Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Wer in der Schule etwas „bewegen“ will, braucht viel Geduld. Bernd Gehring hat am Julius-Echter-Gymnasium im bayerischen Elsenfeld ein Sportkonzept etabliert.

Die Kinder am Julius-Echter-Gymnasium lernen die  verschiedensten Sportarten kennen. Foto: Julius-Echter-Gymnasium
Die Kinder am Julius-Echter-Gymnasium lernen die verschiedensten Sportarten kennen. Foto: Julius-Echter-Gymnasium

Neue Ideen, die den Schulalltag eines Kollegiums betreffen, stoßen bei Lehrkräften selten auf Gegenliebe – ganz besonders, wenn es um mehr Bewegung in der Schule geht und nicht um Mathe oder Deutsch. Bernd Gehring hat 2013 mit seinem Kollegen Chris-Angelo Ziegler begonnen, Überzeugungsarbeit zu leisten: Gemeinsam haben sie einen Weg gefunden, am Julius-Echter-Gymnasium ein Sportkonzept zu etablieren, der zu zwei fest eingerichteten Sportklassen in der Jahrgangsstufe fünf und sechs geführt hat. In diesen zwei Schuljahren lernen die Kinder ein besonders vielfältiges Sportangebot kennen, von dem die ganze Schule profitiert. Im Interview erzählt Gehring, was den Erfolg des Sportkonzeptes ausmacht.

DOSB-PRESSE: Worin unterscheidet sich das Schulsportprojekt des Julius-Echter Gymnasiums von anderen Schulsportprojekten? Ganz abgesehen von den Eliteschulen des Sports.

BERND GEHRING: Es gibt viele Schulen, die sich auf bestimmte Sportarten festlegen. Wir wollen sportbegeisterte Kinder hervorbringen, die auch außerhalb der Schule viel miteinander erleben. Uns hebt hervor, dass wir in den zwei Jahren der Sportklasse gemeinsam den Spitzensport in der Region besuchen. Dafür wir haben mit dem TV Großwallstadt eine Kooperation und sind dort bei den Heimspielen zu Gast. Wir arbeiten mit den örtlichen Vereinen zum Beispiel dem Kanuverein zusammen, gehen zum Klettern, zum Golf spielen, auf den Reiterhof oder auch mal zum Bogenschießen. Uns ist es wichtig, dass die Schülerinnen und Schüler die Vielfalt des Sports kennenlernen, gemeinsam Neues entdecken. Jeder soll seine Talente einbringen können. Ziel ist es, viel Zeit miteinander zu verbringen, was dazu führt, dass eine gute Klassengemeinschaft entsteht. Die Klasse ist füreinander da und es bildet sich ein gutes motivierendes Lernumfeld – das ist für uns entscheidend.

DOSB-PRESSE: Was hat die Schulgemeinschaft davon, dass es das Schulsportprojekt gibt?

BERND GEHRING: In der Schule merkt man, seit das Projekt läuft, dass auch für alle anderen viel mehr Bewegungsmöglichkeiten bestehen als zuvor. Der Pausenhof ist attraktiver gestaltet worden. Es gibt einen kleinen Sportplatz und Tischtennisplatten. Die Kinder können sich Stelzen ausleihen, mit Pedalos fahren, Jonglieren, Bälle und Seile ausleihen, in Freistunden wird Basketball und Tischtennis gespielt. Wir sind durch das Projekt eine aktivere Schule geworden. Bei Doppelstunden ist es mittlerweile gängig, dass viele Lehrer nach einer Stunde fünf bis sechs Minuten mit den Kindern rausgehen, frische Luft schnappen, was spielen und dann merkt man, dass die Kinder danach im Unterricht wieder konzentrierter und fokussierter sind. Zwischendurch machen wir in den Stunden kurze Pausen und Bewegungsübungen. Darin bilde ich die Lehrkräfte intern fort.

DOSB-PRESSE: Wie wichtig ist die Kooperation mit den Sportvereinen für ein solches Projekt?

BERND GEHRING: Es ist für uns auf dem Land schwierig, Übungsleiter zu finden, die noch nachmittags für weitere Schularbeitsgemeinschaften eingesetzt werden könnten. Die Zusammenarbeit mit den Vereinen ist bei uns deshalb vor allem durch Aktionstage geprägt und vor diesem Hintergrund sehr wichtig. Voriges Jahr hatten wir beispielsweise Handballweltmeister Dominik Klein bei uns an der Schule. Durch die weiten Wege auf dem Land ist es für die Kinder oft auch schwer, ein breites Vereinsangebot zu nutzen. Wenn sie erst einmal nach der Schule zu Hause sind, passiert dann nicht mehr viel. Umso wichtiger ist unser vielfältiges Schulsportangebot. Wir stellen die Sportarten aus der Region vor, damit die Kinder das Interesse entwickeln können, um den Sport eventuell weiterzuführen. Meist sind die Kinder der Sportklasse zwar im Verein schon fest etabliert, was aber durchaus mal passiert ist, dass ein Kind eine neue Sportart für sich entdeckt und beispielsweise vom Fußball zum Volleyball wechselt.

DOSB-PRESSE: Was ist mit den Kindern, die nicht so talentiert sind, aber doch gerne in der Sportklasse wären?

BERND GEHRING: Es gibt immer auch Kinder, die nicht so sportlich sind. Aber wenn sie alles mitmachen, dann sind sie genauso Teil der Sportklasse und spüren auch das Gemeinschaftserlebnis. Das ist für Kinder das Entscheidende. Die Voraussetzung ist das sportliche Interesse und die Bereitschaft, die Angebote mitzumachen, das wird eigentlich schon früh durch die Eltern geprägt. Sie sind die ersten Bewegungsvorbilder, sie legen die Grundlagen und wir können das Talent in der Vielfalt fördern. Was mir bei dem Konzept wichtig ist, dass die Eltern bei Aktivitäten außerhalb der Schulzeit dabei sind. So wie kürzlich bei einem Volleyball-Heimspiel, beim Zeltlager mit Kanufahren oder beim Ski-Ausflug übers Wochenende. Diese Aktionen haben mittlerweile dazu geführt, dass einige Familien unabhängig von der Schule einen Kanu-Urlaub gemacht haben. Diese Erlebnisse sind ansteckend – genau das ist die Idee hinter dem Konzept. Es ist auch ein Beitrag, das lebenslange Sporttreiben zu fördern. Die Möglichkeiten des Sportunterrichts sind allerdings begrenzt, wenn ein Kind kein Interesse hat und motorische Grundvoraussetzungen fehlen.

DOSB-PRESSE: Was sind die zentralen Elemente, damit ein Sportprojekt – welcher Art auch immer - erfolgreich sein kann?

BERND GEHRING: Eine Akzeptanz der Schulleitung, ein gutes Lehrerteam, das den Sport verkörpert und voll hinter dem Projekt steht und als Lehrkraft selbst, muss man die Begeisterung für den Sport und für das, was man damit erreichen will, verkörpern. Alles in allem würde ich als Sportler sagen: Wo ein Wille ist, das ist auch ein Weg.

DOSB-PRESSE: Was ist nötig, damit ein Schulsportprojekt langfristig erhalten bleibt?

BERND GEHRING: Man muss es auf breitere Beine stellen. Die anderen Kollegen erkennen die Vorteile des Projektes durch die angenehmen Effekte des sportlichen Miteinanders. Die Erlebnisse mit dem Sport vereint auch sie. Diese Begeisterung muss auch die Schulleitung erkennen, Fortbildungen ermöglichen und Lehrkräften, die sich engagieren wollen, den Rücken freihalten. Die Schulleitung sollten Anreize schaffen, damit Sportlehrkräfte sich freiwillig für das Projekt einsetzen und dauerhaft die Arbeitsbelastung schaffen, also: Entlastungsstunden, Anrechnungsstunden oder sie in Klassen unterrichten lassen, die nicht so korrekturintensiv sind. Ein Beispiel: Ich habe 16 Stunden für Sport- und Englischunterricht. Für Englisch-Klausuren in der Oberstufe muss ich etwa eine Stunde pro Schüler rechnen. Bei 25 Schülern sind das bei 2 Klausuren im Jahr 50 Stunden. Diese 50 Stunden investiere ich mit den Schülern bei Aktionstagen ins Sportprojekt, deshalb bin ich weniger in der Oberstufe im Englisch-Unterricht eingesetzt. Solche Anreize sind wichtig, damit sich Lehrkräfte auf Neues einlassen. Zudem ist es wichtig, dem Kollegium die Vorteile aufzuzeigen. Wenn die Eltern uns Lehrkräfte kennen und sie wissen, man tut was für das Kind, wird man von Eltern sehr wohlwollend betrachtet. Das ist Teil meines Zeitmanagements. Wenn ich mal zwei Stunden ein Handballspiel mit Eltern und Kindern begleite, spart mir das schwierige Elterngespräche. Dazu kommt, dass auch die Kinder gerne lernen, weil wir uns gut miteinander verstehen. Wenn man sich gut versteht, will man auch zeigen: „Hey, ich kann was“. Es gibt daher keinen Tag an dem ich schlecht gelaunt nach Hause komme. Das tut auch meiner Gesundheit gut. Die Vorteile sind enorm, das ist wichtig den Kolleginnen und Kollegen das deutlich zu machen.

Zur Person:

Bernd Gehring ist examinierter Sportlehrer und Diplomsportwissenschaftler. Studiert hat er an der Universität Würzburg und an der Mississippi State University. Er unterrichtet seit 2013 am Julius-Echter Gymnasium und hat das Sportkonzept für die Sportklassen mit seinem Kollegen Ziegler entwickelt. Ziegler arbeitet aktuell im IT-Bereich der Schule. Gehring ist 40 Jahre alt, ledig und wohnt in Aschaffenburg. Seine Stammsportarten sind Radsport, Basketball und Volleyball.

(Das Interview führte Yvonne Wagner)


  • Die Kinder am Julius-Echter-Gymnasium lernen die  verschiedensten Sportarten kennen. Foto: Julius-Echter-Gymnasium
    Die Kinder am Julius-Echter-Gymnasium lernen die verschiedensten Sportarten kennen. Foto: Julius-Echter-Gymnasium
  • Auch ein Zeltlager mit Kanuausfahrten  kann auf dem Lehrplan stehen. Foto: Julius-Echter-Gymnasium
    Auch ein Zeltlager mit Kanuausfahrten kann auf dem Lehrplan stehen. Foto: Julius-Echter-Gymnasium