„Jeder in unserem Team kann der entscheidende Spieler sein“
Vor dem Start der Handball-EM spricht Rückraumspieler Nils Lichtlein über die größte Stärke des Nationalteams, die harte Vorrundengruppe, seinen Übergang vom Junioren- in den Erwachsenenbereich und den Erfolg des deutschen Frauen-Nationalteams.

10.01.2026

Der Nachname Lichtlein hat einen hohen Stellenwert im deutschen Handball. Nils Lichtleins Großvater Artur und sein Onkel Carsten brachten es im Tor bis in die Bundesliga, seine Mutter Silke spielte in der 2. Bundesliga. Der 23 Jahre alte Rückraumspieler, der beim amtierenden Deutschen Meister Füchse Berlin einen Vertrag bis 2030 besitzt, steht seinen Verwandten allerdings in puncto sportlicher Erfolg in nichts nach. Im Gegenteil: 2023 wurde er beim WM-Triumph der deutschen U-21-Junioren als wertvollster Spieler ausgezeichnet, ein Jahr später schied er mit der A-Nationalmannschaft bei der EM im eigenen Land erst im Halbfinale gegen Dänemark aus. In dieser Woche startet der gebürtige Regensburger nun mit der DHB-Auswahl in Herning (Dänemark) in seine zweite Europameisterschaft, die Dänemark, Schweden und Norwegen gemeinsam ausrichten. Vorrundengegner sind am 15. Januar Österreich, zwei Tage später Serbien und zum Abschluss am 19. Januar Spanien (alle Spiele 20.30 Uhr). Im DOSB-Gespräch ordnet Nils Lichtlein die Aussichten für seine Mannschaft ein.
DOSB: Nils, nach dem 32:29-Erfolg in Kroatien am Donnerstag hatten viele den Eindruck, dass ihr für den EM-Start sehr gut gewappnet seid. Wie würdest du den Stand der Vorbereitung einordnen?
Nils Lichtlein: Wir haben wirklich eine herausragende Abwehr mit zwei Torhütern dahinter, die beide bewiesen haben, wie stark sie halten und uns Rückhalt geben können. Die meisten Gegentore sind durch technische Fehler in der Offensive entstanden. In der Abwehr sind wir für jedes Team unangenehm.
Viel Zeit, euch noch weiter einzuspielen, bleibt nicht, ihr habt noch das Rückspiel gegen Kroatien am Sonntag (18.05 Uhr/ARD und Dyn) und ein paar Trainingseinheiten vor der Abreise nach Dänemark. Welche sind die wichtigsten Baustellen, die noch geschlossen werden müssen?
Im Großen und Ganzen ist es eine Sache des Einspielens. Einige kennen sich aus ihren Vereinsteams, da ist das Zusammenspiel in den Blöcken gelebte Praxis. Andere müssen sich innerhalb weniger Wochen finden. Es geht also um Kleinigkeiten in der Abstimmung, die wir verfeinern müssen. Aber ich bin sehr guter Dinge, dass uns das in den Tagen bis zum EM-Start gut gelingen wird.
In der Vorrunde warten Spanien, Serbien und Österreich auf euch – drei Gegner, gegen die es nicht möglich ist, mal einen Gang zurückzuschalten. Manche haben eure Gruppe als „Horrorgruppe“ bezeichnet. Trifft das zu, oder ist es dir recht, vom Start weg voll gefordert zu werden?
Das ist tatsächlich ein zweischneidiges Schwert. Es ist schon hart zu wissen, dass man von Beginn an auf höchstem Level spielen muss, um die Hauptrunde zu erreichen und sich dafür eine gute Ausgangslage zu erarbeiten. Alle drei Gegner sind Topmannschaften, gegen die wir voll gefordert werden. Auf der anderen Seite kann es auch helfen, wenn man sich gegen solche Teams behauptet und dadurch zusätzliches Selbstvertrauen tankt. Deshalb sehe ich unsere Gruppe nicht als Horror, sondern als eine schöne Herausforderung an, der wir uns gern stellen.
Bei der WM 2025 hat euer Viertelfinal-Ausscheiden gegen Portugal für große Enttäuschung gesorgt. Was waren in den rund zwölf Monaten seitdem die wichtigsten Entwicklungsschritte, die ihr als Team gegangen seid?
Erst einmal werte ich es weiterhin als sehr gutes Zeichen, dass wir alle wirklich niedergeschlagen waren. Das zeigt unsere hohe Anspruchshaltung. Wir haben seitdem versucht, uns in jedem Spiel zu verbessern und den Fokus auf mehr Variabilität in Abwehr und Angriff zu legen. Das Spiel am Donnerstag in Kroatien hat unterstrichen, dass wir auf dieser Ebene einen wichtigen Schritt vorangekommen sind.
Wenn über euch als Team gesprochen wird, heißt es oft: Deutschland kommt über die Geschlossenheit, hat aber keinen Weltspitzenspieler. Wie kommt so etwas bei dir an, empfindest du es als despektierlich?
Nein, gar nicht. Für mich heißt das eher, dass jeder in unserem Team in jedem Spiel der entscheidende Spieler sein kann. Wir haben niemanden, der in jedem Spiel zehn Tore werfen muss, auf den sich dann aber auch alles fokussiert. Die breite und hohe Qualität in unserer Mannschaft ist unsere größte Stärke, und ich finde das sehr gut, denn das macht uns schwierig ausrechenbar.
Du warst vor drei Jahren Weltmeister mit den U-21-Junioren. Der Schritt vom Junioren- in den Erwachsenenbereich ist in vielen Sportarten schwierig, in einem so körperbetonten Spiel wie Handball noch einmal mehr. Wie ist dir dieser Übergang so gut gelungen?
Tatsächlich habe auch ich diesen Schritt als sehr hart empfunden. Es sind ja nicht nur die körperlichen Voraussetzungen, sondern auch die vielen Jahre Erfahrung, die gestandene Männer den Junioren voraushaben. So leid es mir für Fabian Wiede tat: Bei mir war es eine glückliche Fügung, dass er sich als mein Rückraumkontrahent im Verein verletzte und ich dadurch sehr viel Spielpraxis bekommen habe. Dazu kam, dass mich die Teamkollegen wirklich wahnsinnig gut unterstützt haben. Aber ein Dreivierteljahr hat die Übergangsphase schon gedauert.
Gab es diesen einen Moment, in dem du gespürt hast: Jetzt bin ich angekommen! Oder war das eher ein schleichender Prozess?
Es war bei mir die Nominierung für die A-Nationalmannschaft. Ich hatte davor in der Winterpause zu Hause realisiert, was für Spiele ich mit den Füchsen gemacht hatte, und als dann die Nominierung kam, war das für mich der Moment, in dem mir klar war: Jetzt bist du voll dabei.
Die Füchse sind also für deine Entwicklung enorm wichtig gewesen. Hast du auch deshalb deinen Vertrag in Berlin bis 2030 verlängert?
Auch, vor allem aber, weil ich das Gefühl habe, dass Berlin für mich der richtige Ort ist, um weiter zu wachsen. Mit den Verpflichtungen von Simon Pytlick und Dika Mem, die der Verein gerade bekanntgegeben hat, haben wir ein Team, das um alle Titel mitspielen kann und will. Berlin ist aber auch mein Zuhause, meine Heimat geworden.
Ein Thema, das angesichts der Ambitionen in Verein und Nationalteam nicht kleiner werden dürfte, ist die Überlastung von Handballprofis. Es begleitet euren Sport allerdings schon seit vielen Jahren. Was machst du, damit es nicht auch mental zu einer Belastung wird?
Es ist tatsächlich relativ schwierig, damit umzugehen. Als ich kürzlich selbst verletzt war, habe ich einerseits gespürt, wie schön es ist, gesund zu sein, aber auch, dass es dem Kopf manchmal ganz gut tut, eine erzwungene Auszeit zu bekommen. Sie darf aber nicht zu lang sein, denn lang auszufallen ist extrem hart und tut sehr weh. Wichtig ist, dass wir zumindest eine lange Sommerpause haben, um mal richtig runterfahren zu können. Außer in den Olympiajahren ist das ja zumindest noch möglich.
Über viele Jahre war Handball in Deutschland eine Männerdomäne. Dann kamen die Olympischen Spiele 2024 in Paris, bei denen die Frauen ein erstes Zeichen setzen konnten, nun Ende vergangenen Jahres der Einzug ins WM-Finale. Wie hast du diese Erfolge wahrgenommen? Und freut ihr euch darüber oder ist es euch gar nicht so recht, den Platz an der Sonne teilen zu müssen?
Ich habe mich sehr darüber gefreut, und im Endeffekt trägt jede Aufmerksamkeit, die unser Sport in der Öffentlichkeit bekommt, dazu bei, dass Handball wächst. Wir wollen, dass so viele Kinder wie möglich anfangen, Handball zu spielen, und wenn es mit den Frauen nun vermehrt auch weibliche Vorbilder gibt, kann das nur helfen. Deshalb wünschen wir ihnen natürlich den größtmöglichen Erfolg!
A propos Erfolg: Wann würdest du die anstehende EM als sportlich erfolgreich bewerten? Bundestrainer Alfred Gislason hat das Halbfinale als Ziel ausgegeben…
Wenn wir das Halbfinale erreichen, wäre das auf jeden Fall ein Erfolg. Ich warne aber davor, im Umkehrschluss ein Ausscheiden in der Hauptrunde automatisch als Misserfolg zu werten. Wir haben eine sehr harte Vorrunde zu überstehen und treffen in der Hauptrunde aller Voraussicht nach auf Titelverteidiger Frankreich sowie Weltmeister und Gastgeber Dänemark. Da könnte es ebenso möglich sein, dass wir das Halbfinale nicht erreichen und trotzdem unsere beste Leistung abgerufen haben. Ich würde deshalb eine solche Bewertung nicht uneingeschränkt davon abhängig machen, welchen Platz wir am Ende belegen.
Macht es eigentlich noch Freude, internationale Turniere in Dänemark zu spielen, das zuletzt häufig Gastgeber war, oder droht da eine Übersättigung?
Ich freue mich sehr darauf, denn die Handball-Euphorie ist in Dänemark seit Jahren riesig, und wir spielen ja immerhin am selben Ort wie der Gastgeber. Ich bin mir sicher, dass die Halle immer gut besucht sein wird, und für die deutschen Fans ist es ja auch nicht so weit – wenn das Wetter die Anreise zulässt…
Auch Deutschland war in den vergangenen Jahren oft Gastgeber internationaler Handball-Großevents, im kommenden Jahr steht wieder eine Heim-WM an. Ist die schon bei dir im Hinterkopf, nutzt ihr die EM auch dazu, den Weg zur Heim-WM dramaturgisch aufzubauen?
Gar nicht, das wäre auch fatal. Wir haben zwar mit unserer Leistung in der eigenen Hand, eine Euphorie zu entfachen und Lust auf die WM im eigenen Land zu machen. Aber der Fokus liegt einzig und allein auf dem anstehenden Turnier. Wir fahren nach Dänemark, um eine Medaille zu holen. Über alles, was danach kommt, machen wir uns auch erst danach Gedanken.
Dann wünschen wir größtmöglichen Erfolg für dich und dein Team und danken herzlich für das Gespräch!

