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„Ich liebe es, anzupacken und etwas zu verändern“

Mareike Miller ist seit sieben Wochen Mitglied des DOSB-Präsidiums. Die 35 Jahre alte Paralympicssiegerin im Rollstuhlbasketball erzählt, warum sie sich gern für andere engagiert und welche Ziele sie für sich und den deutschen Sport gern erreichen will.

DOSB Redaktion
DOSB Redaktion

26.01.2026

Zwei Frauen beim Rollstuhlbasketball
Bei den Paralympischen Spielen in Paris belegte Mareike Miller (r.) mit den deutschen Rollstuhlbasketballerinnen Rang sechs.

Einmal, nur ein einziges Mal hat sie sich gefragt, ob sie den richtigen Weg eingeschlagen hat. 2017 war das, als Mareike Miller im Deutschen Rollstuhl-Sportverband als Nachfolgerin für die damalige Athletensprecherin Marina Mohnen kandidierte, und jemand zu ihr sagte, dass sie doch sowieso die Einzige sei, die sich so ein Amt antun würde. „Da habe ich schon kurz überlegt, warum so eine Aussage kommt“, erinnert sich die 35-Jährige, die sich damals nicht beirren ließ und ihr erstes sportpolitisches Ehrenamt antrat. Zum Glück, wie wir heute wissen, denn seit dem 6. Dezember 2025, als sie von der Mitgliederversammlung des Deutschen Olympischen Sportbundes bestätigt wurde, zählt Mareike Miller als gewählte Vertreterin der Athlet*innen zum DOSB-Präsidium, sie hat Marathonläuferin Fabienne Königstein ersetzt und ist die erste aktive paralympische Sportlerin, die den Schritt ins Präsidium gegangen ist.

Dass sie überhaupt gehen kann, überrascht bis heute viele Menschen. „Wer mich nicht kennt, erwartet natürlich nicht, dass eine Fußgängerin kommt, wenn eine Rollstuhlbasketballerin angekündigt ist. Da gibt es immer wieder viel Erklärungsbedarf“, sagt die Paralympicssiegerin von 2012, die 2016 in Rio de Janeiro zudem Silber gewann und auch 2021 in Tokio und 2024 in Paris zum Kader der deutschen Frauen zählte. Stören tut sie das nicht, obwohl sie sich schon wünschen würde, dass zumindest unter Sportfans geläufiger wäre, dass ein Sportrollstuhl genauso ein Sportgerät ist wie ein Tennisschläger oder ein Ruder. „Ein Mitspieler von mir hat mal gesagt, dass der Rollstuhl für uns so ist wie das Paar Turnschuhe für Hallensportler, wir schlüpfen dort genauso hinein und nutzen ihn nur für Training oder Wettkampf.“

Zur Erklärung: Im Rollstuhlbasketball werden die Teammitglieder gemäß ihrer Einschränkungen bepunktet, die Punkte reichen von 1 bis 4,5, die Gesamtpunktzahl im Team darf 14 nicht überschreiten. Mareike, die ursprünglich „Fußgänger-Basketball“ spielte und wegen ihrer bis zum 18. Geburtstag erlittenen vier Kreuzbandrisse als Sportinvalidin gilt, ist mit 4,5 Punkten klassifiziert. „Ich wurde also in den Rollstuhlsport inkludiert und habe seitdem aus eigener Erfahrung heraus ein Faible für das Thema Inklusion“, sagt sie. Aber auch Geschlechtergerechtigkeit und das Schaffen eines professionellen Umfelds für Athlet*innen sind Felder, die sie seit acht Jahren mit viel Energie beackert.

Seit 2017 engagiert sie sich in sportpolitischen Ämtern

Die Lust daran, sich für die Allgemeinheit zu engagieren, sei bei ihr früh entstanden. „Ich habe mich schon immer dafür interessiert, warum Dinge so funktionieren, wie sie funktionieren. Ich bin ein neugieriger Mensch, der gern hinter die Kulissen schaut“, sagt sie. Der Weg durch die Gremien, den sie seit 2017 gegangen ist, erscheint ihr deshalb in der Rückschau auch nur logisch. Kurz nach der Wahl zur Athletensprecherin wurde sie in die Athletenkommission des Deutschen Behindertensport-Verbands (DBS) berufen, 2020 zur Gesamt-Aktivensprecherin gewählt. Ein Jahr später kandidierte sie erfolgreich für das Präsidium von Athleten Deutschland, 2022 wurde sie in ihrer DBS-Rolle in die Athlet*innenkommission des DOSB kooptiert. Und nun, im Januar 2026, hat sie gerade eine Woche Praktikum hinter sich gebracht, um am DOSB-Hauptsitz in Frankfurt am Main die Strukturen und Abläufe im Dachverband des organisierten Sports besser verstehen zu lernen.

Sie nahm in der vergangenen Woche an der Vorstandssitzung teil, in der die 188 Athlet*innen für die Olympischen Winterspiele in Norditalien (6. bis 22. Februar) nominiert wurden. Sie erfuhr im Games Management, warum Großereignisse mit mehreren Jahren Vorlauf geplant werden müssen. Sie konnte den Vorstandsvorsitzenden Otto Fricke begleiten und Gespräche mit den Vorständen Michaela Röhrbein (Sportentwicklung), Thomas Arnold (Finanzen) und Leon Ries (Jugend) führen. Die Ressortleiterinnen Eva Werthmann (Verbandskommunikation) und Peggy Bellmann (Diversity) erläuterten ihre Tätigkeitsfelder, Laura Hohmann-Kießler und Ruben Göbel erklärten ihr das wissenschaftliche Verbundsystem. Alexander Best, Leiter des Exekutivbüros, stand ebenso Rede und Antwort wie Folker Hellmund, Direktor des Brüsseler EOC-EU-Büros. „Ich habe jetzt einen guten Überblick bekommen und mehr Verständnis für die Komplexität des DOSB gewonnen. Das waren wertvolle Einblicke für mich“, sagt sie.

  • Mareike Miller

    Es gibt leider so viele Menschen, die sich weder selbst bewegen noch etwas dafür übrig haben, zu Sportveranstaltungen zu gehen. Da ist noch sehr viel zu tun, und ich bin großer Hoffnung, dass unsere Bewerbung die richtigen Impulse geben und als Motor für Veränderung wirken kann.

    Mareike Miller
    Paralympicssiegerin im Rollstuhlbasketball
    Mitglied im DOSB-Präsidium

    Lange Zeit habe sie den DOSB nur aus der Ferne wahrgenommen, da für die Organisation und Verwaltung des Parasports der DBS federführend ist. „Der DOSB war für mich als Außenstehende ein sehr großer, vielfältiger Verband, der komplexe Aufgaben erfüllt, aber in seinen Strukturen auch sehr kompliziert sein kann“, sagt sie. Aus ihrer neuen Innensicht heraus habe sie festgestellt, „dass viel Energie zu spüren ist und ein Wandel angestrebt wird. Wir sind in einer sehr spannenden Phase für den Sport, es stehen in den kommenden Monaten einige wegweisende Themen auf dem Plan.“

    Themen wie das Sportfördergesetz, der Aufbau eines Zentrums für Safe Sport und die deutsche Bewerbung um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele, die Mareike Miller allesamt sehr interessieren. „Das Präsidium trägt eine Gesamtverantwortung für den Verband, und wir Präsidiumsmitglieder sollten grundsätzlich für jedes Thema offen sein. Meine vorrangige Aufgabe ist allerdings, bei allen Themen darauf aufzupassen, dass die Belange der Athlet*innen nicht übergangen werden“, sagt sie. Genau daraus ziehe sie auch die größte Motivation. „Es gibt mir viel, mich für andere zu engagieren und dafür auch Wertschätzung zu erfahren. Außerdem habe ich durch meine Ämter so viele Begegnungen mit tollen Menschen, die ich auf keinen Fall missen möchte“, sagt sie.

    Wie viele Stunden sie pro Woche in ihre Ehrenämter investiert, ist angesichts eines oft differierenden Terminaufkommens schwierig zu beziffern. „Was ich sagen kann: Es gibt kaum einen Tag, an dem ich nichts mit meinen Ehrenämtern zu tun habe.“ Sich hauptberuflich im Sport zu engagieren, habe sie durchaus schon erwogen, aktuell jedoch genießt sie ihre Unabhängigkeit, die es ermögliche, kritische Themen im Sinne der Athlet*innen anzusprechen, ohne Konsequenzen für ihren Arbeitsplatz fürchten zu müssen. Nach sieben Jahren im Bereich Business Development und Vertrieb orientiert sich die Betriebswirtin, die sechs Jahre in Whitewater (US-Bundesstaat Wisconsin) studierte, beruflich aktuell neu – und hat deshalb auch Zeit für das Praktikum im DOSB finden können.

    Im Februar reist sie für den DOSB zu den Winterspielen

    Langweilig wird ihr in den kommenden Wochen keinesfalls werden. Die weiterhin aktive Nationalspielerin, die in Friedberg geboren wurde, im  Raum Köln aufwuchs, nach dem Studium acht Jahre in Hamburg lebte und mittlerweile in der 2. Bundesliga für die Nürnberg Falcons spielt und in Amberg wohnt, absolviert in der ersten Februarwoche ein Trainingslager mit dem Nationalteam in Lobbach bei Heidelberg. Anschließend geht es für den DOSB zu den Winterspielen nach Mailand, wo sie als großer Sportfan eine Partie der Eishockeyfrauen besuchen und zudem mehrere politische Termine wahrnehmen wird. Ende Februar sind dann mit der deutschen Auswahl Testspiele in Japan angesetzt – und im September möchte Mareike Miller gern an der WM in Ottawa (Kanada) teilnehmen.

    Aktiv bleiben, so lange es geht, und dabei stets den Kontakt mit Athlet*innen suchen; das steht für die kommenden Jahre auf ihrer Agenda. „Ich verspüre einfach eine große Leidenschaft dafür, mich für den Sport einzubringen“, sagt sie. Die zunehmende Bewegungsarmut, vor allem bei Kindern, treibt sie ebenso um wie der zu geringe Stellenwert des Sports in unserer Gesellschaft. „Es gibt leider so viele Menschen, die sich weder selbst bewegen noch etwas dafür übrig haben, zu Sportveranstaltungen zu gehen. Da ist noch sehr viel zu tun, und ich bin großer Hoffnung, dass unsere Bewerbung die richtigen Impulse geben und als Motor für Veränderung wirken kann“, sagt sie. Mareike Miller ist bereit, anzupacken und etwas zu verändern. Zweifel, dass das richtig ist, hat sie seit jenem Erlebnis 2017 nie wieder gehabt.

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