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Zusammenhalt und Erfolgshunger sollen die deutschen Eishockey-Frauen tragen

Die Auswahl von Bundestrainer Jeff MacLeod eröffnet am Donnerstag das Eishockey-Frauenturnier. Der Coach und Stürmerin Emily Nix ordnen die Chancen ein und erklären, warum die Reise nach Norditalien für ihren Sport eine ganz besondere ist.

DOSB Redaktion
DOSB Redaktion

02.02.2026

Eine Eishockeyspielerin in Aktion.
Beim Qualifikationsturnier in Bremerhaven löste Emily Nix im Februar 2025 das Olympiaticket.

Mit sportlichen Prognosen ist das immer so eine Sache. Man weiß ja nie genau, wie die Konkurrenz wirklich in Form ist, ob die eigene Vorbereitung ausreichend war und welchen Einfluss äußere Faktoren haben werden. Eins jedoch kann Jeff MacLeod mit Sicherheitsgarantie versprechen: „Wir werden eine deutsche Mannschaft sehen, die mit 100 Prozent Erfolgshunger und Einsatzwillen an die Arbeit geht“, sagt der Bundestrainer der Eishockey-Frauen vor dem Start des Olympiaturniers. Das mag zwar wie eine Binsenweisheit klingen, aber für den 54 Jahre alten Kanadier sind es genau jene Dinge, die sein Team auszeichnen. „Wir haben eine menschlich herausragende Gruppe, in der sich alle aufeinander verlassen können. Wir sind wie eine Familie, und ich bin überzeugt davon, dass uns dieser Zusammenhalt weit bringen kann“, sagt er. 

Zumindest haben diese Qualitäten dazu geführt, dass erstmals seit Sotschi 2014 wieder deutsche Frauen das olympische Eishockeyturnier bereichern. Und weil dieses bereits am Donnerstag und damit einen Tag vor der offiziellen Eröffnung der Winterspiele in Norditalien beginnt, erfährt MacLeods Auswahl, die sich ihr Olympiaticket beim letzten Qualifikationsturnier in Bremerhaven Anfang vergangenen Jahres sicherte, eine doppelte Wertschätzung. Nicht nur, weil sie die Medaillenkämpfe mit der Partie gegen Schweden um 12.10 Uhr in der Rho Arena in Mailand eröffnet; sondern auch, weil die Spielerinnen um Kapitänin Daria Gleißner (32/Memmingen Indians) damit die ersten Deutschen sind, die den Wettkampfbetrieb aufnehmen. „Natürlich ist das für uns eine besondere Ehre, die Vorfreude ist riesig“, sagt Angreiferin Emily Nix.

Emily Nix trifft gegen Schweden auf drei Vereinskolleginnen

Für die 28-Jährige, die in Hamburg aufwuchs und als Sechsjährige auf einer öffentlichen Eisbahn im Park Planten un Blomen entdeckt wurde, ist das Duell mit den Skandinavierinnen zusätzlich brisant. Die Stürmerin spielt im Ligabetrieb für Frölunda HC in Schweden. „Ich treffe direkt auf drei Mitspielerinnen aus dem Verein, das ist natürlich besonders, da wollen wir es uns gegenseitig noch einmal extra zeigen“, sagt sie. Das ZDF wird die Partie live übertragen, die Augen der deutschen Sportfans dürften exklusiv auf die Eishockeyfrauen gerichtet sein. „Für uns ist das eine großartige Chance, unseren Sport in ein gutes Licht zu stellen und noch bekannter zu machen. Diese Chance wollen wir unbedingt nutzen“, sagt Emily Nix. 

Der Modus im Frauenturnier ist gewöhnungsbedürftig. In Gruppe A spielen die fünf besten Teams der Weltrangliste - USA, Kanada, Finnland, Tschechien, Schweiz - gegeneinander, alle fünf erreichen aber sicher das Viertelfinale. In Gruppe B muss sich Deutschland nach dem Duell mit Schweden noch mit Japan (7. Februar, 12.10 Uhr), Frankreich (9. Februar) und Gastgeber Italien (10. Februar, beide 16.40 Uhr) auseinandersetzen, die besten drei Teams stehen in der Runde der letzten acht. Schweden wird als der härteste Gruppengegner eingeschätzt. „Ich finde es gut, gleich gegen sie zu spielen, dann sind wir sofort voll drin im Turnier und wissen, wo wir stehen“, sagt Emily Nix. Zwar schaue man im Team nur von Spiel zu Spiel, der Gruppensieg wäre jedoch für den weiteren Turnierverlauf die beste Grundlage. „Und natürlich wollen wir jedes Spiel gewinnen, sonst müssten wir doch nicht anreisen“, sagt die Hamburgerin. 

Jeff MacLeod hält diesen Anspruch nicht für vermessen. „Bei den Olympischen Spielen ist jeder Gegner hart, aber wir hatten eine sehr gute Vorbereitung. Für uns ist zwar schon die Qualifikation ein wichtiger Schritt gewesen, aber ich glaube, dass hier viel möglich sein wird, wenn wir ins Rollen kommen“, sagt der Bundestrainer, der mit seinem Team eine interessante Gemeinsamkeit teilt. Nicht nur für die 23 Spielerinnen seines Aufgebots, sondern auch für ihn sind es die ersten Olympischen Spiele. „Ich hatte immer den Traum, es zu Olympia zu schaffen, am liebsten natürlich als Spieler“, sagt der frühere Verteidiger, der in der Deutschen Eishockey-Liga zwischen 1997 und 2004 für die Kassel Huskies auflief. „Nun als Trainer dabei zu sein, erfüllt mich auch mit Stolz und Freude, ich bin sehr gespannt auf alles, was ich erleben werde!“ 

  • Jeff MacLeod

    Diese Mannschaft hat nun die große Chance, auf die sie seit Jahren hingearbeitet hat. Für das deutsche Eishockey ist das eine große Sache, und wir haben alle Gänsehaut, wenn wir daran denken.

    Jeff MacLeod
    Bundestrainer der Eishockey-Frauen
    Team Deutschland

    Die Unerfahrenheit seiner Mannschaft, die am Freitagabend ein letztes Testspiel in Peiting etwas überraschend mit 2:3 nach Verlängerung gegen Japan verlor und am Samstag per Bus nach Mailand reiste, im Hinblick auf Olympische Spiele wertet Jeff MacLeod nicht als Nachteil. Man versuche, den sportlichen Teil nicht überzubewerten. „Es sind letztlich die Gegner, die wir auch von Weltmeisterschaften kennen. Es ist ein Turnier, bei dem wir Schritt für Schritt gehen wollen“, sagt er. Der Druck, der angesichts der herausgehobenen Bedeutung Olympias entsteht, laste auf allen Teams. „Natürlich könnte mehr Erfahrung hilfreich sein. Aber ich glaube, dass es für uns ein Vorteil sein kann, dass die Spielerinnen unbelastet in ihre Premiere starten können.“ Die Balance zwischen An- und Entspannung zu halten, sei die Aufgabe für den Trainerstab. „Ich spüre aber, dass wir alle nicht nur sportlichen Erfolg haben, sondern die Winterspiele auch genießen wollen“, sagt er. 

    Die Frage, wie weit es gehen kann für seine Mannschaft, wird in den kommenden Tagen häufiger gestellt werden. Nachdem Kapitänin Daria Gleißner gesagt hatte, dass „von Platz drei bis sieben alles möglich“ sei, unterstreicht auch Emily Nix diese Prognose. Gold und Silber dürften an Kanada und die USA vergeben sein, die seit der Olympiapremiere des Frauen-Eishockeys 1998 fast immer das Finale bestritten; lediglich 2006 schaffte es Schweden, die USA auf den Bronzerang zu verdrängen. „Die beiden nordamerikanischen Teams sind sicherlich noch ein Stück voraus, allein in Kanada gibt es rund 100.000 registrierte Spielerinnen, wir haben ungefähr 2.000. Diesen Abstand sieht man noch, aber er ist kleiner geworden, und mit den anderen Teams können wir auf Augenhöhe mitspielen“, sagt die Juristin, die während ihres Studiums zwischen 2019 und 2024 eine Nationalmannschaftspause einlegte. Dass drei deutsche Spielerinnen ihr Geld in der nordamerikanischen Profiliga PWHL verdienen und vier weitere in Übersee in College-Teams spielen, sei ein Zeichen für die Weiterentwicklung. Mut mache zudem der Blick auf die deutschen Männer, die die Lücke zu den Topteams über die vergangenen Jahre bemerkenswert verkleinert haben.

    Ihre Eltern und Schwester Paula feuern Emily in Mailand an

    Diesen Weg wollen Emily Nix und ihre Mitspielerinnen ebenfalls beschreiten. „2014 habe ich vor dem Fernseher mitgefiebert, als zuletzt ein deutsches Frauenteam bei Olympia dabei war. Jetzt haben wir es endlich geschafft, uns wieder zu qualifizieren, und darauf wollen wir aufbauen“, sagt die Angreiferin, die in Mailand auch von ihren Eltern und ihrer drei Jahre älteren Schwester Paula angefeuert wird, die selbst lange Jahre Nationalspielerin war und seit ihrem Karriereende als Lehrerin arbeitet. Jeff MacLeod, der seinen Vertrag zu Jahresbeginn bis nach der Saison 2026/27 verlängert hat, sieht es genauso. „Diese Mannschaft hat nun die große Chance, auf die sie seit Jahren hingearbeitet hat. Für das deutsche Eishockey ist das eine große Sache, und wir haben alle Gänsehaut, wenn wir daran denken“, sagt er. 

    Mit sportlichen Prognosen ist das immer so eine Sache. Aber wer die Energie spürt, die die deutschen Eishockey-Frauen ausstrahlen, teilt die Hoffnung, dass die Gänsehaut bis zum 19. Februar anhalten kann; dem Tag, an dem in Mailand die Medaillen ausgespielt werden. 

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