WM 2006 - Beginn einer neuen Medienära?

An historischer Stätte stand nicht weniger als die Zukunft des Sportjournalismus auf dem Programm: Welche Ergebnisse brachte im Berliner Olympiastadion die Diskussion rund um die Frage "WM 2006 - Beginn einer neuen Medienära?"

Der Sporttag der Medienwoche Berlin sollte im Vorfeld der Internationalen Funk-Ausstellung (IFA) die digitale Eroberung des Mediensports verdeutlichen und gab Anlass, die zukünftige Rechtevergabe des Fernsehsports zu diskutieren. Schon in seiner Begrüßung forderte Bundesinnenminister Otto Schily plakativ: „Fußball ist ein Volkssport und muss es bleiben. Der Fußball gehört ins Free-TV.“ Anschließend wechselten sich auf dem Podium unter anderem Franz Beckenbauer, Karl-Heinz Rummenigge, Hans Mahr (Premiere), Fritz Pleitgen vom WDR oder der Vorstandsvorsitzende der ProSiebenSAT.1 Media AG, Guillaume de Posch, ab - für reichlich Dissonanzen war also gesorgt.

 

"...samstags Fußball erst nach 22.00 Uhr im Free-TV?"

Unter dem frischen Eindruck des Verkaufs der Übertragungsrechte für die Champions-League ab 2006 an Premiere stand vor allem die Zukunft des Fernsehfußballs im Mittelpunkt der teils forschen Diskussion. Kernpunkt ist, dass der Fußball zwar einerseits die höheren Erlöse aus dem Verkauf der Rechte an Pay-TV-Sender benötigt, andererseits durch fehlende Ausstrahlung in Free-TV-Programmen aber Sponsorengelder verloren gehen. Bayern München-Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge warf Premiere vor, sich als „Mäzen der Bundesliga aufzuspielen“, richtete seine Kritik aber vor allem an die UEFA, die den neuen Vertrag ohne Rücksprache mit den Vereinen abgeschlossen hätte. Premiere-Vorstandsmitglied Hans Mahr versprach dagegen „mehr Champions League denn je im frei empfangbaren Fernsehen“, an jedem Spieltag sei mindestens eine Partie im Free-TV zu sehen, auch jeder beteiligte deutsche Verein sei „mindestens ein Mal“ frei zu sehen. Tatsächlich wird sich Premiere vertragsgemäß noch um die Ausstrahlung im Free-TV bemühen müssen.

 

WM 2006-OK Chef Franz Beckenbauer brachte für die kurz bevorstehende Vergabe der Bundesliga-Fernsehrechte erneut die weitere Aussplitterung des Spieltages ins Gespräch: „Der Freitag wäre doch ein Kompromiss.“ Mahr ging sogar noch einen Schritt weiter und fragte: „Warum nicht samstags Fußball erst nach 22.00 Uhr im Free-TV?“ Eine Verlagerung der Sportschau wollte jedoch Fritz Pleitgen nicht hinnehmen, sie entspreche nicht den Gewohnheiten der Zuschauer. Der WDR-Chef proklamierte sogar, dass auch „nach Auffassung des Bundesverfassungsgerichte der Spitzensport zu den gesellschaftlich relevanten Inhalten gehöre und daher im Free-TV bleiben“ müsse. Er plädierte daher für eine „vernünftige Kombination aus Pay- und Free-TV.“

 

Zauberwort: HDTV

Einig waren sich alle Vertreter des Medienforums dagegen, dass der Sportjournalismus eine Art Seismograph für die digitale Zukunft der Medien sein wird. Nach ersten Gehversuchen 2004 bei Fußball-EM und Olympia soll nun die Fußball-WM 2006 den digitalen Angeboten zu medialer Öffentlichkeit verhelfen. Wie 1936 mit den Fernsehübertragungen der Spiele in Berlin, und 1954, als der WM-Titel dem Fernsehen zum Durchbruch verhalf, oder 1972, als Olympia endgültig Farbe in deutsche Wohnzimmer brachte, soll 2006 der Sportjournalismus wieder ein Motor der Medienentwicklung sein. „Fußball und Fernsehen waren immer Verbündete“, erklärte Hertha BSC-Präsident Bernd Schiphorst, „das digitale Fernsehen hat Marktreife erreicht und wird einen globalen Siegeszug antreten.“ Wie diese Allianz in Zukunft jedoch aussehen soll - darüber bestand durchaus Uneinigkeit. Zu hören waren auf der Tagung meist Schlagworte wie Verwertungsstrategie, Nutzen-/Kostenrechnungen, Contentmanagement und vor allem eine Reihe von Kürzeln, die einer Klärung bedürfen.

 

Als Zauberwort gilt HDTV, das High Definition Television. HDTV verspricht Bilder in fünf Mal höherer Auflösung als beim bisherigen PAL-Format und von hoher Farbbrillanz. „HDTV hat mich sehr beeindruckt“, schwärmte Bayern-Boss Rummenigge, „man hat den Eindruck von 3-D-Bildern und ist halb im Stadion dabei.“ Zur WM werden alle Bilder in HDTV-Qualität erstellt - allerdings verfügen bislang die wenigsten Zuschauer über ein Gerät, das dies auch darstellen kann („HD-Ready“). Die ARD hat sich deshalb entschlossen, die WM im alten Modus auszustrahlen, allein Premiere wird alle Spiele in hochauflösenden Bildern anbieten.

 

Sport im Kinoformat und mobiles "Live-Betting"

Eine weitere technische Neuerung ist das Bildformat 16:9, dass zur WM das gängige 4:3-Format ablöst. Am 3. September konnten die Fernsehzuschauer im ZDF mit Länderspiel, Übertragungen vom Hockey und Rudern sowie dem Aktuellen Sportstudio („XXL Sport im Kinoformat“) das von der BILD-Zeitung „Balken-Fußball“ titulierte Format erleben. „Ich glaube, das stört die wenigsten“, erklärte Pleitgen unverdrossen - auch wenn er selbst die Verbreitung mit 16:9-fähigen Fernsehgeräten bis zum Jahresende mit „unter 10 Prozent“ bezifferte. Premiere wird deshalb alle Spiele in beiden Formaten anbieten. Freuen darf sich vor allem die Industrie, denn die verspricht sich durch die WM einen Impuls ähnlich dem Verkauf von Fernsehgeräten bei der WM 1954. „Zur WM 2006 soll in jedem dritten Haushalt ein Breitbild-Fernseher stehen“, hofft Hans-Joachim Kamp, Chef von Philips Deutschland, stellvertretend für die Gerätehersteller.

 

Bei den digitalen Verbreitungstechniken soll die Weltmeisterschaft dem sogenannten DVB-H einen Schub geben. Digital Video Broadcast for Handhelds bedeutet die Möglichkeit, Fernsehbilder auf das mobile Telefon zu senden - eine Weiterentwicklung des DVB-T, des digitalen Antennenfernsehens, dass unter dem Stichwort „Überall-Fernsehen“ bereits in Deutschland eingeführt wurde, zusammen mit UMTS. Ob sich der Zuschauer tatsächlich ein Spiel auf dem Miniaturbildschirm seines Handys live ansehen möchte, ist jedoch mehr als fraglich. Warum auch? Schließlich wird es die WM weitgehend im Free-TV, auf den Fanfesten in mehreren Städten oder in Kneipen geben. „Wir hoffen auf Live-Bewegtbilder von der WM“, so Matthias Immel von T-Mobile, „aber es wird ein Nischenmarkt bleiben.“ Seine Firma setzt dagegen vor allem auf mobiles „Live-Betting“ mit dem Handy.

 

Über die inhaltlichen Aspekte des Sportjournalismus vor der WM 2006 wurde in Berlin wenig gesagt, Streitpunkte waren vielmehr Geräte, Formate, Netze und Rechte. Eine Fortsetzung der Diskussion steht bereits an, denn der Verkauf der TV-Senderechte der EM 2008 durch Sportfive dürfte in dieser Situation heikel werden. Zum Abschluss des WM-Tages in Berlin zog denn auch Fritz Pleitgen ein durchaus widersprüchliches Fazit: „Der Gewinner der WM 2006 ist vor allem das Publikum.“