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Olympische Winterspiele 2026: So steht es um das deutsche Medaillenpotenzial

Robert Bartko, im DOSB Leiter für Verbandsberatung und Sportförderung, nimmt die fünf Cluster der Winterspiele in Norditalien unter die Lupe und schätzt ein, mit welchen Aussichten das Team D in die 245 Medaillenentscheidungen geht.

DOSB Redaktion
DOSB Redaktion

03.02.2026

Sportler auf dem Podest
So erhoffen wir uns auch das olympische Podium: Drei deutsche Viererbob-Teams feiern in Altenberg ihre Erfolge im Gesamtweltcup.

Ihr kennt es alle: Wenn Olympische Spiele anstehen, ist Orientierung wichtig. Wo sehe ich wann was, welches sind die Wettbewerbe, die aus deutscher Sicht besondere Aufmerksamkeit verdienen? Da in Norditalien die Wettkämpfe auf fünf Cluster aufgeteilt sind, wird das Ganze noch ein wenig komplizierter. Um für ein wenig Durchblick zu sorgen, haben wir Robert Bartko, im Geschäftsbereich Leistungssport des DOSB Leiter für Verbandsberatung und Sportförderung, um eine Potenzialeinschätzung gebeten. Der 50-Jährige, der als aktiver Bahnradsportler bei den Sommerspielen 2000 in Sydney (Australien) zwei Goldmedaillen gewinnen konnte, legt Wert darauf, dass es sich bei der Analyse, die auf Basis der Daten des Statistiksystems Gracenote erstellt wird, um genau das handelt: das Medaillenpotenzial, das nicht mit einer Vorgabe oder Erwartung gleichgesetzt werden sollte.

Das ausgegebene sportliche Ziel für das 185 Athletinnen und Athleten (99 Männer, 86 Frauen) umfassende Team D lautet, den Platz unter den Top-drei-Wintersportnationen der Welt zu behaupten, der vor vier Jahren in Peking mit Rang zwei im Medaillenspiegel untermauert werden konnte. „Hinter Norwegen und den USA sehen wir Team D in einem harten Wettbewerb mit Frankreich und den Niederlanden. Es kann durchaus sein, dass mehr Medaillen für uns möglich sind als die 27 in Peking, aber erneut zwölf goldene wie 2022 zu gewinnen, wird sehr schwierig. Gleichwohl glauben wir aber fest daran, dass die Top drei ein ambitioniertes Ziel, aber keinesfalls unerreichbar sind“, sagt Robert - der als ehemaliger Hochleistungssportler natürlich weiß, dass ambitionierte Ziele wichtig sind.

In Cortina stehen Bob, Rodeln, Skeleton, Curling, Ski alpin der Frauen an

Beginnen wir unsere Italien-Reise also in einem der beiden Hauptorte. Cortina ist für das Team Deutschland so etwas wie die Zentrale, hier ist das Deutsche Haus angesiedelt, in dem traditionell Medaillenerfolge gemeinsam gefeiert werden. Der Standort wurde mit Bedacht gewählt, schließlich befindet sich in Cortina auch der Eiskanal. „Bob, Rodeln und Skeleton sehen wir auch in diesem Jahr als Medaillengaranten, die Basis für unser Gesamtergebnis wird dort gelegt werden“, sagt Robert. In die Bewertung fließen natürlich die Vorergebnisse der laufenden Weltcupsaisons ein - und die lassen darauf schließen, dass im Bob und Rodeln Deutschland ganz eindeutig die dominierende Nation sein dürfte. „Natürlich haben Olympische Spiele ihre eigenen Gesetze, aber wenn man sieht, dass wir im Viererbob der Männer drei gleichwertige Teams haben, die im Zweier genauso dominant unterwegs sind, dazu bei den Frauen ebenfalls bestens aufgestellt sind, dann dürfen wir dort einiges erwarten.“

Ähnlich sieht es im Rodeln aus, wo sich aber doch manches Mal eine andere Nation aufs Podium drängen konnte. „Auch dort haben wir aber realistische Chancen, alle Wettbewerbe zu gewinnen“, sagt Robert. Nicht ganz so erdrückend ist die deutsche Dominanz im Skeleton, wo 2022 beide Goldmedaillen in den Einzeln an Deutschland gingen. „Medaillenchancen bestehen dennoch überall, in der Mixedstaffel ist Gold am wahrscheinlichsten.“

In Cortina wird allerdings nicht nur im Eiskanal, sondern auch auf der Eisfläche performt. Das Curling-Turnier der Männer ist erstmals seit 2014 wieder mit einem deutschen Team besetzt. „Für den Verband war die Qualifikation sehr wichtig, und grundsätzlich ist es immer schön, wenn die Teamsportarten besetzt sind. Eine Platzierung zwischen vier und acht ist für die Mannschaft um Skip Marc Muskatewitz realistisch“, sagt Robert.

Ein weiteres Highlight sind in Cortina die alpinen Skirennen der Frauen. „Unsere Statistik sieht eher keinen Medaillengewinn vor, aber insbesondere Emma Aicher hat gezeigt, dass mit ihr in allen Disziplinen zu rechnen ist. Wenn sie einen guten Tag erwischt, ist sicherlich alles möglich“, sagt Robert. Gleiches gelte für die Männer, die ihre Rennen in Bormio absolvieren. „Dort ist am ehesten Linus Straßer im Slalom ein Medaillenkandidat, der über viel Erfahrung verfügt und schon oft bewiesen hat, dass er für das Podium gut sein kann.“

Bormio begrüßt die neue olympische Sportart Skibergsteigen

Bormio wird gemeinsam mit Livigno als ein Cluster gerechnet. Neben den Alpinen sind in Bormio noch die Skibergsteiger am Start, die ihre Olympiapremiere feiern dürfen. „Hier haben wir keine Vergleichswerte zu 2022, aber die Prognose sagt, dass die besten Chancen auf Edelmetall in der Mixedstaffel bestehen, zu der eine Frau und ein Mann gemeinsam antreten. Im Einzel, wo wir mit Helena Euringer, Tatjana Paller und Finn Hösch an den Start gehen, wäre eine Top-acht-Platzierung schon ein großartiges Ergebnis“, sagt Robert.

Livigno ist die Heimat der „jüngeren“ Sportarten, Snowboard und Ski Freestyle werden hier ein großes Publikum begeistern. Vor einer Athletin zieht Robert schon vor dem Start den Hut. „Ramona Hofmeister drohte wegen einer Knöchelverletzung aus dem September die Spiele zu verpassen, dann hat sie sich rechtzeitig für die Qualifikation mit zwei Weltcupsiegen zurückgemeldet. Sie hat viel Erfahrung und gilt im Parallel-Riesenslalom als wichtigste Medaillenkandidatin“, sagt er. Grundsätzlich wünscht er dem gesamten Team von Snowboard Germany, „dass sie die Leistungen, die sie regelmäßig im Weltcup bringen, endlich auch beim Saisonhöhepunkt abrufen, da fehlt noch ein wenig der Durchbruch.“ Die Prognosen ergeben viele Platzierungen zwischen Rang vier und acht.

Bei den Ski-Freestylern liegen die Hoffnungen im Skicross auf Daniela Maier und Florian Wilmsmann, „zwei erfahrenen Leuten, die das Potenzial haben, nach vorn zu fahren. Allerdings ist Skicross wegen der Dynamik des Wettkampfs unglaublich schwer zu prognostizieren“, sagt Robert. In der Halfpipe (Sabrina Cakmakli), im Big Air (Muriel Mohr) und bei den Aerials (Emma Weiß) sind drei Sportlerinnen qualifiziert, die an einem rundum guten Tag ebenfalls in Richtung Medaillenränge schauen könnten.

  • Robert Bartko

    Wichtig ist, dass all unsere Athletinnen und Athleten in die Lage versetzt werden, ihr Leistungsoptimum abzurufen. Wenn das gelingt, werden wir die erhofften Ergebnisse einfahren.

    Robert Bartko
    Leiter Verbandsberatung und Sportförderung
    Deutscher Olympischer Sportbund

    Wir schauen nach Mailand, den zweiten Hauptort der Spiele, wo der Eissport sein Zuhause hat. Natürlich blickt Robert als ehemaliger Sportdirektor bei der Deutschen Eisschnelllauf- und Shorttrack-Gemeinschaft mit Wehmut auf die aktuelle Lage. Shorttrack ist die einzige Sportart, in der keine Deutschen qualifiziert sind. Im Eisschnelllauf ist lediglich Toptalent Finn Sonnekalb ein Lichtblick. „Wir sollten aber aufpassen, dass wir nicht zu viele Hoffnungen auf dem Jungen abladen, er ist erst 18 Jahre alt und muss sich in Ruhe entfalten können. Trotzdem dürfen wir auf ihn gespannt sein“, sagt Robert. Ansonsten spiegele die Einschätzung des Analysewerkzeugs - keine Medaillenchancen - das aktuelle Niveau angemessen wider.

    Mailand ist das Zuhause der Eissportarten

    Größere Hoffnung machen Minerva Hase und Nikita Wolodin, die im Paarlauf zur Weltklasse zählen. „Es wäre keine Überraschung, wenn die beiden in den Medaillenkampf eingreifen, allerdings ist die Konkurrenz groß und die Weltspitze sehr eng zusammen. Es wird ein großartiger Wettkampf werden“, sagt Robert. Zur Wahrheit gehöre jedoch auch, dass die Einzelwettbewerbe im Eiskunstlauf ohne deutsche Beteiligung stattfinden. „Das kann nicht unser Anspruch sein.“

    Gesteigerte Ansprüche stellen die deutschen Fans mittlerweile an das Eishockey-Männerteam. Nach der überragenden Silbermedaille von 2018 war das Verpassen des Viertelfinales vor vier Jahren ein Rückschlag. Nun sind alle Blicke vor allem auf die Stars aus Nordamerikas Eliteliga NHL gerichtet, die ihre Nationalteams verstärken. „Vom sportlichen Niveau her dürfte das Eishockey-Turnier der Männer einer der Höhepunkte der Spiele werden, und unsere Mannschaft ist auf jeden Fall ein klarer Viertelfinalkandidat“, sagt Robert, der sich besonders freut, dass erstmals seit 2014 auch die deutschen Frauen wieder qualifiziert sind. „Allein das ist schon eine tolle Leistung. Sie müssen mitnehmen, was geht, das Viertelfinale ist auf jeden Fall drin.“

    In Antholz kämpfen die Biathlet*innen um Medaillen

    Von Mailand geht es in den nördlichsten Standort der Spiele. In Antholz finden die Biathlon-Wettbewerbe statt, und anders als bei den vergangenen Ausgaben der Winterspiele sind die Erwartungen an das deutsche Team in diesem Jahr ein wenig gedämpft. „Wir haben in diesem Winter öfters gesehen, dass Quäntchen gefehlt haben, um das Podium zu erreichen. Generell sind wir aber ein Stück von der Weltspitze entfernt“, ordnet Robert das Potenzial ein. Die größten Medaillenchancen sind laut Statistik in allen drei Staffeln zu erwarten, auch in den Frauenrennen 7,5-km-Sprint und 12,5-km-Massenstart könnte Edelmetall glänzen. „Natürlich schauen nach ihrer Ankündigung, die Karriere nach der Saison zu beenden, alle auf Franzi Preuß, der wir fest die Daumen für einen gelungenen Abschluss drücken“, sagt Robert.

    Bleibt als letztes Cluster das Fleimstal (Val di Fiemme), in dem die nordischen Skiwettkämpfe stattfinden. Hier könnte, wenn am 7. Februar die Frauen von der Normalschanze springen, die erste deutsche Medaille gewonnen werden. „Die Skispringerinnen haben die besten Aussichten. Bei den Männern läuft die Saison ja leider sehr durchwachsen, wobei in Philipp Raimund und Felix Hoffmann zwei Kandidaten in die Bresche gesprungen sind, die man zum Saisonstart nicht unbedingt auf dem Zettel hatte. Eine sichere Medaillenbank sind sie aber, im Gegensatz zu den Frauen, leider nicht“, sagt Robert.

    Val di Fiemme ist die Heimat des nordischen Skisports

    Die Nordische Kombination war in den vergangenen Monaten vor allem dadurch im Gespräch, dass die Frauen nicht in Italien starten dürfen. Die drei Männer im Team D - Vinzenz Geiger, Johannes Rydzek und Julian Schmid - können aber allesamt in den Kampf um Gold, Silber, Bronze eingreifen, und das sowohl von Normal- und Großschanze als auch im Teamsprint. „Der Winter in der NoKo wird von den drei Nationen Norwegen, Österreich und Deutschland geprägt, und wir sind überall konkurrenzfähig.“

    Eine Aussage, die im Langlauf nur bedingt zählt. Für die fünf Männer im Aufgebot errechnet das Analyse-Tool keinerlei Medaillenpotenzial. Bei den sieben Frauen sind nach der Sperre von Peking-Olympiasiegerin Victoria Carl neue Überraschungen vonnöten. „Aber gerade ihr Gold im Team mit Katharina Hennig hat gezeigt, dass bei Olympia wirklich alles möglich ist“, sagt Robert, der in der Analyse vor allem im Teamsprint und in der Staffel Medaillenchancen ausgemacht hat.

    Er selbst wird versuchen, so viele Wettkämpfe wie möglich an den verschiedenen Orten zu erleben. Eine Potenzialanalyse dafür, wie gut er durch den olympischen Verkehr manövrieren wird, gibt es nicht - und sie wäre auch nicht entscheidend. „Wichtig ist, dass all unsere Athletinnen und Athleten in die Lage versetzt werden, ihr Leistungsoptimum abzurufen“, sagt Robert, „wenn das gelingt, werden wir die erhofften Ergebnisse einfahren. Dafür wünsche ich unserem gesamten Team größtmöglichen Erfolg!“

    Den Zeitplan aller Wettbewerbe der Olympischen Winterspiele 2026 findet ihr hier. Die Übersicht über das gesamte Team D haben wir hier zusammengestellt.

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