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„Der Irrglaube, dass sich ein später Einstieg in Sport nicht lohnt, ist längst widerlegt“

Im dritten Teil unserer Serie „20 Jahre DOSB“ spricht Bernd Wolfarth, seit 2010 als Leitender Mannschaftsarzt für die Betreuung der Olympiateams zuständig, über die Bedeutung von Sport und Bewegung für die Gesunderhaltung.

DOSB Redaktion
DOSB Redaktion

19.01.2026

Senioren treiben Sport im Wald
Sporttreiben ist in jedem Alter sinnvoll, auch der Einstieg in den Sport ist nicht altersgebunden.

Wenn am 6. Februar die Olympischen Winterspiele in Norditalien eröffnet werden, startet Bernd Wolfarth bereits in seine zwölften Spiele als Sportmediziner bei Olympia; zunächst zweimal für den Biathlon-Verband, 2008 in Peking als stellvertretender Chief Medical Officer und seit 2010 in Vancouver als Chefmediziner des Team D. Der 60-Jährige, der im Hauptberuf die Abteilung Sportmedizin der Charité in Berlin leitet, ist auf seinem Feld einer der anerkanntesten Experten. Für unsere Serie „20 Jahre DOSB“ spricht der gebürtige Freiburger über die Entwicklungen der vergangenen 20 Jahre im Bereich Gesunderhaltung durch Sport und gibt Tipps für den Einstieg ins Sporttreiben. 

DOSB: Bernd, du erlebst in Italien deine zwölften Olympischen Spiele, die neunten als Chief Medical Officer des DOSB. Verspürst du immer noch Vorfreude oder Aufregung, oder ist Olympia für dich Business as usual geworden?

Bernd Wolfarth: Auf keinen Fall, die Vorfreude ist immer noch groß, die Aufregung dagegen ein wenig geringer. Wenn man so oft in dieser Funktion verantwortlich war, kennt man die administrativen Abläufe und weiß, was einen erwartet. Das macht mich ein Stück weit gelassener. Die Vorfreude ist aber ungetrübt.

Was sind deine wichtigsten Aufgaben als leitender Olympiaarzt?

In erster Linie fungieren mein Team und ich als Ansprechpartner für das medizinische Personal der Fachverbände, die vor Ort sind. Meine Kollegin Katharina Blume und ich teilen uns die Zuständigkeiten für die sechs Cluster untereinander auf. Wenn es an einem Standort ein medizinisches Thema gibt, zum Beispiel, wenn Medikamente fehlen oder es einer Zweitmeinung zu einem medizinischen Problem bedarf, stehen wir zur Verfügung. Ich persönlich habe zudem einige medizinisch-administrative Aufgaben. Als Beispiele kann ich hier das Thema medizinische Ausnahmegenehmigungen oder den Austausch von Athletinnen und Athleten auf der Basis von medizinischen Gründen anführen. Hierfür ist die Kommunikation mit dem IOC oder den internationalen Fachverbänden beziehungsweise deren ärztlichen Kommissionen notwendig.

Unser Thema sollen heute nicht die Olympischen Spiele sein, sondern die Bedeutung von Sport in der Spitze und vor allem in der Breite für die Gesunderhaltung. Wie haben sich über die vergangenen 20 Jahre, die der DOSB existiert, die Bedarfe von Leistungssportler*innen in der Umsetzung von Gesundheitsthemen verändert?

Das ist ein sehr individueller Bereich, eine allgemeingültige Antwort kann ich hier nicht geben, da die Athletinnen und Athleten ganz unterschiedliche Zugänge zum Thema Gesundheit haben. Das ist von der jeweiligen Sportart ebenso abhängig wie von der persönlichen Geschichte. Was sich definitiv verändert hat, sind die Rahmenbedingungen, also die grundsätzliche Wahrnehmung des Themas Gesundheit und der Umgang damit. Dadurch dass sich jeder Mensch im Internet aus nahezu unerschöpflichen Quellen informieren kann, ist das Wissen in diesem Bereich deutlich gewachsen, aber auch die Unsicherheiten, weil viele nicht wissen, was sie mit all den Informationen anfangen sollen. Das ist eine Herausforderung für die Medizin, die viel Aufklärungsbedarf mit sich bringt.

Schauen wir auf den Breitensport. Wie unterscheidet sich die Herangehensweise an das Thema Gesunderhaltung im organisierten vom individuellen Freizeitsport?

Auch hier gibt es große individuelle Unterschiede. Es gibt Vereine, die sind in diesem Bereich so gut wie gar nicht aufgestellt. Aber in der Regel spielt der medizinische Aspekt von Sport im organisierten Bereich doch eine wichtige Rolle. Vereine und Verbände, die dem Leistungssport eine hohe Bedeutung zumessen, ermöglichen ihren Sportlerinnen und Sportlern oft umfangreichen Zugriff auf medizinische Versorgung. Im Breitensport spielt das Thema naturgemäß eine untergeordnete Rolle, da müssen sich Athletinnen und Athleten eher selbst um ihre Versorgung kümmern. Was wir zweifelsohne wahrnehmen, ist der Trend der Vereine, mehr Gesundheitsangebote zu machen, zum Beispiel Rehasport oder besondere Angebote für Kinder oder alte Menschen. Das sind Trends, die die Mitgliedergewinnung positiv beeinflussen. Zusammengefasst kann ich sagen, dass Gesunderhaltung und Therapie Felder sind, die eine höhere Bedeutung als früher haben, bei denen aber die intrinsische Motivation, sich darum zu bemühen, weiterhin eine wichtige Rolle spielt.

In welcher Form hat sich der Umgang mit dem Thema Gesunderhaltung durch Sport in der Gesellschaft in den vergangenen 20 Jahren verändert? Geht der Trend zum Körperkult einher mit einer erhöhten Bereitschaft, leistungsfördernde, aber gesundheitsgefährdende Substanzen zu konsumieren?

Für den Kraftsport lässt sich das anhand der wissenschaftlichen Datenlage schon konstatieren, da haben wir ein leistungsorientiertes Klientel, das sich nicht den im organisierten Sport vorhandenen Regelwerken unterwirft und eine deutlich niedrigere Hemmschwelle hat, sich solcher, in den Anti-Doping-Regeln des organisierten Sports verbotenen Substanzen zu bedienen. Im Allgemeinen sehe ich aber keine signifikante Zunahme auf diesem Gebiet. Was wir beobachten: Die Schere zwischen denen, die sich kaum oder gar nicht bewegen, und denen, die sehr umfänglich oder leistungsorientiert Sport treiben und dabei zu Extremen neigen, geht immer weiter auseinander. Das ist eine Herausforderung, der wir uns auch aus Sicht der Medizin stellen müssen.

  • Bernd Wolfarth

    Grundsätzlich ist jede Bewegung positiv, 3.000 Schritte sind besser als 1.000 und 1.000 besser als nichts. Aktuell gehen wir davon aus, dass 7.000 bis 8.000 Schritte eine gute Zielgröße darstellen.

    Bernd Wolfarth
    Leitender Mannschaftsarzt
    Deutscher Olympischer Sportbund

    Noch ist das Jahr 2026 jung, die Neujahrsvorsätze sind noch nicht vergessen. Was rätst du Menschen, die jetzt mit Sport beginnen wollen?

    Die wichtigste Voraussetzung ist, dass eine ehrliche Grundmotivation dafür vorhanden ist. Ein Antrieb, der sehr unterschiedlich geartet sein kann. Aber ein Ziel, das man erreichen will, ist immer hilfreich. Bei Menschen, die noch nie Sport getrieben haben, kann das ein medizinischer Ansatz sein, weil das Übergewicht zu viel geworden ist oder die Blutwerte schlecht sind. Bei Menschen, die nach langer Pause wieder in den Sport einsteigen, empfehle ich grundsätzlich eine sportmedizinische Untersuchung, um herauszuarbeiten, welche Art von Belastung die verträglichste sein könnte. Es können aber auch soziale Gründe sein, die einen zum Sporttreiben bringen, zum Beispiel das Bekämpfen von Einsamkeit. Wichtig ist, dass das Vorhaben nachhaltig ist, denn nur bei konsequenter Umsetzung stellen sich die positiven Aspekte des Sporttreibens für die Gesundheit ein. Nachhaltig wird es nur dann, wenn das Setup sozialverträglich und realistisch ist und vor allem auch Spaß bringt, denn sonst bleibt man nicht lange dabei.

    Hartnäckig hält sich das Vorurteil, dass es sich im Alter nicht mehr lohne, noch mit Sport zu beginnen. Wie begegnest du diesem?

    Ich unterstreiche explizit: Der Irrglaube, dass sich ein später Beginn nicht lohnt, ist längst widerlegt! Mit 60, 70 oder selbst mit 80 Jahren kann der Einstieg ins Sporttreiben sowohl für die Lebensqualität als auch für das Herz-Kreislauf-System sehr positive Effekte haben. Was stimmt: Der Einstieg wird schwieriger, je später er erfolgt, deshalb legen wir auch so viel Wert darauf, Menschen im Kindes- oder Jugendalter in Bewegung zu bringen. Selbst wenn man dann nach einer langen Pause wieder einsteigt, fällt das leichter, als wenn man ein absoluter Neuling für die körperliche Aktivität ist. Menschen, die älter als 35 Jahre sind, empfehlen wir auf jeden Fall eine sportmedizinische Untersuchung, um die Belastbarkeit einzuordnen und Tipps für eine passende sportliche Betätigung zu bekommen. Ich empfehle hier die neue Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention zur sportmedizinischen Vorsorgeuntersuchung, die beschreibt, für wen welche Untersuchungen sinnhaft sind.

    Was hältst du von den Vorgaben der Weltgesundheits-Organisation WHO, die ihre Leitlinie zum Thema Bewegungszeit immer wieder anpasst. Wieviel Bewegung ist denn wirklich ausreichend?

    Die neuen Erkenntnisse der Wissenschaft besagen, dass es die 10.000 Schritte, die lange propagiert wurden, nicht unbedingt braucht. Grundsätzlich ist jede Bewegung positiv, 3.000 Schritte sind besser als 1.000 und 1.000 besser als nichts. Aktuell gehen wir davon aus, dass 7.000 bis 8.000 Schritte eine gute Zielgröße darstellen, welche zumindest in Bezug auf die positiven Gesundheitswirkungen der körperlichen Aktivität als ausreichend angesehen werden. Bei solchen Vorgaben kommt es immer darauf an, was man erreichen will, aber grundsätzlich finde ich die WHO-Maßgaben sehr hilfreich, weil sie evidenzbasiert sind und unterschiedliche Faktoren einschließen. Als Basiswert gelten für Erwachsene 150 Minuten moderate Bewegung, dazu zählt schon zügiges Spazierengehen, pro Woche oder 75 Minuten intensives Sporttreiben als ausreichend, wünschenswert wäre aber das Doppelte. Anders ist es natürlich, wenn jemand Trainingsziele zur Leistungssteigerung verfolgt. Diese sollten über einen Trainingsplan unter Hinzuziehung von Experten festgelegt werden.

    Was können Vereine tun, um die Themen Gesundheit und Sporttreiben noch besser zu verknüpfen?

    Grundsätzlich bin ich überzeugt davon, dass Vereine das Thema Gesunderhaltung durch Sport noch viel mehr in den Mittelpunkt rücken könnten. Wir haben in der Pandemie gesehen, dass Menschen, die eine gute körperliche Fitness vorweisen konnten, in der Regel deutlich besser durchgekommen sind. Die Mitgliederzahlen in den Vereinen sind nach der Pandemie auch wieder deutlich gestiegen, teils über das präpandemische Niveau hinaus. Das zeigt uns, dass die Menschen verstanden haben, dass Sport ihrer Gesundheit zuträglich ist. Es liegt an den Vereinen, ihre Angebote noch besser zu kommunizieren. Und die, die noch keine entsprechenden Angebote haben, sollten auch das Thema Gesundheit für sich entdecken, denn es bietet große Chancen zur Gewinnung neuer Mitglieder. Auch dürfen wir den demografischen Wandel nicht unterschätzen, es wird in den kommenden 15, 20 Jahren ein deutlich größeres Klientel an älteren Menschen geben, die Angebote zur Bewegung und zur Bekämpfung von Vereinsamung aktiv suchen werden. Darauf sollten sich die Vereine einstellen.

    Und wie können sich Medizinerinnen und Mediziner noch besser wappnen, um die Bedeutung von Bewegung herauszustreichen?

    Das ist tatsächlich ein sehr wichtiges Thema, denn noch sind nicht alle Kolleginnen und Kollegen auf diesem Themenfeld ausreichend informiert. Ich sehe hier durchaus Synergieeffekte mit Vereinen, die in Arztpraxen viel mehr Werbung für ihre Angebote machen könnten. Das kann über klassische Flyer oder Plakate passieren, aber warum nicht einfach auch mal jemanden vom Verein in die Wartezimmer von Arztpraxen schicken, der die Menschen dort zu Angeboten informiert? Wenn sich Vereine durch Kooperationen als Partner der Medizin empfehlen, könnte das beiden Seiten großen Nutzen bringen.

    Einen großen Nutzen für das Thema Bewegung erhoffen wir uns auch von unserer Bewerbung um die Ausrichtung Olympischer und Paralympischer Spiele. Welches Potenzial siehst du darin?

    Ein riesiges, deshalb bin ich auch ein glühender Verfechter der Bewerbung. Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland würden auf vielen Feldern Möglichkeiten eröffnen, die man gar nicht hoch genug einschätzen kann. Kinder und Jugendliche lassen sich durch Vorbilder immens motivieren, selbst Sport zu treiben. Wir könnten viele Sportstätten auf den neuesten Stand bringen, und dabei geht es längst nicht nur um die Wettkampfstätten für die Spiele, sondern auch um den Breitensport, wie die Sommerspiele in Paris gezeigt haben, dank derer zum Beispiel viele Schwimmbäder renoviert oder gar neu gebaut wurden. Dazu haben die Spiele in ganz Frankreich dazu geführt, dass Sport eine höhere Bedeutung erlangt hat, die tägliche Bewegungsstunde in den Grundschulen ist nur ein Beispiel. Wenn wir wirklich den Zuschlag erhalten sollten, können wir all diese Themen mit höherer Intensität einbringen und die Begeisterung der Menschen für den Sport signifikant erhöhen. Ein Slogan der Bewerbung lautet ja, dass wir Deutschland fit machen wollen durch Olympia, und ich bin fest davon überzeugt, dass das möglich ist. Deshalb bin ich uneingeschränkt dafür!

    Herzlichen Dank für deine Zeit und deine Einschätzungen!

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