27. Januar 2026: Demokratie verteidigen - Lernen aus der Geschichte des Sports
Vor 81 Jahren, am 27. Januar 1945 wurde das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Jedes Jahr rund um diesen Tag gedenken Sportvereine und -verbände, insbesondere im Fußball, an den Spiel- und Turniertagen der verfolgten, deportierten und ermordeten Menschen im Nationalsozialismus.

27.01.2026

Die Rolle des Sports im NS
Die NS-Diktatur hat sich den Sport auf unterschiedliche Weise zu Nutze gemacht: Sport diente dazu, die Arbeitsmoral und Kriegstüchtigkeit zu steigern und die Freizeitgestaltung zu normieren.
Besonders zynisch zeigte sich die Rolle des Sports in den Konzentrationslagern. Einerseits sollte er dort für die Unterhaltung der KZ-Aufseher sorgen, gleichzeitig war der Sport Vernichtungsinstrument - unterernährte Menschen wurden zu Leibesübungen gezwungen, bis sie vor Erschöpfung zusammenbrachen. Und nicht zuletzt diente er als Propagandamittel. Die Olympischen Spiele vor 90 Jahren waren ein Paradebeispiel dafür, wie die Nazis sportliche Großereignisse dafür nutzten, ihre Macht zu demonstrieren und ihre Ideologie zu verankern - auch über die Landesgrenzen hinaus. In “Vorbereitung” der Sommerspiele 1936 in Berlin wurden nicht nur Hunderte Antifaschist*innen verhaftet, um Protestaktionen zu verhindern. Es wurden außerdem rund 600 Sinti*zze und Rom*nja von der Polizei aus ihren Wohnungen und Wohnwagen geholt und in das Zwangslager Marzahn deportiert, welches später als Sammelstelle für Deportationen in Konzentrationslager wie Auschwitz diente. Damit wurden die Olympischen Spiele auch als Vorwand zur Umsetzung der rassistischen Verfolgungspolitik des NS-Regimes genutzt.
Sport damals - unpolitisch?
Wie nahezu alle gesellschaftlichen Bereiche hat sich auch der Sport dem politischen System des Nationalsozialismus teils bereitwillig untergeordnet. Die Vielfalt an Sportverbänden, die sich einst aus jüdischen, konfessionellen, bürgerlichen und Arbeiter*innenverbänden zusammensetzte, wurde ausgedünnt und gleichgeschaltet. Widerstand kam fast ausschließlich aus den Arbeiter*innenvereinen, wobei viele Sportler*innen bereits 1933 inhaftiert und einige von ihnen ermordet wurden.
So enthoben Sportvereine teilweise in vorauseilendem Gehorsam jüdische Spieler ihrer Ämter und schlossen sie aus dem Verein aus. Dabei wurden gerade bestimmte Sportarten, wie der Fußball, vielfach durch Juden in Deutschland etabliert - nicht zuletzt durch Walter Bensemann, Gründer des Kickers und Mitbegründer des DFB.
Viele der führenden Sportfunktionäre blieben auch nach 1945 in ihren Ämtern, was eine Aufarbeitung der Rolle des Sports im NS lange verhinderte, auch hier wieder mit dem gern getragenen Etikett des „unpolitischen Sports“. Mehr als ein halbes Jahrhundert sollte es dauern, bis (einige) Vereine, der DFB, der Deutsche Alpenverein und der DTB mit der Aufarbeitung ihrer Rolle während der NS-Zeit begonnen haben. In den letzten Jahren wurde der Fokus auf die Aufarbeitung von Täter*innen im Sport gelegt. Hier gab und gibt es einige Aufarbeitungsprojekte, die mit wissenschaftlicher Begleitung in Sportverbänden durchgeführt wurden und werden.
Sport heute - unpolitisch? Was hat das heute mit uns zu tun?
Die Geschichte des unpolitischen Sports hält sich hartnäckig.
Das Argument des neutralen, unpolitischen Sports wird meist angeführt, wenn Vereine sich gegen Rassismus, Antisemitismus oder Homophobie engagieren und diese Aktivitäten schlecht geredet werden. Dies ist mitunter auch eine Strategie von Gegnern des Sports, wie wir ihn derzeit leben. Die Absurdität ist, dass gerade antidemokratische Akteur*innen meist ihre Funktionen in den Organisationen nutzen, um ihre politische Ideologie zu verbreiten. Die Geschichte lehrt, dass Sportvereine nicht isoliert von ihrer gesellschaftspolitischen Umgebung existieren.
Mitbestimmung, Gleichberechtigung, Partizipation. Es ist nicht nur die Aufgabe, sondern auch eine große Chance, allen Vereinsmitgliedern, unabhängig ihrer Herkunft, Religion oder sexuellen Orientierung, dieselben Chancen einräumen, am Sportgeschehen teilzunehmen. Diese demokratischen Werte des Sports sind in Gefahr, wenn menschenfeindliche feindliche Akteur*innen ihre Ideen teilen und Einfluss ausüben können.
Was kann der organisierte Sport tun?
Der Sport mit seiner Strahlkraft hat nicht nur das Potenzial, Millionen zu erreichen - er trägt auch die Verantwortung, unsere Werte zu leben und zu verteidigen.
Er übernimmt Verantwortung, indem beispielsweise dsj, DOSB und viele andere Sportverbände und -vereine erinnern, aufarbeiten und Material für die Praxis erstellen.
Wir sollten uns heute, 81 Jahre nach Ausschwitz, fragen: Welche Lehren sollten wir aus der Rolle des Sports im NS heute ziehen? Ist die Geschichte des Vereins in all seinen Fassetten bekannt? Gab es aktiven Widerstand innerhalb des Vereins? Wem nutzt die Geschichte des unpolitischen Sports wirklich?
Schauen wir heute hin, hören zu und überlegen: Was können wir tun! Walter Frankensteins, 2025 verstorbener Überlebender der Shoah und Fan von Hertha BSC sagte hierzu: Demokratie muss jeden Tag neu erkämpft werden, besonders in der jetzigen Zeit.
Hintergrund:
Teile des Textes entstammen dem Aufruf der Initiative „!NieWieder - Erinnerungstag im deutschen Fußball“. Das Netzwerk aus Fangruppen, Fanprojekten, antirassistischen Bündnissen, Amateur- und Profivereinen, der DFL und des DFB, dsj und DOSB sowie zahlreichen Personen und Institutionen aus der Zivilgesellschaft, organisiert seit 2003, den „Erinnerungstag im deutschen Fußball“, an den Spieltagen um den 27. Januar. Kernpunkte der Kampagne sind das mitfühlende Erinnern an das unendliche Leid, das Millionen Menschen in der NS-Zeit erfahren mussten, mit besonderem Blick auf die preisgegebenen Mitglieder der Fußball- und Sportfamilie, sowie die unbedingte Forderung, alles heute zu tun, „dass Auschwitz nie mehr sein!“. www.niewieder.info

