und der Paralympischen Spielen in Salt Lake City waren im Schloss Bellevue zu Gast, aber auch die Vizeweltmeister-Mannschaft der Männer im Fußball und die Frauen-Fußballmannschaft, die im letzten Jahr sogar Weltmeister wurde. Da sehen wir immer wieder, welche Spitzenleistungen im deutschen Sport erreicht werden. Damit kann viel bewirkt werden: Die Vorbildwirkung habe ich schon genannt, ich denke aber auch an das Ansehen unseres Landes in aller Welt. Das Image, das wir über sportliche Leistungen und Erfolge vermitteln können, kann gar nicht überschätzt werden.

"Man kann den großen Nutzen, den die Gesellschaft aus dem Breitensport und aus den Sportvereinen zieht, gar nicht hoch genug veranschlagen."

Zugleich dürfen wir den Breitensport nicht vergessen. Der ist natürlich weniger spektakulär, aber ohne ihn wäre der Spitzensport undenkbar. Der Breitensport fördert – neben der Fitness und den persönlichen Erfolgserlebnissen - vor allen Dingen soziales Lernen und sozialen Zusammenhalt. Das alte Motto „Sport ist im Verein am schönsten“ habe ich immer für besonders treffend gehalten. Da ist natürlich viel ehrenamtliches Engagement gefragt und die Bereitschaft vieler Bürgerinnen und Bürger, Aufgaben für andere zu übernehmen. Das bringt nicht immer nur Spaß. Aber eine funktionierende Gemeinschaft, einen funktionierenden Verein gibt es nur, wenn die einen sich für die anderen einsetzen. Man kann den großen Nutzen, den die Gesellschaft aus dem Breitensport und aus den Sportvereinen zieht, gar nicht hoch genug veranschlagen. Auch deshalb habe ich die Schirmherrschaft über die Initiative „Sport tut Deutschland gut.“ übernommen.

DSB Presse: Der organisierte Sport ist in unserer heutigen Zeit in vielen gesellschaftlichen Problemfeldern unverzichtbar, vor allem im gesundheitlichen Bereich. Er muss aber auch immer mehr um seine finanziellen Ressourcen kämpfen. Sollte er dabei nicht mehr Hilfestellung durch die Politik finden?

Johannes Rau: Der Sport braucht Unterstützung und der Sport verdient Unterstützung - auch durch die Politik. Das gilt für den Breitensport und für den Spitzensport. Diese Unterstützung kann sich aber - besonders im Breitensport - nicht nur in Geld ausdrücken. Wie jeder weiß, ist das Geld knapp. Darum - aber nicht nur darum - muss, wie auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen, das bürgerschaftliche Engagement im Sport eine noch größere Rolle spielen. Der Sport geht dabei allerdings schon seit langem mit gutem Beispiel voran: Ich nenne nur die Arbeit der Stiftung Deutsche Sporthilfe. Vor allem aber nenne ich den im eigentlichen Sinn unbezahlbaren millionenfachen Einsatz von Bürgerinnen und Bürgern für ihre Sportvereine: Dieses Engagement habe ich, ebenso wie meine Vorgänger, oft mit der Verleihung der Sportplakette des Bundespräsidenten würdigen können. Diese Auszeichnung, die es seit zwanzig Jahren gibt, konnte inzwischen an mehr als 5000 Turn- und Sportvereine oder -verbände verliehen werden.

DSB Presse: Immer mehr ältere Menschen finden den Zugang zu Sportvereinen, aber längst noch nicht genug. Was kann der Sport gerade Menschen im höheren Alter bringen?

Johannes Rau: All das, was er auch jüngeren Menschen bringen kann: Geselligkeit, körperliche Fitness und auch seelischen Ausgleich. Wenn Sport vernünftig betrieben wird, bringt er einen großen Nutzen. Man weiß, dass es das Immunsystem stärkt, wenn wir Sport treiben und dass Sport die sogenannten Glückshormone freisetzen kann. Sport kann uns also gesund erhalten und gute Laune machen.

"Den Seniorensport halte ich für einen ganz wichtigen Beitrag, auch vor dem Hintergrund, dass unsere Gesellschaft immer älter wird."

DSB Presse: Was können Sie diesen Senioren mit auf den Weg geben, dass sie genügend Mut finden, den ersten Schritt in Richtung Sportverein zu tun?

Johannes Rau: Das ist weniger eine Frage des Mutes als eine Sache der Gewohnheit und der Vorlieben. Je mehr Menschen in unserer Gesellschaft aktiv Sport treiben, desto selbstverständlicher wird es auch für ältere Menschen sein, weiterhin Sport zu treiben oder sogar dann damit anzufangen. Warum sollten sie im Alter auf vertraute Freizeitbeschäftigungen verzichten? Den Seniorensport halte ich für einen ganz wichtigen Beitrag, auch vor dem Hintergrund, dass unsere Gesellschaft immer älter wird.

DSB Presse: In diesem Jahr stehen mit der Fußball-Europameisterschaft und den Olympischen Spielen zwei sportliche Großereignisse auf dem Programm. Was erwarten Sie von der Sportnation Deutschland?

Johannes Rau: Ganz klar, dass wir Fußball-Europameister werden. Aber im Ernst: Ich denke, jede und jeder sportbegeisterte Deutsche wünscht sich, dass Rudis Truppe möglichst weit kommt, am besten bis ins Endspiel. Von unseren Olympioniken erhoffe ich mir ein Ergebnis, das sich an dem Erfolg der Wintersportler in Salt Lake City messen lassen kann. Das wird schwer werden, denn wir sind im Wintersport zur Zeit ganz stark.

Vor allem aber wünsche ich mir, dass unsere Sportlerinnen und Sportler ihr Bestes geben und alles versuchen, um ganz vorn ins Ziel zu kommen. Ich denke, wenn die Einstellung und der Einsatz stimmen, dann nehmen Fans im Stadion und die Zuschauer zu Hause den Athleten ein fehlendes Quäntchen Glück nicht übel. Das hat auch die Begeisterung über die Vizeweltmeisterschaft unserer Fußballer gezeigt, und das ist für alle Sportler wichtig.


  • Quelle: Bundespresseamt
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